

                              Ahmed  Rami

                        Ein Leben fr Freiheit



                        Eine  Selbstbiographie


                     Deutsche bersetzung: Jrgen Graf





	         Copyright  Ahmed Rami, Stockholm 1989    
	         ISBN 91-971094-1-X
	         Kultur Verlag, Box 316, 101 24  Stockholm. 
	         Telefon +46-08-6498316 



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Inhaltsverzeichnis   Seiten

 1. Meine Heimat			6

 2. Die ersten Jugendjahre		14

 3. Der Neokolonialismus		38

 4. Ein junger Freiheitskmpfer	44

 5. Die erste Revolte			58

 6. General Oufkir			66

 7. Neue Plne fr eine Revolte	79
 
 8. Ein misslungener Staatsstreich	95

 9. Die Flucht				104

10. Das Schicksal General Dlimis	118

11. Der Knig ist nackt!		121

12. Warum das Militr?		125

13. Die islamische Welt		141

14. In Schweden			145










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           Vorwort des bersetzers

Ich habe Ahmed Rami im Juni 1993 kennengelernt. Von Anfang an hat 
mich die Persnlichkeit dieses aussergewhnlichen Mannes stark in 
ihren Bann gezogen. So zgerte ich denn keine Sekunde, als eine 
schwedische Kameradin mit der Bitte an mich herantrat, sein 1989 
beim Kultur Frlag in Stockholm erschienenes Buch "Ein Leben fr 
Freiheit" ins Deutsche zu bertragen.

Ohne Kenntnis dieser sehr interessanten Selbstbiographie wre sein 
politisches Engagement kaum verstndlich. Nicht khler, distanzierter 
Objektivismus prgt Ahmed Ramis Werk, sondern leidenschaftliche 
Parteinahme fr die Muslime und Araber. 

Heute ist Ahmed Rami eine sehr bekannte Person. Als er, gnzlich auf 
eigene Faust und ohne die geringste Untersttzung irgendeiner Organ-
isation, mit den Sendungen von Radio Islam in Stockholm begann, 
mgen manche Vertreter der dort ungemein einflussreichen zionist-
ischen Lobby ber den kleinen Araber gelacht haben. Ihnen drfte das 
Lachen inzwischen grndlich vergangen sein. Rami hat als erster in 
Schweden den Kampf gegen die Arroganz der Lobby aufgenommen. 

Allerdings hat seine unzimperliche Kritik an Zielen und Methoden der 
Zionisten ihn fr einige Monate hinter schwedische Gardinen gebracht. 
Er nutzte die Gelegenheit, um im Gefngnis Seminare mit Gefangenen 
und Wrtern durchzufhren und Hunderte von Exemplaren seiner 
Bcher zu verteilen. 

Auch knftige Prozesse und die Aussicht auf eventuelle neue 
Gefngnisstrafen werden diesen Mann schwerlich einschchtern. Fr 
die unter totaler zionistischer Kontrolle stehenden schwedischen 
Medien ist Rami lngst der Buhmann Nummer eins. 

Als er nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Knig Hassan - 
dieser wre bei einem Gelingen des Staatsstreichs an die Wand gestellt 
worden - Zuflucht in Schweden fand, feierte man ihn als heldenhaften 
Freiheitskmpfer, und Premierminister Olof Palme empfing ihn 
persnlich. 

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Seitdem er begonnen hat, die Zionisten zu attackieren, speien die 
Mediencliquen Gift und Galle gegen ihn. Wer das grosse Tabu unserer 
Zeit bricht, ist fr die Herrschenden offenbar hundertmal gefhrlicher 
als jemand, der Staatsstreiche und die Fsilierung von Monarchen 
plant. 

Die islamischen Gesellschaften, auch jene, die sich wie die iranische 
ernsthaft um eine eigenstndige Politik bemhen, kranken an einem 
Mangel an gebildeten, mit der westlichen Mentalitt, Geschichte und 
Politik vertrauten Kadern. Sie brauchen, wie Rami meint, dringend 
Menschen, welche die Verhltnisse des 20. Jahrhunderts mindestens 
ebenso gut kennen wie jene des siebten. Ihnen kann Ahmed Rami, der 
in Schweden zu einem politischen Faktor ersten Ranges geworden ist, 
als Vorbild dienen. 

Jahrelang hat er zielbewusst seine Kenntnisse der schwedischen 
Sprache, der schwedischen politischen, gesellschaftlichen und 
kulturellen Landschaft vervollkommnet, ehe er mit seinem Radio Islam 
an die ffentlichkeit trat. Gbe es in den muslimischen Lndern mehr 
Menschen seiner Klugheit und Zielstrebigkeit, so wren sie besser dran. 
Wer den Arabern und Muslimen Gutes fr die Zukunft, wer ihnen 
politische und geistige Unabhngigkeit vom amerikanischen und 
zionistischen Imperialismus wnscht, muss ihnen recht viele Ahmed 
Ramis wnschen.

Die bersetzung und der Druck dieser deutschen Rami-Ausgabe sind 
dank der Grosszgigkeit einer in Deutschland lebenden Schwedin 
mglich geworden. Ihr gilt unser herzlicher Dank.
							      Jrgen Graf









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           Vorwort  des  Verfassers

Zu jener Zeit, wo ich als Offizier der Kniglichen Streitkrfte regel-
mssig hinter die Kulissen der marokkanischen Macht blicken konnte, 
habe ich die Probleme meines Landes Tag fr Tag miterlebt. Und ich 
war nicht der einzige Zeuge. Von den einfachen Soldaten bis zu den 
hheren Offizieren waren all jene, die sich noch eine gewisse moral-
ische Integritt bewahrt hatten, in Opposition gegen die persnliche 
Macht Hassans II geraten, nachdem sie die Korruption und Fulnis 
seines Regimes selbst entdeckt hatten. Die Militrrevolten, an denen ich 
mich beteiligte, waren der Ausdruck unserer Emprung in Anbe-tracht 
der Plnderung der nationalen Reichtmer durch den Knig und die 
Parasitenclique, mit der er sich umgab.

Im Gegensatz zu den westlichen Staaten gibt es in Marokko nur wenige 
Bankberflle. Ganoven, die etwas auf sich halten, wissen heute, dass 
der sicherste, schnellste und im Grunde genommen einzige Weg zum 
Reichtum darin liegt, an der Macht teilzuhaben. Das Feudalsystem, das 
Hassan II im 20. Jahrhundert weiterfhrt, hat die allgemeine Korruption 
zum Regierungssystem erhoben. Er fesselt die herrschenden Eliten an 
sich, indem er ihnen droht, sie beim geringsten Widerstreben 
blosszustellen. Durch tausenderlei Verfhrungen bemht er sich, 
wertvolle Persnlichkeiten, welche an sich zur Opposition neigen 
mssten, zu neutralisieren und sich untertan zu machen.

Das Tyrannenregiment Hassans II beruht auf keinerlei Legitimitt. Es 
kann sich weder auf den Islam berufen (er verbietet die erbliche 
Monarchie) noch auf die Grundstze der westlichen Demokratie. "Der 
Knig ist der Privilegierteste aller Privilegierten", schrieb der grosse 
Historiker Taine im letzten Jahrhundert. Diese Formulierung liesse sich 
heute auf Hassan II anwenden, dessen Regime nur noch den Interessen 
des Neokolonialismus sowie einer Minderheit von privilegierten 
Marokkanern dient. Letzere schwelgen in unerhrtem Reichtum, den 
sie noch nicht einmal durch wirklich produktive Ttigkeit erworben 
haben. Das Volk nennt sie schlicht und einfach "die Diebe"!

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Rami

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Meine  Heimat

Auf einem amerikanischen Satellitenphoto hnelt die Bergkette des 
Anti-Atlas in Sdwestmarokko, wo ich geboren wurde, der Oberflche 
des Mondes. Nichts als ungastliche Wste! Doch ndert sich das Bild, 
wenn man die Wege entlang fhrt, welche sich durch tiefe Tler 
zwischen den hohen Bergen emporwinden, deren Gipfel bis zu 3000 
Meter Hhe erreichen. Wohl sind die oberen Zonen der Berge und der 
hohen Hgel karg und unfruchtbar; die Wucht der Winde und 
Regengsse hat ihre Spur bis weit in die Tler hinab hinterlassen, doch 
an beiden Seiten der Wege erkennt der Besucher, dass er ein uraltes 
Landwirtschaftsgebiet durchquert. Hier spriessen Haine von Mandel- 
und lbumen und kleine Getreidefelder. 

Sie legen Zeugnis davon ab, dass diese Gefilde eine Geschichte haben, 
dass hier eine alte Zivilisation vorhanden war und dass der Mensch 
dieses Land noch nicht ganz gerumt hat. Im Januar, wenn die weisse 
Pracht der Mandelblten sich grell von der ockerfarbenen Erde abhebt 
und wenn nach der Schneeschmelze Sturzbche die Wnde der 
Schluchten niederzischen und ber grne Grasoasen strmen, sind die 
tiefen Tler des Anti-Atlas von betrender Schnheit. Ein Besucher, 
den es hierher verschlagen hat, mag dann annehmen, die Gegend sei 
fruchtbar. Doch leider trgt die Satellitenaufnahme nicht. Die ganze 
Region leidet schwer unter Wassermangel. und es fehlen jegliche 
Voraussetzungen fr eine wirklich erfolgreiche Landwirtschaft. 

Zudem hat sich im Lauf der letzten 30 Jahre das Klima stndig 
verschlechtert; die Abstnde zwischen den Regenfllen sind immer 
lnger geworden, und es kommt zu immer ausgedehnteren 
Drreperioden. Armut und Elend sind die Folgen. Die Ergebnisse 
dieses Klimawandels sind in grossen Teilen von Nordafrika zu spren, 
die langsam aber sicher zu Wste werden. Im Sdwesten Marokkos 
bildet der Anti-Atlas die Grenze zur Sahara, und wie berall in 
Grenzregionen sind es die dort lebenden Menschen, die zuallererst 
leiden mssen, wenn unheilvolle Zeiten nahen.




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Das Wachsen der Wste beruht allerdings nicht ausschliesslich auf 
unerbittlichen klimatologischen Faktoren. Im Verlauf der Jahrhunderte, 
whrend denen die Tler des Anti-Atlas bewohnt waren, hat der 
Mensch selbst tatkrftig zur Verringerung seiner berlebensmglich-
keiten beigetragen. Weidende Herden haben den Boden seines 
natrlichen Schutzes entkleidet, und die Abhnge der Tler wurden 
ihres lebensspendenden Humus beraubt.

Von dem, was die Erde ihnen zu bieten hatte, konnten die Menschen in 
diesen kargen Zonen nie leben. Soweit die Erinnerung zurckreicht, 
haben sie versucht, ausserhalb ihrer angestammten Lebensbereiche auf 
Mittel zum berleben zu sinnen. Whrend langer Drreperdioden und 
in Katastrophenjahren musste der grssere Teil der Bevlkerung nach 
Norden fliehen, in die Ebenen lngs der Atlantikkste, wo die 
berlebenschancen besser waren. 

Doch selbst zur Zeit verhltnismssig guter Ernten suchten viele 
Menschen - ausschliesslich Mnner - ihr Glck im Norden, wobei sie 
ihre Familien zurckliessen. Jene, die das Arabische ausreichend 
beherrschten, versuchten sich oft als "Tulba", Religionslehrer, durch-
zuschlagen, indem sie den Kindern im Norden beibrachten, arabisch zu 
lesen und zu schreiben und den Koran zu verstehen. Andere zogen zu 
den Bergwerken in Westalgerien, nachdem die Franzosen begonnen 
hatten, in ihrer Kolonie Mineralvorkommen auszubeuten. Doch die 
meisten von jenen, die gegen Norden wanderten, liessen sich in den 
Stdten Nordmarokkos nieder und schufen sich dort eine Existenz als 
Kleinhndler.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die Auswanderung der Mnner 
aus den Gebirgsregionen des Sdens solche Ausmasse angenommen, 
dass sie geradezu zur Regel geworden war. Jene, die in ihren Drfern 
ausharrten, bildeten die Ausnahme. Den Auswanderern eilte bald der 
Ruf voraus, streng moralisch, arbeitsam und wirtschaftlich tchtig zu 
sein.




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In der Zeit vor dem 2. Weltkrieg konnte man in den Stdten des 
Nordens ungefhr gleich gut leben wie als Bauer und Viehzchter im 
Sden, doch zehn Jahre spter hatte der Handel in Norden die 
Landwirtschaft im Sden klar auf den zweiten Rang verwiesen. Der 
relative Wohlstand, den man heute in den Drfern antrifft, ist so gut 
wie ausschliesslich importiert.

Man nennt die Menschen aus den von mir geschilderten Regionen 
"Soussi" (Plural "Souassa"). Der Name kommt vom Fluss Souss, der 
zwischen den Gebirgsketten des Hohen Atlas und des Anti-Atlas 
hindurchfliesst und gerade sdlich von Agadir ins Meer mndet. Doch 
wenn die Marokkaner allgemein von "Souassa" reden, meinen sie damit 
nicht die Bewohner der fruchtbaren Ebene um den Fluss, sondern die 
Volksgruppe, die oben in den Bergen des Anti-Atlas beheimatet ist. 

Die Tausenden von Souassa, welche in den grossen Stdten zu so 
erfolgreichen Kaufleuten geworden sind, kommen aus dem Gebiet um 
Tafraoute und entspringen Stmmen, deren Drfer an den Abhngen 
des grossartigen, urwchsigen Berges Jebel Lkist liegen. Dieser ragt 
2800 Meter in die Hhe und beherrscht diesen Teil des Anti-Atlas. 

Unterhalb dieses Berges erstreckt sich ein Tal von Norden nach Sden. 
Es ist nur einige Kilometer breit und ein paar Meilen lang, doch hier 
herrschen natrliche Voraussetzungen fr Ackerbau und Besiedlung, 
wenn auch nur in begrenztem Umfang. Die Drfer sind in der Nhe 
von Wasserlufen emporgeschossen, welche die Berghnge nieder-
brausen, und um das Wasser herum haben die Bewohner terrassen-
frmige Anbauflchen fr Getreide, Mandelbume und Olivenhaine 
angelegt. Doch heutzutage, wo der Ackerbau bereits grossenteils 
aufgegeben worden ist, sind die Drfer verfallen, und einzelne Huser 
stehen einsam und verlassen auf Feldern, die der Mensch wieder der 
Natur berlassen hat.

Die sieben Stmme jener Gegend zhlen insgesamt vielleicht 80'000 
Seelen. Zwei Nachbarstmme haben durch ihre Geschicktheit und ihren 
Erfolg nicht zuletzt auf dem Gebiet des Handels besonderen Ruhm 
erworben. Einer davon ist der Tahala-Stamm, dem ich angehre. 

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Jeder dieser sieben Stmme grndet sich auf Verwandtschaftsbande. 
Ihr sozialer und kultureller Hintergrund ist sehr hnlich. Sie bilden 
zusammen eine begrenzte geographische Einheit und besitzen 
gegenber Fremden eine eigene Identitt. Der Sammelbegriff fr diese 
Stmme lautet "Ammeln". 

Auf einer unteren Stufe finden wir dann Einheiten, die auf nahe 
Verwandtschaft und Blutsbande zurckgehen. Eine solche Einheit, die 
man Stamm nennt, aber vielleicht mit einem treffenderen Ausdruck als 
Klan bezeichnen knnte, heisst in der Berbersprache "afus", was 
"Hand" bedeutet.

Ein solcher "afus" ist der Tahala-Stamm. Heutzutage ist er sdwestlich 
des Berges Jebel Lkist beheimatet. Sein Verwaltungszentrum ist die 
kleine Stadt Tafraoute. Als mein Urgrossvater Rami den Tahala-Stamm 
anfhrte, hiess dieser Ait Rami. Rami bedeutet auf arabisch "Schtze", 
doch in der Berbersprache "Mann". Das Wort "ait" leitet sich vom 
arabischen "ila", "Familie", ab. Als mein Grossvater Moussa Ouhmou 
Stammeshuptling wurde, nahm der Stamm den Namen Ait Moussa 
an. 

Mein Grossvater wurde zum Huptling gewhlt, weil er mutig und ein 
guter Schtze war. Er wurde von einem schwarzen Berufsmrder 
umgebracht. Der Mord geschah auf dem Marktplatz Tahala, fnf 
Kilometer von unserem Dorf entfernt. Dies war ein unerhrter Frevel, 
denn der Tradition zufolge war es verboten, auf dem Markt einen 
Menschen zu tten. 

Hinter dem Verbrechen stand ein feindlicher Stamm, der keinen 
anderen Weg sah, ihn aus dem Weg zu rumen, als einen Berufsmrder 
zu dingen, der ihn feige von hinten erschoss. Mein Grossvater war 
gewarnt worden, doch er wollte nicht als Angsthase dastehen und ging 
deshalb zum "Souk" (Markt). Am darauffolgenden Mittwoch erkannten 
einige Menschen auf dem grossen Markt in Tafraoute (Souk Larba, 
10 Kilometer von meinem Heimatdorf) den Mordgesellen wieder und 
erschossen ihn. So wurde mein Grossvater gercht.


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Unter den Souassa war Blutrache im 19. und zu Beginn des 20. 
Jahrhunderts gang und gbe. Ein Grund fr die hufigen 
Rachefeldzge lag in den inneren Spannungen, die unter einer 
Bevlkerungsgruppe entstanden, wo immer mehr Menschen von den 
immer kargeren Ertrgen des Bodens leben mussten. Die Blutrache war 
aber auch ein Ergebnis der primitiven, aber wirksamen Rechtsordnung, 
die in isolierten Gemeinschaften existiert. Wer dort einen Menschen 
ttet, muss mit seinem eigenen Leben dafr bssen. Da es keine 
ordnende Macht gab, rchten sich die verschiedenen Familien und 
Klans auf eigene Faust fr erlittenes Unrecht. Sie sttzten sich dabei 
auf Bruche und Regeln, die von Generation zu Generation 
bernommen wurden.

Geschah ein Mord, und war der Mrder bekannt, so musste er das 
Land verlassen. Danach konnte sich die Familie des Opfers nicht an der 
des Tters rchen. Doch konnten fnf Angehrige des Ermordeten 
schriftlich zu Rchern bestimmt werden; sie hatten dann das Recht, den 
beltter aufzuspren und umzubringen. Gelang ihnen dies, drohte 
ihnen keine Landesverweisung. War ein Mord ohne Vorbedacht 
begangen worden, konnte der Tter der Familie seines Opfers ein 
Blutgeld bezahlen. Bisweilen begnadigte der Stamm einen Mrder 
sogar dann, wenn die Tat vorstzlich geplant war.

Natrlich gab es auch Morde, bei denen der Tter unbekannt blieb. 
Wurde dann jemand des Verbrechens verdchtigt, so konnten seine 
Blutsverwandten seine Unschuld beschwren. Dasselbe galt fr andere 
Vergehen, die ungeklrt blieben. In manchen Fllen beschworen fnf 
Mitglieder eines Afus die Unschuld des Beschuldigten, in anderen 12 
oder gar 25. Bei einem Mordfall brauchte der Verdchtige nicht 
weniger als 50 Brgen. Als solche kamen lediglich Angehrige seines 
eigenen Afus in Frage. blicherweise wurde der Eid am Grabe eines 
Heiligen geleistet und von einem religisen Fhrer mit dem Koran in 
der Hand berwacht.

Die soziale Gruppierung, die am besten dazu geeignet war, innere 
Streitigkeiten beizulegen, war der Afus. Ein solcher umfasste bis zu 50 
Familien. In einem Dorf konnten viele Afus gemeinsam leben. Jeder 
Afus, und darberhinaus jedes Dorf, whlte einen Fhrer, in der Regel 
einen lteren Mann, und zwar meist auf Lebenszeit. 

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Bei Streitfllen waltete dieser als Vermittler. Liess etwa jemand seine 
Ziegen auf den Feldern seines Nachbarn weiden, oder geschah ein 
Diebstahl, oder kam es zu einem Streit um Wasserrechte, so bemhte 
sich der "Anfgour", den Zwist zu schlichten. Als Anfgour bezeichnet 
man den gewhlten Vertreter des Afus in der "Djama" 
(Ratsversammlung) des Dorfes.

Der Stamm in seiner Gesamtheit whlte seinerseits einen Fhrer 
("Anflous"). Seine Aufgaben waren dieselben, nur eben auf hherer 
Stufe. Jeder Stamm besass seine Regeln ("Luh", was eigentlich 
"Holzstck" bedeutet). Diese sahen genaue Sanktionen fr alle Delikte 
vor und legten sogar die Art und Weise fest, wie Mrkte abzuhalten 
waren. Dem Anflous oblag die Aufgabe, ber die Einhaltung der Luh 
zu wachen. Alles hatte seinen Preis, sogar Beleidigungen. Wurde 
jemand verletzt, so mass man seine Wunde mit den Fingern eines 
mittelgrossen Mannes, und die Luh sahen fr jede Fingergrsse der 
Wunde eine Bussezahlung im Verhltnis zum Ausmass des Schadens 
vor.

Regeln und Gebruche dieser Art prgten das Dasein in den 
Souassadrfern. Sie waren im Lauf einer generationenlangen isolierten 
Existenz in den Bergen entstanden. Niemand weiss, wann die ersten 
Berber die Regionen des Anti-Atlas erreicht haben. Man weiss noch 
nicht einmal, wann dieses Volk Nordafrika zu besiedeln begann. Seine 
Geschichte ist in Mythen und Sagen gehllt, und man kann nicht mit 
Sicherheit feststellen, woher es gekommen ist. 

Die Griechen und spter die Rmer gaben diesem Volke den 
Spitznamen "Berber". Als solche galten den Griechen all jene 
Menschen, die nicht griechisch sprachen und somit ausserhalb der 
damals herrschenden, griechisch geprgten Zivilisation standen. Die 
Berber nennen sich selbst "Chleuch" und "Amazigh" (Plural 
"Imazighn"), was soviel wie "freie Menschen" bedeutet. Als die Araber 
gegen Ende des 7. Jahrhunderts nach Marokko kamen, bildeten die 
Berber dessen Bevlkerung.




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Auf den Ebenen und in den teilweise stdtisch geprgten Gebieten 
Marokkos errichteten die Araber ihre ersten festen islamischen Basen. 
In diesen Zonen wurde das Arabische bernommen, zunchst als 
Sprache der Religion, doch spter auch als Alltagssprache.

In den Bergen wurde dem entstehenden Staat am heftigsten Widerstand 
geleistet. Dort sowie in der Wste fiel die Bekehrung zum Islam leichter 
als die bernahme der arabischen Sprache und des Stadtlebens. 
Erstaunlicherweise entsprangen einige der wichtigsten islamischen 
Kmpfer, die sich gegen die Korruption in den Stdten und fr einen 
erneuerten, revolutionren Islam einsetzten, den eigentlichen Nomaden 
der Sahara sowie den halbnomadischen Stmmen in den Bergen.

Hamitischsprechende Berber und semitischsprechende Araber; eine 
arabisierte Stadtbevlkerung und nichtsesshafte Berber der Gebirge, die 
whrend der verschiedenen Jahreszeiten von ihren Feldern zu den 
Weiden und dann zurck zu den Feldern wandern: das ist die 
Bevlkerung Marokkos. Dieses lsst sich einer Halbinsel vergleichen. 
Auf zwei Seiten wird es von Meeren umsumt, dem Atlantik und dem 
Mittelmeer, auf der dritten von Wsten und Gebirge. 

Einst brach dieses Land aus seiner Isolierung aus und verpflanzte seine 
maurische Zivilisation nordwrts nach Spanien, doch musste es dieses 
einige Jahrhunderte spter wieder verlassen und sich abermals in die 
Isolation zurckziehen. Marokko bildet den westlichen Aussenposten 
der islamischen Welt. Es wird berall von Stmmen aus den Oasen der 
Sahara durchstreift, von fanatisch glubigen Nomaden, die eine 
Dynastie nach der anderen begrndet haben. Lnger als jedes andere 
Land in Nordafrika konnte sich Marokko der europischen Zivilisation 
entziehen. 

Doch eines Tages im Jahre 1907 stiegen franzsische Marineeinheiten 
bei einem rmlichen Fischerdorf namens Anfa an Land. Der Ort heisst 
heute Casablanca und zhlt vier Millionen Einwohner. Marokko ist ein 
Land, das grsstenteils aus Bergen und Wsten besteht. Hier scheint die 
Zeit langsamer vorangeschritten zu sein als anderswo.


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Will man festsetzen, von wann an sich das Rad der Geschichte rascher 
zu drehen begann, so fllt die Wahl zwangslufig auf das Jahr 1912. 
Damals erffneten Franzosen und Spanier ihren Eroberungsfeldzug in 
Marokko. Dieses wurde zum "Protektorat" ernannt, was bedeutete, dass 
die europischen Mchte das Recht fr sich in Anspruch nahmen, es 
nach Herzenslust auszuplndern.

Es war den franzsischen Streitkrften ein leichtes, die korrumpierten 
Stdte und die Ebenen in Besitz zu nehmen, doch es dauerte 20 Jahre, 
bis sie die Bergvlker des Anti-Atlas "befriedet" und unterworfen 
hatten. Der Grund dafr lag einerseits in dem unwegsamen Gelnde, 
andererseits im unerschrockenen Widerstand der Bergbevlkerung. Der 
Islam kam aus dem Osten, um die Menschen zu befreien; der 
Kolonialismus kam aus Europa, um sie wirtschaftlich, kulturell und 
politisch zu unterdrcken und auszubeuten.

In der Mitte der vierziger Jahre baute die franzsische Armee die erste 
Strasse zwischen Tafraoute und Tiznit. Darauf begannen die Mnner 
aus Souss, in grosser Zahl nach Casablanca abzuwandern, das in der 
Folge unmssig wuchs.



















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Die  ersten  Jugendjahre

Als ich das Licht der Welt erblickte, waren meine Eltern Bauern, doch 
reichte der Ackerbau nicht aus, um der neuen Generation eine wrdige 
Existenz zu bieten, so dass mein Vater, M'barek ben Moussa ebenfalls 
nach Casablanca zog. Ich habe keine Ahnung, in welchem Jahr das 
war, und ich weiss nicht einmal, ob er zu Hause war, als ich geboren 
wurde. 

Mein Geburtsort war das Dorf Douar Ait-Mar, in der Gegend des 
Tahalastammes, unweit von Tafraoute im Anti-Atlas. Mein Geburtsjahr 
mag 1946 gewesen sein, aber dies ist nicht sicher. Wrde ich meine 
Mutter Fatima heute nach dem Datum fragen, so wsste sie kaum zu 
antworten. Sie ist Analphabetin und hat nie im Leben einen Kalender 
besessen. Das einzige, was zhlt, ist die Jahreszeit; wichtig ist, ob es 
Winter oder Sommer ist. Jede Jahreszeit kehrt wieder, sie braucht nicht 
datiert zu werden. Fr meine Mutter ist die Zeit ein Kreislauf, kein 
Fortschreiten. Will sie einen Zeitpunkt nher bestimmen, so bezieht sie 
sich auf ein bedeutsames Ereignis, das im Gedchtnis der Menschen 
haften geblieben ist, eine Seuche beispielsweise oder eine 
Naturkatastrophe. 

Dass meine Mutter weder lesen noch schreiben kann, ist in Marokko 
durchaus nichts Aussergewhnliches. Sie hat ihr Heimatgebiet nie im 
Leben verlassen; fr sie endet die Welt am Horizont des nchsten 
Berges. Ihre Welt umfasst das Dorf, das Nachbardorf und den Stamm. 
Sobald ich krftig genug dazu war, musste ich meiner Mutter bei der 
Feldarbeit helfen. Ich hatte einen lteren Bruder, der mit meinem Vater 
nach Casablanca ziehen durfte. Dass die Menschen in meinem Dorf so 
viele Kinder wollten, lag wohl vor allem daran, dass sie mglichst viele 
Arbeitskrfte fr die Feldarbeit brauchten. Kinder waren ihre 
Altersversicherung.

Meine Mutter hat acht Kinder zur Welt gebracht. Zuerst wurde 
Mohamed geboren, dann ein Mdchen namens Khlija. Sie starb an 
irgendeiner Krankheit. Es gab im Dorf kein Krankenhaus, keinen Arzt 
und keine Krankenschwester. So etwas gab es auch in Tafraoute nicht, 
und berhaupt nirgends in der ganzen Umgebung. 

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Als drittes Kind kam ich zur Welt. Es folgten Abdallah, Lahcen, Ali 
und nach diesem noch zwei Kinder, Brahim und Mustafa, die beide 
einer Krankheit erlagen. Abdallah, Lahcen und Ali leben heute in 
Casablanca. Mohamed ist ca. im Jahre 1977 gestorben. Als ich 
ungefhr vier Lenze zhlte, schickte meine Mutter mich auf eine 
Koranschule, wo ich die Sprache der heiligen Schrift, Arabisch, lesen 
und schreiben lernen sollte. In jedem Dorf gab es eine Moschee und 
einen "Fqih", einen Religionslehrer, der genug wusste, um die 
Grundlagen des Lesens und Schreibens zu vermitteln. Ihm oblag auch 
die Verantwortung fr die Moschee; diese ist nmlich nicht nur ein Ort 
des Gebets, sondern dient auch als Schule fr Kinder, welche dort den 
Koran auswendiglernen sowie lesen und schreiben lernen. 

Unser Fqih, Sidi Souleiman, stammte nicht aus dem Dorf, sondern aus 
einer ganz anderen Gegend, denn einen Menschen, der so hochgebildet 
war, dass er das Arabische in Wort und Schrift einigermassen 
beherrschte, gab es bei uns nicht. Er schrieb die Briefe, welche die 
Einwohner unseres Dorfes absenden wollten - etwa den, welchen meine 
Mutter an den in Casablanca weilenden Vater schickte - und las ihnen 
auch die Briefe vor, die sie ihrerseits erhielten. 

Er war es auch, der den Koran und die islamische Religion vermittelte 
und deutete. Der Islam kennt keinen Priesterstand. Das Wort Fqih 
bezeichnet schlicht und einfach den "Gelehrten, der als Lehrer und 
Imam in der Moschee wirkt. Unter einem Imam versteht man den 
Leiter des Gebets. Als solcher kann jeder beliebige Muslim amten. 
Jeder, der eine Ausbildung durchlaufen hat, ist ein Fqih.

Im Dorf lebten rund 40 Familien. Jeden Tag ass der gelehrte Mann bei 
einer davon; sie sorgten abwechselnd fr sein Essen. Er betrat ein Haus 
nur, wenn der Mann daheim war; ansonsten bereitete ihm die Frau 
einen Teller Essen zu, der ihm dann berreicht wurde. 

Eines schnen Tages sandte mich meine Mutter also wie erwhnt auf 
zu ihm. Ich hatte keine Ahnung, wie man sich dort benahm. Ich ging 
einfach auf den Lehrer zu und sagte ihm, ich sei ein neuer Schler. Er 
blickte mich bse an. "Hau ab", sagte er, "du gehrst aufs Feld. Du bist 
nicht dafr geschaffen, lesen und schreiben zu lernen und den heiligen 
Koran zu studieren." 
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Spter erfuhr ich, dass er so wtend war, weil ich ihm kein Geschenk 
mitgebracht hatte. Ich selbst wurde zornig und traurig zugleich und 
heckte, wie mir meine Mutter spter erzhlt hat, einen Racheplan aus. 
Als wieder der Tag gekommen war, wo meine Familie ihm sein Essen 
besorgen musste, schickte meine Mutter mich mit einem Paket zur 
Moschee.

Dort ging es so zu, dass man an die Tr klopfte, worauf er die Hand 
ausstreckte und den Teller in Empfang nahm, ohne einen Blick nach 
aussen zu werfen, denn im allgemeinen wurde ihm das Essen von 
Frauen gebracht. Auf dem Weg zur Moschee hatte ich dass Essen auf 
dem Teller weggeschttet und durch Kot ersetzt. Der Lehrer platzte 
frmlich vor Wut und schleuderte mir den Teller nach, whrend ich 
eilig das Weite suchte. Dies verursachte im Dorf einen Riesenskandal. 
Htte man mich zur Koranschule zugelassen, so htte ich Freundschaft 
mit den anderen Kindern geschlossen, doch stattdessen musste ich auf 
den Feldern arbeiten. 

Whrend meiner Kindheit habe ich so gut wie niemals gespielt, denn 
ich musste in aller Herrgottsfrhe aufstehen, um das Essen zuzubereiten 
und die Tiere zu fttern. Damals besassen wir eine Kuh und ein Schaf. 
So etwas wie ein Spielzeug nannte ich nie mein eigen. Doch, einmal 
hatte ich eines. Als mein Vater eines Tages in der Nhe unseres Hauses 
einen Brunnen grub, sah ich, wie er vorging. Er benutzte dazu einen 
Vorschlaghammer sowie einen Handbohrer, um Lcher auszuheben. 
Dann stopfte er Schiesspulver und eine Lunte hinein. Als ich einmal 
allein zu Hause war, tat ich es meinem Vater gleich, doch legte ich das 
Schiesspulver sowie die Lunte unter einen grossen Stein. Der Knall war 
im ganzen Dorf zu hren. Soweit ich mich entsinnen kann, war dies das 
einzige Mal, dass ich gespielt habe.

Das Dorf war sehr arm, aber selbstversorgend. Die Menschen bauten 
alles an, was sie zum Leben brauchten, und Hunger war unbekannt. 
Jedermann arbeitete ausserordentlich hart. Das Klima jener Zonen ist 
ungnstig, und schon zu jener Zeit herrschte Wassermangel. 



                                                      16
Doch so schwer die Leute auch fr ihr tgliches Brot schuften mussten, 
sie waren frei und hatten die Wrde sowie den Stolz des unabhngigen 
Menschen. Bettler und Diebe waren unbekannt, und Kriminalitt gab es 
so gut wie gar nicht. Alle gehrten dem gleichen Stamme an; kein 
Fremdling hauste im Dorf. Man heiratete einen Partner aus demselben 
Dorf oder vielleicht aus dem Nachbardorf, doch keinen Fremden. 

Das Leben der Dorfbewohner war usserst stark von der Religion 
geprgt. Der Islam war alles, was den Menschen zur Verfgung stand, 
um die grossen Fragen des Lebens zu beantworten. Unterliess es 
jemand, regelmssig zu beten, so wusste gleich das ganze Dorf davon. 
Ein solches Versumnis gilt dort bis zum heutigen Tage als Schande.

Die "skularisierte" weltliche Macht hatte seit der Ankunft der 
Franzosen ihren Sitz in Tafraoute, denn dort residierte der Hauptmann, 
der die Kolonialmacht vertrat. Von meinem Dorf waren es 17 
Kilometer nach Tafraoute; dorthin fhrte durch das Tal ein Pfad, aber 
eine Strasse gab es noch nicht. Die Luftlinie betrug wohl nicht mehr als 
fnf Kilometer. Jeden Mittwoch wurde in Tafraoute ein Souk, also ein 
Markt, abgehalten. Diesen suchten wir allerdings nur selten auf, weil es 
in Tahala, das nur halb so weit weg lag, einen Sonntagsmarkt gab. 

Solche Mrkte spielten auch eine bedeutsame soziale Rolle. Man traf 
sich nicht nur, um Geschfte abzuschliessen. An diesen Tagen trug man 
seine besten Kleider, da man ja Menschen aus anderen Gegenden traf. 
Man plauderte ber "Politik", vermittelte Neuigkeiten und erzhlte 
Gerchte weiter. Auf einem Markt wurde mein Vater 1956 zum 
"Shejk" (Stammes-huptling) gewhlt. Bei uns Berbern ging die 
Huptlingswrde keinesfalls automatisch vom Vater auf den Sohn ber. 
Ein neuer Shejk wurde gewhlt. Mein Vater hatte gegen die Franzosen 
gekmpft, und in Casablanca hatte er Interesse fr die Politik geschpft 
und sich 1953 der Istiqlal, also der Selbstndigkeits-partei, 
angeschlossen. Deshalb verehrten ihn die Menschen im Dorf. Bei der 
Wahl auf dem Marktentfielen fast alle Stimmen auf ihn, und er wurde 
Stammeshuptling ("Amghar" in der Berbersprache). Die 
Dorfbewohner nannten mich nun "Ben Shejk", Sohn des Scheichs. Auf 
diesem Wege wurde mein Vater nun auch zum Vertreter der zentralen 
Macht des Stammes, nachdem Marokko seine Unabhngigkeit erlangt 
hatte.
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Wie alle Berberdrfer war auch das unsere von altersher von einer 
"Djama" gelenkt worden. Unter einer solchen versteht man eine 
Gruppe von zwlf durch die Dorfbewohner gewhlten Mnnern, 
welche eine Art Rat bildeten. Sie trafen sich so oft sie konnten und 
errterten die Lage im Dorf. Formale Sitzungen gab es nicht; sie fanden 
sich einfach zusammen und setzten sich irgendwo hin. Grundstzlich 
konnte jeder beliebige Mann an diesen Treffen teil-nehmen, und die 
meisten, die dies taten, waren altehrwrdige Mnner. 

Das Alter spielte eine wichtige Rolle, denn "die lteren sind weiser als 
die jngeren", und man schenkte ihnen grssere Aufmerksamkeit. Da 
das Dorf so abgelegen war, diskutierte man meist ber praktische 
Fragen, beispielsweise darber, ob man gemeinsam eine Brcke bauen 
sollte oder wann man mit der Ernte beginnen wollte. Der Boden, der 
einem Bauern gehrte, bildete nicht unbedingt ein zusammenhngendes 
Ganzes; man konnte da ein Stckchen Land besitzen und dort ein 
Stckchen, und es galt den richtigen Zeitpunkt fr Aussaat und Ernte 
beizeiten festzulegen.

Mein Vater hatte an dem langen Krieg gegen die Franzosen 
teilgenommen, welche die lndlichen Zonen Marokkos unter ihre 
Herrschaft bringen wollten. Dieser Krieg zog sich ber 25 Jahre dahin. 
Erst dann glckte es den Franzosen, die Landgebiete zu unterjochen. 
Mein Vater war bei der letzten Schlacht bei Ait Abdallah im Jahre 1934 
dabei. Damals besiegten uns die Franzosen; anschliessend beuten sie in 
Tafraoute einen Militrsttzpunkt. 

Die Enttuschung unserer Kmpfer war natrlich grenzenlos. Unser 
ganzer Kampf unterstand islamischen Prinzipien. Er war eine Art 
"Jihad", worunter man die islamische Pflicht zum Kampf gegen die 
Ungerechtigkeit versteht. "Jihad" heisst Kampf. Im Westen missversteht 
man den Begriff im allgemeinen. Man meint, es bedeute "heiliger 
Krieg", doch dieser Erklrung ist zu einfach. Das Wort leitet sich vom 
Verbum "jahada" ("sich anstrengen") ab. Jihad ist eine islamische 
Pflicht. Es ist der Kampf gegen das Bse und das Unrecht, nicht, wie 
man im Westen whnt, ein "heiliger Krieg", sondern ein Krieg fr die 
Gerechtigkeit, deren Schutz einem Moslem als religise Pflicht obliegt. 
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Das Gerechtigkeitsprinzip ist der Grundpfeiler des Islam. Es verlangt 
von jedem einzelnen, dass er sich anstrengt. Man unterscheidet 
zwischen dem "grossen" und dem "kleinen" Jihad. Der grosse Jihad ist 
der Kampf gegen das Bse in uns selbst. Der kleine Jihad ist der 
Kampf gegen das Bse ausserhalb von uns, das Bse in der 
Gesellschaft oder der Welt. 

Als die Franzosen unser Land kolonisierten, wurde gegen sie der kleine 
Jihad ausgerufen. Aber das Bse, das Unrecht triumphierte ber uns. 
Fr alle unsere Menschen war dies eine namenlose Enttuschung, eine 
Katastrophe rgster Art. Doch das Volk gab nicht auf, sondern setzte 
seinen Widerstandskampf fort. Der Islam verlieht ihm Kraft und Strke 
wie spter den afghanischen Freiheitskmpfern gegen die Sowjets oder 
heute noch den Palstinensern. 

Der Widerstand gegen die Kolonisierung war fr uns eine 
Herzenssache. Der Kolonialismus, dem wir gegenberstanden, war nur 
ein Teil des kolonialistischen Systems, das so gut wie die ganze 
islamische Welt heimsuchte und noch heute in verschiedenen Formen 
weiterlebt: indirekt beispielsweise in Marokko, direkt in Palstina und 
im Libanon.

Im Jahre 1936 leitete ein Fqih, also ein religiser Fhrer, im Atlas-
gebirge mit 1000 Mann einen Angriff gegen eine franzsische 
Garnison. Gott wird uns beistehen, sagte er, wir brauchen keine 
Waffen. Die Franzosen schossen die Angreifer natrlich ber den 
Haufen oder nahmen sie gefangen. Da begriff das Volk, dass man den 
Eroberern und Kolonialisten nicht mit blossen Hnden entgegentreten 
kann.

Man besass damals lediglich alte Waffen: Messer, Schwerter, eine 
Handvoll uralter Flinten. Der Gegner verfgte ber ein hochmodernes 
Waffenarsenal. Die westliche Technologie hatte ber unsere 
Rckstndigkeit gesiegt, nicht ber unseren Glauben oder unsere Ideale. 
Die ganze berlegenheit Israels und der westlichen Welt fusst auf 
dieser technologischen berlegenheit ber die islamische Welt sowie 
die dritte Welt ganz allgemein. 


                                                      19
Vor der Franzosenzeit bten die 12 Mnner, aus denen sich die 
Djama zusammensetzte, die gesamte Rechtssprechung im Dorf aus. 
Im Islam gab es fr jede Situation Przedenzflle und Regeln. Wenn 
die Mnner einen Entschluss gefasst hatten, ging ihr Bescheid von 
Mund zu Mund durchs Dorf. Nichts wurde niedergeschrieben. Man 
konnte da von einer Art direkten Demokratie freier Mnner sprechen, 
welche kennzeichnend fr die Berbergesellschaften war.

Solange die Drfer isoliert waren und keine Zentralmacht existierte, 
ging das gut. Nachdem die Franzosen Fuss gefasst hatten, durfte sich 
der Dorfrat, die Djama, nur noch mit rein praktischen Alltagsfragen 
befassen, whrend die tatschliche Macht bei den Franzosen lag, die 
dann auch alle wichtigen juristischen Fragen selbst entschieden. Dies 
rief Unwillen bei den Berbern hervor, welche diese Einmischung als 
Widerspruch zu den islamischen Gesetzen auffassten. Nun entschieden 
die Kolonialisten ber zivil- und familienrechtliche Probleme, die fr 
die Dorfbewohner von allergrsster Wichtigkeit waren und deren 
Hintergrund die Franzosen nicht kannten. 

Die Menschen im Dorf wandten sich auch dagegen, dass die Franzosen 
Berber und Araber gegeneinander auszuspielen suchten. In Marokko 
besteht wohl ein Gegensatz zwischen Land- und Stadtbevlkerung, 
doch keinesfalls zwischen Berbern und Arabern. Fr den Durch-
schnittsmarokkaner sind "Araber" und "Moslem" Synonyme. Dass man 
Araber sein kann, ohne zugleich Moslem zu sein, ist fr ihn 
unverstndlich. Man darf den Koran nicht bersetzen, und man darf 
seine Gebete nicht in der Berbersprache verrichten. Das Arabische ist 
die Sprache des Koran und folglich heilig. Wenn meine Mutter auf dem 
Boden ein Papier mit arabischer Schrift sieht, regt sie sich furchtbar 
auf, weil eine heilige Sprache nicht in den Schmutz gezogen werden 
darf. Fr sie ist also "Araber" genau dasselbe wie "Moslem".

So etwas wie instututionalisierte Korruption gab es in unserer Gegend 
vor der Kolonialzeit nicht. Natrlich bestanden Ungerechtigkeiten, aber 
solche beseitigten wir selbst, und wer einem anderen ein Unrecht 
zufgte, konnte schlimmstenfalls dafr gettet werden. Hier lag das 
Prinzip der Blutrache begrndet: Hast du einen Menschen umgebracht, 
so musst du im allgemeinen mit deinem eigenen Leben dafr bezahlen. 

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Die Besatzerbehrden arbeitete mit Verrtern zusammen, die schalten 
und walten konnten, wie es ihnen beliebte, ohne dass sie dafr zur 
Rechenschaft gezogen wurden. Ungerechtigkeit und Korruption 
wurden von neuen Gesetzen, vom Staat und der Polizei gedeckt. Vor 
der Kolonisierung herrschte Ordnung, die dann durch eine Art 
organisierte Anarchie abgelst wurde. Gewisse Leute konnten morden, 
sich der Korruption hingeben, ihre Macht schamlos missbrauchen und 
sich auffhren, wie sie wollten, ohne dafr eine Bestrafung zu riskieren. 
Sie hatten das "Gesetz" und die Staatsmacht auf ihrer Seite.

Frher waren wir alle ungefhr gleich arm, doch nun konnten einige 
durch Korruption oder durch Handel in den Stdten zu Reichtum 
gelangen, weshalb die soziale Kluft zwischen arm und reich wuchs. Als 
Beispiel kann man einen Neureichen namens Bouhdar anfhren, der zu 
Beginn der fnfziger Jahre in Tahala lebte. Er hufte durch Spekulation 
Unsummen von Geld an, hatte seine Finger in allen mglichen 
Bestechungsaffren und schenkte dem franzsischen Militr-
kommandanten ein schickes Auto. Als Gegenleistung bekam er die 
Erlaubnis, unter dem Schutz der franzsischen Militrmacht zu tun, 
wonach ihm der Sinn stand. Er war also zum Kollaborateur geworden. 

Zum Zeitpunkt, wo ich dieses Buch schreibe, ist dieser Mann noch am 
Leben. Er treibt es immer noch wie frher, nur verrichtet er seine 
Dienste nun fr die neokolonialistischen Behrden des "neuen", formal 
selbstndigen Marokko. Ehe die Franzosen abzogen, traten sie die 
Macht an die Verrterclique ab, die das Land heutzutage regiert. 
Solchen Verrtern wie dem erwhnten Boudhar galt unser Hass. 
Nachdem die Franzosen den Krieg gewonnen hatten, bekamen wir ihre 
Beamten nicht allzu oft zu Gesicht. 

In unserer Gegend lebte nur ein einziger franzsischer Offizier, der 
Militrkommandant der Besatzerarmee in Tafraoute, der zugleich 
Gouverneur und Fhrer eines marokkanischen Sldnerbataillons war. 
Doch nach dem verlorenen fnfundzwangzigjhrigen Krieg war das 
Volk mde geworden. Pessimismus, Verzagtheit und Verzweiflung 
nahmen berhand, und die Verrter machten sich diese Stimmung 
zunutze. Der von den Kolonialisten protegierte Sultan wurde vom Volk 
als Verrter betrachtet.
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Die Franzosen wussten natrlich sehr wohl, dass unsere Bergzonen 
isoliert und selbstndig gewesen waren und mit dem korrupten Rest des 
Landes nicht allzu viel zu tun hatten. Diese Situation wollten sie nun fr 
ihre eigenen Interessen ausnutzen, indem sie die Berber an der 
franzsischen kulturellen Invasion teilhaben liessen. Die Franzosen 
entschieden, "richtige" franzsische Schulen zu errichten und riefen fr 
alle Kinder die allgemeine Schulpflicht aus. 

Dahinter stand die Absicht, den Berberkindern Franzsisch 
beizubringen. Auf diese Art sollte ein Riss zwischen franzsisch-
sprechenden Berbern auf dem Land und arabischsprechenden Arabern 
in der Stadt entstehen, aber auch eine Kluft zwischen den Berbern und 
ihren mit der franzsischen Sprache aufwachsenden Kindern. Whrend 
meiner Jugendzeit gab es bei uns im Dorf ausser dem Fqih niemanden, 
der Arabisch konnte.

Als die Franzosen irgendwann anno 1951 oder 1952 in Tafraoute eine 
Schule bauten, erregte dies heillosen Schrecken. In Windeseile 
verbreitete sich das Gercht, die Franzosen wollten die Kinder stehlen. 
Damit gemeint war natrlich, dass sie sie ihren Eltern kulturell 
entfremden wollten, doch manche erzhlten, sie wollten die Kinder den 
Eltern buchstblich wegnehmen.

Eines Nachts machte sich meine Mutter deshalb heimlich mit mir auf 
den Weg. Ich erinnere mich noch daran, dass sie mich auf ihre 
Schultern setzte und dass ihr Nackenhaar mich an der Innenseite 
meiner Schenkel kitzelte (die Frauen pflegten sich den Nacken zu 
rasieren).

Im Schutze der Dunkelheit brachte meine Mutter mich in ein Dorf, das 
acht Kilometer von unserem Heimatort entfernt war. Von dort fuhr ein 
Bus nach Casablanca. Sie schickte mich mit einem Freund meines 
Vaters auf den Weg, denn am nchsten Tag sollte der Unterricht in der 
franzsischen Schule anfangen. 

Ich war keinesfalls das einzige Kind, das auf diese Weise aus dem Dorf 
geschmuggelt wurde. In vielen Nachbardrfern geschah hnliches, da 
die Leute dort ihre Kinder auch nicht auf die Franzosenschule schicken 
wollten.
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So verschlug es mich das erste Mal nach Casablanca. Statt die Schule 
zu besuchen, musste ich als kleines Kind bei meinem Vater in einem 
Geschft arbeiten. Das war im Jahre 1952. Ich zhlte damals fnf oder 
sechs Jahre. 

Als die ersten franzsischen Soldaten nach Marokko entsandt wurden, 
um dort ein "Protektorat" zu grnden, stiegen sie beim Fischerdrfchen 
Anfa an der marokkanischen Atlantikkste an Land. Sechzig Jahre 
spter war das Fischerdrfchen zur viertgrssten Stadt des 
afrikanischen Kontinents geworden. 1968 wohnte jeder zehnte 
Marokkaner in Casablanca, einer rasch wachsenden Metropole, welche, 
wie so viele andere Grossstdte der Dritten Welt, die Landbevlkerung 
frmlich einsaugt.

Casablanca ist also eine junge Stadt und gleicht keiner anderen in 
Marokko, sondern weist einen ganz eigenen Charakter auf. Das 
Zentrum, wo die grossen Hotels und Geschfte liegen, knnte 
irgendeiner anderen Stadt im Mittelmeerraum gehren; es gibt dort 
wenig, was echt marokkanisch ist. Das Stadtbild wird von zehn- bis 
fnfzehnstckigen Huern geprgt, die zur Zeit des wirtschaftlichen 
Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut wurden. 

Heutzutage flankieren die Huser die breite Strasse der Kniglichen 
Streitkrfte, die bis zum Platz Mohammeds des Fnften reichen (frher 
hiess er Place de France). Auf der anderen Seite des grossen Markts 
erstreckt sich das alte Medina (was auf arabisch "Stadt" heisst). Als die 
Franzosen kamen, lebten dort ca. 20'000 Menschen. Heute, 70 Jahre 
spter, drngen sich rund 3 Millionen Einwohner auf ungefhr der 
gleichen Flche zusammen.

Anfnglich expandierte die Stadt von der Place de France aus in alle 
Richtungen. Die Europer wohnten im Zentrum. Ein Disktrikt, Marif, 
war zur Kolonialzeit hauptschlich von Spaniern bewohnt. Um 1930 
erhielten die Marokkaner die Erlaubnis, in ein neu erbautes 
"europisches" Gebiet zu ziehen, Neumedina, dessen Einwohnerzahl 
bis 1960 auf l85'000 zunahm. 



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Die meisten Bewohner dieser neuen Stadtteile rekrutierten sich aus der 
marokkanischen Mittelklasse, die fast jeden Marokkaner umfasst, 
welcher fr seine Arbeit Lohn bezieht: Arbeiter, Staatsbeamte, 
Broangestellte, Lehrer und Ladenbesitzer. In diesen Quartieren 
schossen die nationalistischen Bewegungen der Stdte aus dem Boden 
und warben ihre ersten Anhnger. 

Vielleicht meinten die Franzosen, als sie Neumedina aus dem Boden 
stampften, sie knnten die Eingeborenen so von den im Zentrum 
lebenden Europern isolieren, doch dieses Kalkl schlug fehl. Als diese 
Stadtteile zur Hochburg der Stadtguerrilla wurden, bereitete es den 
franzsischen Behrden allergrsste Mhe, in die Sttzpunkte der 
Widerstandskmpfer einzudringen. 

Immer mehr Kopfzerbrechen verursachte den Franzosen auch das 
rasche, illegale und unkontrollierbare Wachstum der Slums an den 
Stadtrndern. Solche Elendsquartiere begannen whrend der zwanziger 
Jahre aus dem Boden zu schiessen, und whrend der dreissiger Jahre 
wucherten sie krebsartig aus. Auf franzsisch nannte man sie 
"bidonvilles", was von "bidon", "Blechbchse", kommt. Das wichtigste 
Baumaterial waren nmlich Konservendosen, die man plattdrckte und 
dann zur Herstellung von Wnden und Dchern benutzte. Die beiden 
grssten Slums von Casablanca sind die Carrires Centrales (1959 
59'000 Einwohner) und Ben M'sik (1959 97'000 Einwohner). 

Andere Elendsviertel schossen berall dort wie Pilze aus dem Boden, 
wo ein Grundbesitzer bereit war, Land zu vermieten, oder wo die 
neuen Stadtbewohner unbebautes Terrain vorfanden. Die kommunalen 
Behrden haben diese Stadtteile niemals juristisch anerkannt, und kein 
Besitzer einer Blechhtte wagt deshalb, diese in eine ordentliche, 
permanente Wohnung umzugestalten - aus Angst davor, dass die 
Behrden eines Tages Bulldozer auffahren und das ganze Slumviertel 
niederwalzen lassen knnten. Ungefhr 30% aller Einwohner von 
Casablanca hausen in solchen "bidonvilles". Diese Ghettos werden 
eines Tages vielleicht die ganze Stadt verschlingen. Hier existiert eine 
Subkultur, in welcher die Menschen schon seit Jahrzehnten in 
weitgehender Isolation von der Stadt und deren Bewohnern leben.


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Die Einwohner dieser Slums sind den Behrden gegenber feindlich 
gesinnt, aber wohl doch nicht bereit, sich zu verteidigen, weil sie so 
unerhrt verwundbar sind und so viel zu verlieren haben. Die Stadt ist 
ihrer Meinung nach immer noch besser als das Dorf, egal ob es nun 
Arbeit gibt oder nicht. Sie wollen um keinen Preis in ihre verarmten 
Heimatorte zurckkehren. 

So gut wie jede Sphre ihres Lebens untersteht der Kontrolle der 
Behrden: die Wohnerlaubnis im Ghetto, die Arbeitsgenehmigung, die 
Identittskarte, die Erlaubnis, ihre Kinder zur Schule zu schicken, usw. 
Sie mssen ungemein vorsichtig sein, um das wenige, was die Stadt 
ihnen bietet, nicht aufs Spiel zu setzen.

Der berlebenskampf ist in diesen Elendsquartieren dermassen 
mrderisch, dass es fr "politischen Extremismus" keine Basis gibt. Die 
brotlosen Menschen wagen nur selten, Sympathie fr radikale 
Lsungen zu ussern, besonders wenn es sich bei diesen um 
importierte, fremdlndische Ideen handelt. Sie knnen es sich nicht 
leisten, Revolutionre zu sein. Andererseits kann es in diesen 
"bidonvilles" zu Explosionen von Hass und Terror kommen, wenn die 
Brotlosen eines Tages gar nichts mehr zu verlieren haben. So war es 
1965 in Casablanca.

"Der Mensch lebt nicht vom Brot allein", sagt ein Protagonist in einem 
der (auf franzsisch geschriebenen) Romane des marokkanischen 
Schriftstellers Driss Chraibis. Er konnte sich diese Formulierung leisten. 
Es war ja nur eine bildhafte Wendung, doch er konnte sie sich 
erlauben. Die Sozialisten konnten sich den Luxus gnnen, mehr als 
Brot zu bentigen. Hier, in den Elendsvierteln, gab es kein Brot. Nicht 
einmal einige Krumen. 

Hier gab es nichts anderes als entwurzelte, unterdrckte Menschen, die 
mit etwas Glck berlebten, aber das war schon alles. Und die Kinder, 
diese Scharen von Kindern, die schon vor Sonnenaufgang auf den 
Beinen waren, nackt, mit vom Hunger aufgedunsten Buchen und 
riesengrossen Augen, die im Unrat nach etwas Essbarem whlten. 
Fanden sie einige Brotkrumen, so war dies eine Gabe Gottes. Anstelle 
solcher fanden sie politische Flugbltter. 

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Sie brachten Trachome und Staphylokokken mit nach Hause und legten 
jene Gottergebenheit an den Tag, welche die Ideologie der 
Erwachsenen ihnen eingeimpft hatte. In diesen Quartieren haben die 
Kinder, und jene, die auf die Heimkehr der Kinder warten, nur ein 
einziges Ziel: eines Tages sagen zu knnen, sie htten genug Brot zum 
Leben gehabt. 

Wenn man kein Brot fand, so fand man vielleicht Abfall, fr den die 
Gesellschaft keine Verwendung gehabt hatte: rostige Konservendosen 
und alte, verrottete Papierschachteln. Aus den Papierschachteln wurden 
Wnde und aus flachgedrckten Dosen Dcher. Aber alle diese 
lebenden Toten warteten auf eine revolutionre Ideologie, welche sie in 
Krieger verwandeln wrde. Sie sassen vor ihren elenden Schuppen, 
sahen die Sonne im Osten auf- und im Westen niedergehen und hrten 
das Geplrr aus dem Radio, das sie mit Mystizismus und Statistik, 
Produktionsnormen, Hymnen und allerlei Reklame fr Waren 
berschtteten, die fr sie so unerreichbar waren wie die Sonne.

Der Widerstand gegen den Kolonialismus wurde auf dem Land an allen 
Fronten gefhrt: politisch, kulturell und auch mit der Waffe. Die 
Nationalisten in den Stdten verbreiteten ihre Ideen, grndeten 
Parteien, Zeitungen, Gewerkschaften und betrieben ideologische 
Propaganda. Der Widerstand wies hier "moderne", brgerliche Formen 
auf und war von westlicher Denkweise beeinflusst. 1934 legten die 
Souassa im Atlasgebirge ihre Waffen nieder, um den Widerstand in 
anderer Form weiterzufhren, und viele beteiligten sich am ersten 
grossen Industriestreik von 1936. Hauptaktionsbasis fr die Souassa 
war nun Casablanca, eine Stadt, die fast vollstndig von Migranten 
aufgebaut war, unter denen die Berber vom Hohen Atlas und Antiatlas 
zahlreich vertreten waren. Und da Casablanca das kommerzielle und 
industrielle Zentrum des Landes war, galt die dortige politische 
Entwicklung als richtungsweisend fr die Marokkos in seiner 
Gesamtheit.

Meine Mutter setzte mich also in den Bus nach Casablanca, wo mein 
Vater arbeitete. Nach einiger Zeit kehrte mein Vater nach Tafraoute 
heim, doch ich blieb zurck und arbeitete in verschiedenen Lebens-
mittellden fr allerlei Leute, die mein Vater nicht kannte. 

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Ich war fnf oder sechs Jahre alt, und sie behandelten mich wie einen 
Sklaven. Um vier Uhr morgens wurde ich aus dem Schlaf gerissen. Ich 
musste den Laden aufrumen und verteilte dann Zeitungen oder Milch 
an Leute, die in den vornehmsten Stadtteilen wohnten. Ich musste 
Dinge aufheben, die schwerer waren als ich. Eine Zeitlang war ich in 
einem Laden angestellt, der Chemikalien zur Textilienfrbung 
verkaufte. Vom Einatmen der Chemikalien wurde ich an der Luftrhre 
und der Lunge krank. Da wurde ich entlassen. Ich verdiente so gut wie 
nichts und arbeitete einzig und allein frs Essen.

Als Kind wurde ich grausam behandelt. Vor allem Berberkaufleute, 
bisweilen sogar meine eigenen Stammesgenossen, nutzten mich aufs 
schlimmste aus, und ich musste Tag und Nacht wie ein Sklave 
schuften. Ich arbeitete im Laden und wohnte zugleich dort. Mein 
Schlafplatz lag unter dem Ladentisch. 1956 kam dann die 
"Selbstndigkeit". Meine Eltern hielten sich in Tafraoute auf, whrend 
ich in Casablanca wohnte, bei meinem Bruder Mohamed, der schon ein 
Teenager war und ein kleines Geschft erffnet hatte. Doch nach ein 
paar Monaten fuhr er gleichfalls nach Tafraoute zurck, und ich musste 
bei anderen Menschen arbeiten. 

Meine letzte Arbeit als Kind war bei einer jdischen Familie, die in 
Casablanca einen Lebensmittelladen besass und sich auf die Ausreise 
nach Israel oder Kanada vorbereitete. Sie schickten eine Tochter nach 
Israel und einen Sohn nach Kanada, um die Lage zu sondieren. Bei 
ihnen entdeckte ich, wie hasserfllt und rassistisch Juden gegenber 
Moslems und Christen sind. Ich durfte nicht am selben Tisch wie sie 
essen. Sie betrachteten Nichtjuden nicht als Menschen. 

Zu jener Zeit setzte ich mir in den Kopf, ich msse zur Schule gehen 
und etwas lernen, und ich bat einen Vetter, mich ins Dorf 
heimzufhren. Mein Vater wurde sehr wtend. Er wollte unbedingt, 
dass ich als "Geschftsmann" Karriere machte wie alle anderen aus 
unserer Gegend. Der Weg zu einer solchen Karriere lag darin, dass ich 
bereits als Kind in einem Geschft arbeitete. "Du bist mir ein komischer 
Vogel", schimpfte er. Doch ich wollte um jeden Preis zur Schule, 
obgleich er beschloss, dass ich im Dorf oder in der Stadt arbeiten msse 
und meinen Fuss nie in ein Klassenzimmer setzen drfe. 

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Ohne meinen Vater um Erlaubnis zu bitten, ging ich dann rund 15 
Kilometer zu Fuss nach Tafraoute und suchte den Gouverneur auf, den 
Kaiden, welcher der Verwaltungschef des Bezirks Tafraoute war. Sein 
Name war Hadj Ahmed Ougdourt. Er galt in ganz Marokko als 
Unikum. Hadj Ahmed Ougdourt hatte ber 80'000 Menschen unter 
sich; mein Vater war als Schejk gleichfalls sein Untergebener. Zu 
diesem Mann ging ich also und sagte ihm, ich wolle zur Schule gehen, 
doch mein Vater sei dagegen.

Hadj Ahmed Ougdourt war beinahe Analphabet. Doch ber sein Leben 
kursierten die wildesten Gerchte, und sie waren mrchenhaft. 
Whrend der Kolonialzeit hatte er sich so unbotmssig gezeigt, dass 
man ihn in Tafraoute hinter Schloss und Riegel setzte. Er kam 
eigentlich vom Stamm der Issy, der drei Meilen von Tafraoute entfernt 
lebte, und hatte frher ein kleines Geschft in Rabat besessen. Im 
Gefngnis verhielt er sich stolz und hochmtig gegenber dem 
franzsischen Hauptmann, dem "Qbtann", wie die Menschen diesen 
nannten (er war der Militrgouverneur in Tafraoute). Man erzhlte, 
Hadj Ahmed Ougdourt habe als Gefangener zum Hauptmann gesagt: 
"Wenn mein Land frei ist, werde ich hier an deiner Stelle der Chef!" 

Damals wagte noch kaum einer zu hoffen, dass Marokko irgendwann 
einmal selbstndig sein wrde. Das Volk war so entmutigt und die 
Franzosen militrisch dermassen stark, dass nur wenige im innersten 
Herzen an einen Sieg ber die Unterdrcker glaubte, aber Hadj Ahmed 
Ougdourt gehrte zu diesen wenigen. Seine einzige Ideologie und 
Strke war der Glaube an den Koran. Wer keine hhere Macht 
anerkennt, lebt oft nach dem Gesetz des Dschungels. Doch fr einen 
frommen Muselmanen muss Strke auf Gerechtigkeit grnden und die 
Gerechtigkeit stark sein, damit man eine menschlichere Welt schaffen 
kann. 

Als die Selbstndigkeit dann tatschlich gekommen war, liess man 
diesen Mann frei, und der neue marokkanische Gouverneur ernannte 
ihn zum Kaiden von Tafraoute. Er war kein Konformist, seinem Wesen 
nach ein Original, ein Widersacher jeder Ungerechtigkeit und ein 
scharfer Gegner aller Korruption. 


                                                     28
Er mobilisierte flugs die Bevlkerung, um in jedem Dorf eine Schule zu 
errichten und Strassen zwischen den Drfern zu bauen, und er liess 
Tausende von Olivenbumen anpflanzen. Sogar das erste kooperative 
Unternehmen der Gegend ging auf seine Initiative zurck. Er achtete 
darauf, dass all dies ohne Befehle von oben zustande kam. Alle diese 
segensreichen Dinge entstanden dank seiner Initiative.

Die "Selbstndigkeit" erwies sich als Betrug der Franzosen an den 
Marokkanern. Sie bergaben die Macht dem Sultan, zogen aber hinter 
die Kulissen weiterhin die Fden und stellten ihm in Frankreich 
ausgebildete Offiziere zur Verfgung, die auch in der franzsischen 
Armee gedient hatten - Mnner wie Oufkir und Dlimi beispielsweise 
mitsamt einer ganzen Armee, welche direkt aus der franzsischen 
hervorgegangen war. Die Polizei rekrutierte sich hauptschlich aus 
Verrtern und Kollaborateuren, welche fr die franzsischen 
Kolonialisten Handlangerdienste verrichtet hatten und sich nun auf 
wichtigen Posten einnisteten. 

Die vielleicht einzige Ausnahme in ganz Marokko war der Kaid von 
Tafraoute, ein erklrter Widersacher der Kolonialherrschaft. Von ihm 
hiess es, er tanze zu einer anderen Musik als zu der des Sultans. Er 
zeigte uns, wie es zugegangen wre, htten wir eine echte 
Selbstndigkeit erworben. Er hatte die Gabe, das Volk spontan zu 
mobilisieren und konnte die Leute dazu berreden, sich freiwillig zum 
Bau von Schulen oder Strassen zu melden, ohne dass es dazu einer 
Verwaltung oder eines Budgets bedurft htte. War man mit dem Bauen 
fertig, schickte er einen Brief ans Erziehungsministerium in Rabat und 
teilte diesem mit, in der und der Ortschaft gebe es nun eine Schule und 
sogar Lehrer. 

Der Kaid erweckte mit seinem eigenmchtigen Vorgehen Anstoss und 
Unruhe, und zwar sowohl bei den provinziellen Behrden in Agadir als 
auch bei den zentralen in Rabat. Er beging den Fehler, das Wort 
"Selbstndigkeit" wrtlich zu nehmen. Er errichtete auch ein grosses 
Heim fr elternlose und arme Kinder und liess sogar eine Schule fr 
jene Kinder einrichten, die nicht auf die staatlichen Schulen gehen 
konnten. Dort meldeten sich 300 Schler. 

                                                     29
Ich war eines der Kinder, welche dank jenem Heim und dank der von 
Hadj Ahmed gebauten Schule zum Unterricht gehen konnten. Als Kind 
sah ich in ihm ein Vorbild und einen Helden. Er besass ein tiefes 
Gerechtigkeitsgefhl und Sinn fr Demokratie und Menschenrechte, 
nicht nur in seinen Worten, sondern auch in seinen Taten.

In Tafraoute grndete Hajd Ahmed ausserdem eine Kooperative, eine 
Fabrik, wo Dutzende von Frauen Arbeit fanden und wo man Teppiche 
herstellte. So etwas hatte es in unserer Gegend noch nicht gegeben. 
Auch eine Bibliothek war dort frher unbekannt, doch er sorgte dafr, 
dass wir eine bekamen. Er liess sogar die ersten ffentlichen Toiletten 
im Zentrum von Tafraoute bauen, auf dem Marktplatz Souk Larba. 
Die Leute dort hatten nie im Leben so etwas wie moderne Toiletten zu 
Gesicht bekommen. Sie verrichteten ihre Bedrfnisse irgendwo im 
Freien, aber nun strmten sie auf die funkelnagelneuen Toiletten. 

Es war Mittwoch und Markttag. Bei der Einweihung der Bedrfnis-
anstalt hielt der Kaid eine Rede. Nach kurzer Zeit merkte man, dass die 
Leute ihre Bedrfnisse berall auf dem Boden verrichteten, nur nicht 
ber den Lchern, die eigens zu diesem Zwecke angebracht waren. 
Deswegen liess der Kaid die Menge am nchsten Markttag abermals 
versammeln und hielt wiederum eine Ansprache. Als tiefreligiser 
Mensch begann er seine Ausfhrungen wie blich mit einer 
Lobpreisung Gottes. Dann fuhr er fort: "Warum setzt ihr eure Lcher 
nicht auf die Lcher der Toiletten?" Wtend fuhr er fort: "Mge Gott 
euch den rechten Weg weisen!" und ging seines Weges.

Als Verantwortlichen der neuen Bibliothek im Zentrum von Tafraoute 
ernannte der Kaid einen Fqih, der in den fnfzigern stand. Dieser hatte 
nie im Leben ein anderes Buch gelesen als den Koran. Sein Name 
lautete Sidi Mahfoud. Als er in der Bibliothek andere, neue Bcher zu 
lesen bekam, wurde sein zuvor fester Glaube dadurch arg erschttert. 
Er war unfhig, auf die vielen heiklen Fragen zu antworten, welche die 
Leser ihm in der Bibliothek stellten. Die dort ausliegenden Zeitungen 
kndeten von den zum Mond gesandten russischen Satelliten und von 
Gagarins Raumfahrt. Das Ganze begann Sidi Mahfous' intellektuelles 
Vermgen zu berschreiten. Nach ein paar Monaten erlitt er einen 
seelischen Kollaps. 
                                                      30
An einem Markttag versammelte er mehrere hundert Personen 
ausserhalb der Bibliothek, um eine "wichtige" Rede zu halten. Er 
erffnete seinen staunenden Zuhrern, dass er in der Nacht zuvor "mit 
Gottes Hilfe" ins All und zum Mond geflogen sei und dort unter 
anderem den Dmonen ("Djinn") Jamharosh getroffen hatte.

Kaid Hadj Ahmed hatte fr Scharlatane nichts brig, selbst wenn sie 
einen seelischen Kollaps erlitten hatten. Er liess Sidi Mahfoud verhaften 
und fr zwei Tage hinter Schloss und Riegel setzen, mit der 
Aufforderung, er solle doch Jamharosh aus dem Weltall herbeirufen, 
um seinen Astronauten zu befreien. Dann wurde der wackere 
Raumfahrer zur Pflege in eine psychiatrische Klinik in Agadir 
geschickt. Die Bibliothek wurde fr zwei Monate geschlossen. Nach 
ihrer Wiedererffnung - sie hatte nun einen neuen Leiter - getrauten 
sich viele nicht mehr dorthin, weil sie Angst vor dem Dmon hatten, 
der Sidi Mahfoud heimgesucht hatte.

Hajd Ahmed war ein durch und durch origineller Mensch, und was er 
fr die Menschen der Gegend an Gutem tat, lsst sich gar nicht 
ermessen. Er brachte eine regelrechte Kulturrevolution zustande. Die 
ehemaligen Kollaborateure der Kolonialmacht schmhte er verchtlich 
als "Volksverrter" und "neue Kolonialisten". Sie bekamen bei ihm 
keine Privilegien wie anderswo, sondern mussten wie alle anderen 
Schlange stehen, wenn sie um eine Audienz bei ihm ersuchten. Eine 
solche Behandlung goutierten die Herren gar nicht, denn so etwas gab 
es sonst nirgendwo im Lande. Die Reichen waren daran gewhnt, alles 
kaufen zu knnen, auch Beamte. 

berall anderswo in Marokko verkam die "Unabhngigkeit" zur Farce, 
zu einer Art Missgeburt. Knig Mohamed V war ein trojanisches Pferd 
der Franzosen. An die Stelle der franzsischen Herren traten Verrter 
und Neokolonialisten. Es wirkte so, als htten sich die Franzosen bloss 
ihrer europischen Kleider entledigt und stattdessen die "Djebella", die 
marokkanische Nationaltracht, angezogen. Die Polizei setzte sich 
beispielsweise immer noch aus den gleichen Beamten zusammen, die 
den Franzosen seinerzeit willfhrig gedient hatten. 



                                                     31
Alle Widerstandsorganisationen, die sich im Kampf gegen die 
Franzosen gebildet hatten, wurden nach und nach aufgelst, und viele 
ihrer Mitglieder wanderten hinter Gitter. Mit Fug und Recht sagt der 
Koran: "Wenn Knige in einem Lande die Macht ergreifen, verderben 
und zerstren sie es und verwandeln seine freien Menschen in Sklaven. 
Dies tun sie frwahr." Die heutige marokkanische Monarchie ist vom 
Kolonialismus geschaffen worden, nicht vom marokkanischen Volk. 
Der Islam verbietet nmlich die Monarchie als Staatsform.

Der Kaid von Tafraoute, Hadj Ahmed, konnte vier Jahre lang, von 
1956 bis 1960, wirken, ehe der Gouverneur von Agadir ihn auf Geheiss 
des Knigs absetzte. Ein Jahr spter wurde er von Agenten des 
Monarchen ermordet, weil er sich nicht in das korrupte System 
einfgen liess. Der Kaid war ein Mitglied des Orchesters, doch strte er 
die Symphonie dadurch, dass er seinen eigenen Takt bestimmte. Darum 
wurde er seines Amtes enthoben und durch den Hampelmann 
Abdelaziz ersetzt, der zur Kolonialzeit Sekretr des franzsischen 
Militrgouverneurs gewesen war. Er war also ein typischer Verrter 
und eine Kreatur des alten und neuen Kolonialismus.

Dass mein Vater zum Shejk des Tahala-Stammes gewhlt wurde, hatte 
er dem Kaiden Hadj Ahmed zu danken, der an die islamische 
Demokratie ("Shora") glaubte. Anderswo im Land wurden die Shejks 
nicht gewhlt, sondern durch die Provinzgouverneure eingesetzt. An 
einem Sonntag im Januar 1956, es war Markttag, versammelte der Kaid 
die Angehrigen des Tahala-Stammes zu einem Treffen auf dem Markt 
Souk Lhad, damit sie ihren Shejk kren sollten. Unter vielen 
Kandidaten wurde mein Vater gewhlt. Als dieser mich anfang 1958 
nicht zur Schule gehen lassen wollte, begab ich mich, wie frher 
berichtet, also zum Kaiden.

Ich war nur ein kleines Kind, aber er empfing mich. Einer der Knpfe 
in meinem Hemd war anders als die brigen. Der Kaid war ein Pedant 
und Perfektionist. Er kritisierte alles, was ihm nicht in den Kram passte 
und was er ndern wollte. "Wer hat bloss diesen Knopf angenht?" 
fragte er mich. "Ich selbst, denn ich habe keinen passenden Knopf 
gefunden", antwortete ich. 

                                                     32
"Dann musst du einen suchen. Man muss alles ordentlich machen, denn 
das hat der Prophet befohlen. Alles, was wert ist, dass man es tue, muss 
gut und sorgfltig getan werden." Er gab mir ein Bchlein mit einer 
Auswahl von Aussprchen des Propheten ("Hadith") und fuhr fort: 
"Man soll nicht nur lesen und denken, sondern auch so handeln wie der 
Prophet Mohamed." Der Kaid sprach mit mir wie mit einem 
Erwachsenen. "Selbstverstndlich gehst du mir zur Schule", sagte er. 
"Du kannst kostenlos im Waisenhaus wohnen." Er meldete mich fr die 
Schule an. Mein Vater rgerte sich nicht wenig darber, konnte aber 
nichts tun, weil der Beschluss ja von seinem Vorgesetzten ausgegangen 
war.

Ich war vielleicht elf oder zwlf Jahre alt und damit mehrere Jahre lter 
als die anderen Schler. Einen richtigen Schulranzen hatte ich auch 
nicht, sondern bloss einen geflochteten Sack, wie ihn die Frauen zum 
Einkaufen auf dem Markt verwendeten. Ich bffelte Tag und Nacht. 
Ich kaufte mir Stearinkerzen, damit ich nach dem Lichterlschen, 
welches abends um zehn Uhr stattfand, noch weiter lernen konnte. Mit 
Hilfe zweier Kartons und meiner Decke baute ich mir eine Art Zelt ums 
Bett, wo ich meine Studien betreiben konnte. 

Um vier Uhr frh mussten wir aus den Federn. Ein ehemaliger 
marokkanischer Unteroffizier der franzsischen Armee war im Internat 
fr die Disziplin zustndig und regelte unseren Tagesablauf mit 
mililtrischer Przision. Nach dem Aufstehen mussten wir uns vor dem 
Frhstck in eiskaltem Wasser waschen, und dann stand das 
Morgengebet auf dem Programm. Einige Schler mochten sich im 
Winter nicht waschen, weil es so kalt war, und taten nur so, als 
wschen sie sich. Einmal kam der Kaid morgens um halb fnf vllig 
berraschend in die Moschee und entdeckte, dass einige der Kinder 
ihre Schuhe anhatten, was man in einer Moschee nicht darf. Er war 
sehr zornig auf uns. Doch war er ein grossartiger Mensch, der mir 
unendlich viel bedeutete.

Nach nur einigen Wochen in der ersten Klasse durfte ich dank meinem 
unermdlichen Fleiss, meinen Vorkenntnissen und meinem Alter gleich 
in die dritte Klasse aufrcken. Schon drei Monate spter sass ich in der 
vierten und letzten Klasse. 
                                                      33
Zu jener Zeit, es war Ende 1958, hiess der Erziehungsminister 
Mohamed el-Fassi. Er war Mitglied der Istqlalpartei und ein recht 
ordentlicher Mann. El-Fassi befrwortete eine rasche Arabisierung des 
Unterrichts und hatte beschlossen, die Kinder sollten den Unterricht in 
marokkanischer Geschichte und Geographie auf arabisch erhalten und 
nicht mehr auf franzsisch wie frher. 

Der Haken war nur, dass es keine in arabischer Sprache ausgebildeten 
Lehrer fr diese Fcher gab. Die Religionslehrer in den Moscheen 
hatten ja niemals Geschichte oder Geographie gelernt oder eine 
pdagogische Ausbildung in diesen Fchern erhalten. Wie konnten sie 
da anstndigen Unterricht erteilen? Von Geschichte und Geographie 
hatten sie keine blasse Ahnung. Ihr Unterrichtsstil bestand darin, dass 
sie die Schler bis zur Ermdung wiederholen liessen, was sie vorne am 
Pult sagten.

Mein erster Geographieunterricht wurde von einem Lehrer namens 
Hadj Mohamed erteilt. Er stammte aus einem Dorf fnf Kilometer von 
Tafraoute. Trotz seines schlechten Augenlichts weigerte er sich strikt, 
eine Brille zu tragen, da er alles verwarf, was nicht von Gott geschaffen 
worden war. Beispielsweise lehnte er es strikt ab, Bus zu fahren, und 
ritt stattdessen auf einem Geschpf Gottes zur Schule, nmlich einem 
Esel. Jeden Tag ritt er auf seinem Esel fnf Kilometer bis zur Schule. 
Er hngte eine Karte von Marokko an die Tafel und sagte dazu nur: 
"Hier ist Marokko, wiederholt alle, hier ist Marokko. Hier ist 
Casablanca, sprecht mir nach, hier ist Casablanca. So hat Gott 
Marokko geschaffen, wiederholt das alle dreimal." 

Auf diese Weise ging es weiter. Wir plapperten alles nach, was uns der 
Lehrer vorsagte. Whrend der Pausen neckten wir seinen Esel. Eines 
schnen Tages kam er aber ohne Esel zur Schule, und wir erfuhren, 
dass er geheiratet und dass seine Frau ihm ein Ultimatum gestellt hatte: 
Der Esel oder ich! Sie war jnger als er und eine Emanze. Rund einen 
Monat spter kam er wieder zur Schule geritten. Er hatte sich fr den 
Esel entschieden und sich von seiner Frau scheiden lassen.




                                                     34
Meine Zeit an dieser Schule dauerte nur zwei Jahre statt fnf, wie es 
blich gewesen wre. Man hndigte mir ein Zeugnis aus, welches 
besagte, dass ich die marokkanische Grundschule ("cole primaire") 
absolviert hatte, und ich durfte meine Ausbildung fortsetzen. In 
Tafraoute gab es kein Gymnasium, nur in Tiznit, achtzig Kilometer 
weiter nrdlich, und dort kostete der Aufenthalt im Internat Geld, 
whrend der Unterricht selbst kostenlos war. 

Ich konnte also aufs Gymnasium gehen. Dieses dauerte sechs Jahre und 
zerfiel in zwei Stufen. Die erste, dreijhrige Stufe ("cole secondaire") 
wurde mit einem Diplom ("brevet") abgeschlossen, die zweite, 
gleichfalls drei Jahre dauernde Stufe ("cours complmentaire") mit dem 
Abitur ("baccalaurat"). In Tiznit gab es nur die erste Stufe. Wer auch 
die zweite absolvieren wollte, musste nach Agadir, 150 Kilometer 
nrdlich von Tafraoute, oder nach Casablanca, 700 Kilometer weiter 
nrdlich, ziehen.

Mein Vater strubte sich auch weiterhin mit Zhnen und Klauen gegen 
meinen Schulbesuch, aber ich sprach wiederum mit dem Kaiden, der 
sich bereit erklrte, die 400 Dirham pro Quartal zu bezahlen, die das 
Internat in Tiznit kostete. Das war zu jener Zeit ein Haufen Geld, und 
er zahlte es aus seiner eigenen Tasche. Jeden Monat sandte er mir einen 
Brief, in dem er mich mahnte, recht fleissig zu lernen. 

Als mein erstes Schuljahr in Tiznit zu Ende ging, wurde der Kaid 
abgesetzt. Wie sollte ich nun meine Ausbildung fortsetzen? Der Rektor, 
ein bsartiger und prgelfreudiger Franzose namens Pruvost, sagte mir, 
die einzige Mglichkeit, ein Stipendium zu erhalten, bestehe darin, 
einen Vertrag zu unterschreiben, in dem ich mich dazu verpflichtete, 
die ersten drei Jahre auf dem Gymnasium abzuschliessen und dann als 
Lehrer an der Grundschule ("cole primaire") zu arbeiten. Dies 
bedeutete aber, dass ich die oberen drei Gymnasialklassen nicht 
besuchen und somit kein Abitur machen konnte. Ich wollte nicht in 
diesen Vorschlag einwilligen, aber er wurde zornig und zwang mich 
dazu. 




                                                      35
Kleine Kinder zu unterrichten war nun wirklich nicht das, was mir 
vorschwebte. Ich wollte Nasser nacheifern und wie er fr die Freiheit 
und gegen die sozialen Ungerechtigkeiten kmpfen, indem ich die 
Monarchie sttzte. So unterzeichnete ich zwar wie verlangt den 
Vertrag, nahm mir aber heimlich vor, der Schule in Tiznit zu gegebener 
Zeit den Rcken zu kehren.

Wegen all des Unrechts, das ich als Kind miterleben musste, reifte ich 
schon frhzeitig. Ich entwickelte ungewhnlich frh ein politisches 
Bewusstsein und nahm bereits zur Schulzeit in Tiznit eine ganz klare 
politische Stellung ein. Ich hatte von den gesellschaftlichen 
Ungerechtigkeiten nicht in Bchern gelesen, sondern sie am eigenen 
Leibe erfahren.

Dass Hadj Ahmed am Ende meines ersten Schuljahres seines Amtes 
enthoben wurde, habe ich bereits erwhnt. Er starb ein paar Jahre 
spter unter ungeklrten Umstnden in seinem Dorfe Issy, vierzig 
Kilometer sdlich von Tafraoute. Die Leute erzhlten sich, die Agenten 
des Knigs seien hinter dem Mord gestanden. Auf lokaler Ebene war 
Hadj Ahmed fr mich ein Beweis dafr, dass es mglich ist, sich 
tatkrftig fr soziale Gerechtigkeit und Demokratie einzusetzen. 

Was die landesweite und die internationale Politik betraf, war mein 
Vorbild aber Nasser. Er bezeugte durch seine Taten, dass es mglich 
ist, den Kolonialismus und den Neokolonialismus zu berwinden und 
die Monarchie zu zerschlagen, welche die Spitze eines morschen und 
tyrannischen Systems bildet. Die politischen Parteien Marokkos sind ein 
Teil dieses Systems. An ihrer Spitze steht eine korrumpierte Elite, die 
selbst kulturell und intellektuell kolonisiert und verdorben ist. Wenn ich 
in Tafraoute am Rundfunk Nassers politischen Reden in der Sendung 
"Stimme der Araber" von Kairo lauschte, versprte ich, dass dieser 
Mann meine eigenen Ideen ausdrckte, dass sein Traum auch meiner 
war und dass er der geborene Fhrer der Araber und Muselmanen war. 
Bereits damals fhlte ich, dass ich, obwohl noch ein Kind, mit Nasser 
fr eine gerechtere Gesellschaft und fr eine bessere Zukunft kmpfen, 
also die Welt verndern musste. 



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Aber wie? Zuerst musste ich eine grndliche Ausbildung erlangen, wie 
mein Idol und Fhrer Nasser, dachte ich. Doch der Besuch des 
Gymnasiums in Tiznit befhigte mich lediglich dazu, Grundschullehrer 
zu werden. Dadurch wurden meine Chancen zur Verwirklichung 
meines Traums und zu einem grossen Einsatz fr mein Vaterland 
empfindlich geschmlert.

Ich fhle mich als Weltenbrger. Ich bin gegen engstirnigen 
Nationalismus, besonders wenn er aggressiv und rassistisch ist. Der 
Nationalismus ist eine notwendige Waffe im Kampf zur Befreiung 
seines Landes oder Volkes, doch dann sollte man ihn ber Bord 
werfen. Der aggressive und rassistische Nationalismus, der in Europa 
die Grundlage fr Chauvinismus, Expansionismus und Vlkerhass 
gebildet hat, ist widernatrlich und schimpflich.

Meine Bewunderung fr den Kampf, den Nasser in gypten fhrte, 
war fr mich gleichbedeutend mit einer frhzeitigen berwindung eines 
engen marokkanischen Nationalismus. Mit der damals erworbenen 
Einstellung fhlte ich mich nicht als Fremdling, als ich spter nach 
Schweden kam. Ich bin in allererster Linie ein Mensch, und dem 
Kampf fr den Menschen gilt mein ganzes Dasein.

Da ich mit dem despotischen Rektor, der mich nur drei Jahre lang aufs 
Gymnasium gehen lassen wollte, nicht vernnftig reden konnte, 
beschloss ich in aller Heimlichkeit, einen kleinen Coup zu unternehmen. 
Der franzsischer Rektor war ein durch und durch widerwrtiger 
Geselle und prgelte die Kinder mitleidlos. Diesem Kerl wollte ich 
einen Streich spielen. Doch zuvor brauchte ich mein Diplom, welches 
bewies, dass ich zwei Jahre lang die untere Gymnasialstufe besucht 
hatte. 

Eines schnen Tages im Oktober 1960 sagte ich dem Lehrer, ich wolle 
im Klassenzimmer sauber machen. Ich bekam die Schlssel zum 
Schulsaal und ging zu einem Schrank, der die Dossiers mit unseren 
Zeugnissen enthielt. Ich nahm meine Papiere heraus, und am Tag 
darauf stieg ich sehr zeitig auf und sagte der Schule auf Nimmer-
wiedersehen. In der Tasche hatte ich keinen roten Heller, doch nahm 
mich ein Buschauffeur, der meinen Vater kannte, nach Casablanca mit.

                                                      37
Der  Neokolonialismus

Schon bevor die Franzosen die Widerstandsbewegung auf dem Lande 
zerschlagen hatten, war die Vorstellung eines selbstndigen Marokkos 
bei den Intellektuellen in den Stdten populr. Zu Beginn der fnfziger 
Jahre konnten die franzsischen Besatzungsbehrden den Traum von 
der Freiheit nicht mehr wirksam unterdrcken, obgleich sie fleissigen 
Gebrauch von bewhrten Repressionsmitteln wie Gefngnis, 
Verbannung und Pressezensur machten. 

Ein letzter, verzweifelter Versuch, die Kontrolle ber das Land 
wiederzugewinnen, bestand in der Verbannung des Sultans Mohamed 
V, den man der Untersttzung der Nationalisten bezichtigte. Diese 
Massnahme fhrte zu massiven Protesten und zog eine Reihe von 
Terroranschlgen in den Stdten sowie auf dem Lande nach sich (es 
gab zwei kleine Untergrundbewegungen). Die von "brgerlichen" 
Krften beherrschte Istiqlal (Unabhngigkeitspartei) versuchte die 
nationale Woge zu kanalisieren. Sie forderte die Selbstndigkeit, aber 
"unter Beibehaltung enger Beziehungen zur Metropole" (Paris). Ferner 
verlangte die Partei die Einfhrung der Demokratie bei gleichzeitiger 
Rckkehr des Sultans auf den Thron.

Nach zwei Jahren wachsender Proteste schlugen die Franzosen 
urpltzlich eine neue Taktik ein, und Marokko wurde unter der 
Fhrung des Palastes formal unabhngig. Zu jenem Zeitpunkt stand 
Frankreich wegen einer Reihe von Befreiungskriegen in verschiedenen 
Teilen seines Imperiums unter hrtestem Druck. Der Krieg in Indochina 
hatte die franzsische Armee demoralisiert. 1954 fiel Dien Bien Phu, 
und gleichzeitig steigerten die nationalen Bewegungen in Marokko, 
Tunesien und nicht zuletzt Algerien ihre Aktivitten. 

An all diesen Fronten zugleich Krieg zu fhren war nicht mglich. 
Frankreichs Anerkennung der marokkanischen Selbstndigkeit im Jahre 
1955, auf die im Jahr darauf die offizielle Unabhngigkeit folgte, zog 
zwei weitere Niederlagen fr den Kolonialismus nach sich: die 
Selbstndigkeit Tunesiens und das Genfer Indochina-Abkommen. 



                                                    38
Fr Paris galt es, die enormen franzsischen Kapitalinvestitionen in 
Marokko zu schtzen und gleichzeitig alle Krfte auf die Unter-
drckung der erstarkenden Widerstandsbewegung in Algerien zu 
konzentrieren. 

Vor der Kolonialzeit wurde Marokko von Sultanen regiert, die von 
einer Gruppe von "Ulama" (Religionsgelehrten; der Singular des 
Wortes lautet "Alim") gewhlt wurden. Marschall Lyautey, frherer 
Militrkommandant in Marokko und berzeugter Monarchist, wandelte 
das Sultanat in eine Monarchie europischen Zuschnitts und den Sultan 
in einen Knig franzsischen Stils um. Der islamischen Lehre nach ist 
die Monarchie verboten. Der erste Schritt zur Kolonialisierung 
Marokkos bestand in der Errichtung dieser Staatsform, und dazu wurde 
ein Protektoratsabkommen zwischen Marokko und Frankreich 
unterzeichnet. Die Bauern erhoben sich und umzingelten die Stadt Fes, 
wo der Sultan damals residierte. Nun marschierte die franzsische 
Armee in Marokko ein, um die gefhrdete Monarchie zu retten. 
Parallelen zum sowjetischen Einmarsch in Afghanistan im Dezember 
1979 sind da ganz offenkundig.

Die Kolonialzeit dauerte in Marokko 45 Jahre. Als sich der 
franzsische Kolonialismus ernsthaft bedroht sah, sttzte er sich auf die 
Monarchie, um eine neokolonialistische Ordnung mit neuen 
wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Formen zu errichten. Das 
"Protektorat" blieb so gewissermassen bestehen, aber im Rahmen einer 
"neuen Weltordnung", wo die Grossmchte sich direkte militrische 
Interventionen sparen knnen, solange lokale Laufburschen wie Hassan 
II, Najibullah oder Pinochet ihre Geschfte verrichten.

Nach der Selbstndigkeit konzentrierte Knig Mohamed V, ehemaliger 
Sultan, alle Macht in seinen Hnden. Er hielt die brgerlichen Politiker 
fest im Griff, indem er allgemeine Wahlen in Aussicht stellte, sobald 
das Land "reif" sei. Manchmal kderte er sie auch, indem er ihnen 
einen Platz in seiner Regierung einrumte. In Tat und Wahrheit nderte 
sich herzlich wenig an der alten Kolonialordnung. Sie wurde nur mit 
einer nationalen Fassade versehen. 1958, drei Jahre nach der 
Unabhngigkeit, standen weiterhin franzsische Richter an der Spitze 
der Gerichte. 

                                                    39
Franzsische und jdische Offiziere hatten Schlssel-positionen in der 
Armee inne; franzsische Grossgrundbesitzer sassen unangefochten auf 
ihren Gtern; franzsische Wirtschaftskapitne leiteten fast den 
gesamten modernen Industriesektor: Transport, Bergwerke, verarbeit-
ende Industrie, Tagespresse, Banken, Ernhrungs-industrie usw. 

Der Handel floss weiterhin in Richtung Frankreich. Wie frher bildeten 
Orangen und Phosphat unsere Hauptexportgter. Kostbare Devisen, die 
man zur Entwicklung einer industriellen Infrastruktur bentigt htte, 
wurden stattdessen fr den Import von Landwirtschafts-produkten wie 
Weizen und Zucker vergeudet, die man ohne weiteres selbst htte 
anbauen sollen. Stattdessen wurde die Landwirtschaft einseitig auf den 
Export ausgerichtet. Ferner wurden Devisen in grossem Ausmass fr 
den Kauf von Luxusartikeln fr eine wachsende Oberschicht 
einschliesslich der zahlreichen Auslnder verschleudert. 

Die Istiqlalpartei arbeitete praktisch mit dem Palast und auslndischen 
Kapitalinteressen zusammen, um die bestehende Ordnung aufrecht-
zuerhalten. Viele unabhngige Gruppen, die whrend des Befreiungs-
kampfes entstanden waren, gerieten unter staatliche Kontrolle. Die 
brgerlichen Politiker erwiesen sich als gnzlich unfhig, der Monarchie 
die Macht zu entreissen.

Mit der durch wachsende Kapitalflucht nach der Selbstndigkeit 
erzeugten Wirtschaftskrise nahmen die Streiks an Hufigkeit und 
Heftigkeit zu. Die stdtischen Arbeiter, welche das Rckgrat der Frei-
heitsbewegung gebildet hatten, waren bereit, dafr auf die Barrikaden 
zu gehen, dass sich die Unabhngigkeit nicht in einer nationalen 
Fassade erschpfte. Die Antwort der brgerlichen Parteien bestand 
darin, Streikbrecher unter Polizeischutz einzusetzen. So wandten sich 
die Gewerkschaftsfhrer mehr und mehr von der Istiqlal ab. 
Schliesslich kam es zur Spaltung der Partei, und der linke Flgel nannte 
sich fortan UNFP (Union Nationale des Forces Populaires). In 
Wahrheit waren aber diese innerparteilichen Kmpfe keinesfalls 
ideologischer Natur. Es handelte sich um einen reinen Machtkampf, 
den der Knig selbst sowie sein Kronprinz Hassan, der heutige Knig 
Hassan II, angezettelt hatte, um eine Partei zu spalten, welche den 
Machtanspruch der Monarchie htte in Frage stellen knnen. 

                                                     40
Der "linke" Parteiflgel, aus dem die UNFP hervorging, bestand auch 
aus Opportunisten und Postenjgern, die freudig mit der Monarchie 
zusammenarbeiteten, wenn sie einige Brosamen vom kniglichen Tisch 
zugeworfen bekamen. 

Whrend geraumer Zeit gelang es dem Palast, die neuen, "militanten" 
Fhrer der Linken fr sich zu gewinnen, indem er ihnen einige wichtige 
Posten in einer neuen kniglichen Regierung anbot, die im Dezember 
1958 gebildet wurde. Abdallah Ibrahim von der UNFP wurde 
Premierminister. Doch die Schlsselpositionen wie das Innen- und 
Polizeiministerium sowie das Verteidigungsministerium blieben unter 
kniglicher Kontrolle. Ausgerechnet zur Zeit jener UNFP-Regierung 
warf der damalige Kronprinz Hassan, dem die Armee unterstand, den 
Volksaufstand in der Rif-Gegend nieder, wobei Tausende von 
unschuldigen Menschen in unzhligen Drfern jenes Gebiets abge-
schlachtet wurden.

Einige Monate darauf ging es der UNFP selbst an den Kragen. Ihre 
Zeitungen wurden verboten, viele ihrer Funktionre wanderten hinter 
Schloss und Riegel, und Ben Barka, der sich gerade im Ausland 
befand, durfte nicht nach Marokko zurckkehren, da man ihn 
beschuldigte, sich an einer Verschwrung gegen Kronprinz Hassan 
beteiligt zu haben. Ben Barka war Hassans Mathematiklehrer. Er trug 
wesentlich dazu bei, der Monarchie einen Anschein von Legitimitt zu 
verleihen, indem er als Wortfhrer in der ersten "konsultativen 
Versammlung" des Landes (einer Art Scheinparlament ohne konkrete 
Befugnisse) vorschlug, Mohamed I solle doch Prinz Hassan zum 
Kronprinzen ernennen. Dabei war Marokko nie eine erbliche 
Monarchie gewesen! 1960 lste der Knig die Regierung auf und 
bernahm den Posten des Regierungschefs selbst.

Der Palast war gegen eine Entwicklung der Industrie und einen Ausbau 
der Stdte, denn beides htte dazu fhren knnen, dass sich die soziale 
Basis fr die Antimonarchisten verbreiterte. Ferner htte es eine 
Strkung des nationalen Flgels innerhalb des marokkanischen 
Brgertums bewirken knnen. 



                                                     41
Dies alles htte wohl die Forderung nach einem echten Pluralismus und 
Parlamentarismus nach sich gezogen, und die Macht des Hofs wre in 
Gefahr geraten. Aus diesen Grnden optierte der Knig fr eine Politik, 
die darauf abzielte, auf dem Land grosse und kostspielige Projekte zu 
verwirklichen, welche den Einfluss der feudalen Gross-grundbesitzer 
auf Kosten der Kleinbauern strkte. 

Mchtige neue Dmme und Bewsserungsanlagen verschafften dem 
lndlichen Proletariat zeitweise Arbeit, doch waren sie fertiggebaut, so 
profitierten hauptschlich die Grundeigentmer davon. Sie konnten nun 
nmlich auf grsseren und fruchtbareren ckern Exportprodukte 
anbauen.

Das europische Grosskapital war mit diesem Programm hoch-
zufrieden. Es hatte in Marokko drei hauptschliche Interessen: einen 
Strom billiger Arbeitskrfte in die europischen Industriestaaten, einen 
nahen Absatzmarkt fr seine Industrieerzeugnisse sowie den Schutz 
bereits gettigter Investitionen. Zudem wurde der Tourismus ziel-strebig 
gefrdert, und dieser wurde zum zweitwichtigsten Investitions-objekt. 
Er stimulierte den Bau von Hotels, die Produktion von Air-
conditioning-Gerten, die Errichtung von Flugpltzen, die Herstellung 
von Bussen usw.

Das knigliche Wirtschaftsprogamm wurde auch von anderen 
bedeutsamen Mchten voll und ganz untersttzt: von der franzsischen 
wie der amerikanischen Regierung, von franzsischen Industriellen-
kreisen sowie nicht zuletzt von internationalen Finanzorganisationen 
wie der IMF und der Weltbank.

Im Februar 1961 starb Knig Mohamed V. Nun ging die Macht auf 
Hassan II ber, der sich selbst zum Knig ausrief. In der ersten Hlfte 
des Jahres 1962 rckte der Sieg der Revolution in Algerien in greifbare 
Nhe, und in Marokko wuchs der Enthusiasmus fr die Bildung eines 
freien und vereinigten Maghreb-Staates, der Marokko, Algerien, 
Tunesien und Libyen umfassen sollte. Im Mai 1962 kehrte Ben Barka 
zurck und machte sich zum Wortfhrer der Bestrebungen, die darauf 
abzielten, den verlorenen Einfluss der UNFP wiederzugewinnen, vor 
allem auf dem Land. 

                                                    42
Der Palast antwortete mit allerlei Manvern, um die politische Initiative 
selbst zu bernehmen. Er entwarf eine neue Verfassung, die dem Volk 
vorgelegt werden sollte. Die Abstimmung wurde auf den Dezember 
1962 festgelegt. Sie war durch und durch manipuliert. Ben Barkas 
Partei rief zum Boykott auf, hatte damit aber keinerlei Erfolg: die 
Verfassung wurde von einer auf eine bessere Zukunft hoffenden, in 
Armut lebenden Bevlkerung , die nichts von wahlpolitischen 
Raffinessen, Abstimmungsmanipulationen und Wahlflschungen 
wusste, "mit berwltigendem Mehr" angenommen.

Der Sommer 1962 war die politisch aufregendste Zeit seit der 
Unabhngigkeit. In verschiedenen lndlichen Gebieten bernahmen die 
Bauern das Land fr sich selbst. In den Stdten folgte eine politische 
Kampagne und eine Demonstration auf die andere. Die tollsten 
Gerchte kursierten ber eine mit algerischer Hilfe zu erreichende 
bevorstehende Befreiung Marokkos.

Der Palast reagierte mit offener Repression. Hunderte von UNFP-
Funktionren wurden festgenommen; viele wurden gefoltert und zu 
hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Ben Barka wurde, als er sich im 
Ausland aufhielt, die Heimkehr abermals verweigert. Nur die Studenten 
setzten ihre Proteste fort. Immer wieder forderten sie das Regime mit 
ihren Streiks, Demonstrationen und Protesten heraus. Im Mrz 1965 
gelang es den Studenten, die Arbeiter auf ihre Seite zu ziehen, und es 
kam zu Tumulten, welche die grssten Stdte des Landes, vor allem 
Casablanca, tagelang erschtterten. Doch die Schwche der Opposition 
erleichterte den kniglichen Sicherheitskrften die brutale Nieder-
schlagung des Aufstands.

Etwa einen Monat spter fiel Ben Barka in Frankreich einem 
Mordanschlag zum Opfer. Man nahm allgemein an, dass das Attentat 
auf das Konto des marokkanischen Knigshofs ging, der mit dem 
Mossad sowie der franzsischen Staatspolizei zusammenarbeitete. In 
Marokko begann nun ein langer politischer Winter; fr Aufregung 
sorgten nur die regelmssig wiederkehrenden Studentendemonstra-
tionen sowie die Gegenschlge des Regimes. Erst 1970 setzte ein 
Tauwetter ein.


                                                    43
Ein  junger  Freiheiskmpfer

Als ich das erste Mal nach Casablanca kam, musste ich wie ein Sklave 
schuften: ohne Lohn, ohne anstndigen Ort zum Schlafen, ohne 
Freunde, ohne irgendwelche Menschenrechte. So wie mir erging es 
Millionen von Kindern im ganzen Land. Nun sah ich die Stadt wieder, 
aber diesmal wollte ich zur Schule gehen. Ich traf nachts ein, und es 
gab keinen Ort, wo ich wohnen konnte. So schlief ich auf der Strasse, 
indem ich meine Tasche als Kissen benutzte. Ich muss damals 14 oder 
15 Jahre alt gewesen sein. 

Am folgenden Morgen begab ich mich zu einem bekannten, 
wohlhabenden Mann, der sich whrend des Zweiten Weltkriegs auf 
dem schwarzen Markt eine goldene Nase verdient hatte. Er stammte 
aus Souss und konnte weder lesen noch schreiben. Ich hatte 
vernommen, es gebe in Casablanca ein Internat fr heimatlose Kinder, 
und der betreffende Geldsack sitze im Vorstand des Vereins, dem das 
Internat gehrte. Er hiess Hadj Abd und war ein typischer Vertreter 
der parasitren Schicht von Neureichen. 

In Souss wussten alle, wo sein Haus in Casablanca lag. Dorthin ging ich 
also und klopfte an die Tr. Ich sagte, ich sei ein heimatloses Kind und 
wolle gerne weiter zur Schule gehen, besitze aber keinen roten Heller. 
Hadj Abd wunderte sich nicht schlecht. Wir sprachen zunchst 
zusammen ein Gebet; anschliessend erffnete er mir, es gebe seines 
Wissens im Internat keinen freien Platz mehr, doch gab er mit einen 
Wisch mit und schickte mich mit diesem zum Internatsleiter. 

Ich wurde wider Erwarten aufgenommen, musste aber auf dem Boden 
schlafen. Trotzdem war ich berglcklich. Das Essen war miserabel 
und die hygienischen Zustnde klglich. Ich kam zu zwei anderen 
Schlern ins Zimmer. Der eine hiess Adel. Sie gaben mir eine Decke, in 
die ich mich beim Schlafen auf dem Fussboden wickelte. Eine Woche 
spter wurde mir ein Bett zugewiesen. Nun gab es also einen Ort, wo 
ich schlafen und essen konnte. Als nchstes machte ich mich auf die 
Suche nach einem Gymnasium, das bereit war, mich aufzunehmen. 



                                                    44
Ich suchte ein grosses Gymnasium auf, das nach dem damaligen 
Kronprinzen "Lyce Moulay Hassan" benannt war. Da ich die ntigen 
Unterlagen vorweisen konnte, liess man mich zum zweiten Jahreskurs 
zu. Die Lehrer waren unter aller Kritik, und ich merkte bald, dass der 
Unterricht fr mich nur Zeitverschwendung war. Deshalb studierte ich 
Tag und Nacht auf eigene Faust. Die anderen Kinder waren acht Jahre 
lang auf die gewhnliche Schule gegangen und hatten es deswegen 
nicht so eilig wie ich. Im Gegensatz zu den Kindern aus reichen 
Familien ging ich nun nicht zur Schule, weil ich musste, sondern weil 
ich wollte. Ohne Abitur (Baccalaurat) sah ich fr mich keine 
Sicherheit und Zukunft. Es war geradezu eine Existenzfrage fr mich, 
dass ich das Abitur schaffte.

Dies war im Schuljahr 1960/61. Ich wollte das Abitur so rasch wie 
mglich bestehen. Deswegen bereitete ich mich privat auf die Prfung 
vor. Eigentlich htte ich noch volle fnf Jahre lang zur Schule gehen 
mssen, doch schon nach einem Schuljahr fhlte ich mich reif fr die 
Abschlussprfung. Deshalb reichte ich beim Erziehungsministerium 
einen Antrag auf Zulassung zur Abiturprfung als Privatstudent ein. 
Dem Ersuchen wurde stattgegeben. Sobald das Schuljahr zu Ende war, 
durfte ich an der Prfung teilnehmen, und zu meiner grossen 
berraschung schaffte ich sie auf Anhieb.

Meine Klassenkameraden hatten nun noch vier Schuljahre vor sich. 
Nach zwei Jahren Lehrerseminar wurde ich anno 1963 Gymnasial-
lehrer. ber eine allzu lange Schulzeit konnte ich mich wahrlich nicht 
beschweren, denn ich hatte insgesamt ganze drei Jahre lang die 
Schulbank gedrckt und dabei die Anfnger-, Mittel- und 
Gymnasialstufe absolviert. Nach weiteren zwei Jahren hatte ich auch 
eine akademische Ausbildung, das Lehrerseminar, hinter mir.

Wohl nahmen mich meine Studien auf dem Gymnasium und am 
Lehrerseminar sehr in Anspruch, doch las ich gleichzeitig viel ber 
Politik. Manche der damals verschlungenen Bcher prgten mich stark 
und vertieften mein Bewusstsein. Ich las den Koran und einige Bcher 
von Nasser (Revolutionsphilosophie), Chakib Arsalan ("Weshalb sind 
die Muslime heute unterentwickelt?") sowie Khalid Mohamed Khalid 
("Brger, nicht Sklaven"). 

                                                    45
Zudem fhrte ich mir zahlreiche Schriften ber Nasser, Ben Bella, 
Abdelkrim al-Khatabi, Abdelkader al-Jazairi etc. zu Gemt. Ich sass 
auch oft vor dem Radio und hrte die "Stimme der Araber" aus Kairo; 
der marokkanische Rundfunk war in meinen Augen bloss ein 
Instrument zur Verbreitung heuchlerischer Lgenpropaganda.

Einen nachhaltigen Eindruck hinterliess auf mich auch Victor Hugos 
grosser Roman "Les Misrables", weil ich mich selbst als eine Art 
Stiefkind des Schicksals betrachtete. Doch rhrt Hugos Buch lediglich 
zu Trnen, ohne eine Lsung anzubieten oder Hinweise darauf zu 
vermitteln, wie man die sozialen Ungerechtigkeiten beseitigt, welche 
Stiefkinder des Schicksals wie mich erzeugen. Die grsste Inspiration 
bedeuteten fr mich der Koran , das kleine, mir seinerzeit vom Caiden 
zum Geschenk berreichte "Hadith"-Buch sowie Nassers Revolution 
gegen Tyrannei, Kapitalismus und Kommunismus.

Doch nun war die ganze politische Elite, die der Kolonialismus in 
Marokko herangezchtet und ausgebildet hatte, in ideologischer und 
politischer Richtung westlich geprgt. Deshalb waren alle von dieser 
Elite nach der Unabhngigkeit gegrndeten Parteien westlich: liberal, 
kapitalistisch oder marxistisch. Als Folge dieser Entwicklung gab es 
keine selbstndige islamische Bewegung und auch keine islamistische 
Partei. Wir sahen uns der Tatsache gegenber, dass es dem 
franzsischen Kolonialismus zumindest vorlufig gelungen war, uns 
seine kulturelle, sprachliche und ideologische Vormundschaft aufzu-
zwingen. 

Alle zugelassenen, "gemssigten" marokkanischen Parteien sind eine 
Art Importware aus Frankreich. 45 Jahre franzsischer Herrschaft 
liessen mehrere frankophone Generationen entstehen, welche das 
Gedankengut des Kolonialismus weiterfhrten. Nach der Erlangung 
seiner Selbstndigkeit bentigt Marokko deshalb weitere 45 Jahre, um 
das geistige Joch des Neokolonialismus abzuschtteln und eine befreite, 
wahrhaftig unabhngige islamische Gesellschaft zu schaffen, die in 
kultureller, ideologischer und politischer Hinsicht unsere eigenen Werte 
und Traditionen verkrpert. 



                                                    46
Dies alles empfand ich, als ich begann, auf islamischer Grundlage fr 
Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit zu kmpfen. Alle legalen 
Parteien und Organisationen wurden von wohlhabenden, privilegierten 
Leuten mit neokolonialistischer Mentalitt sowie von deren Kindern 
gefhrt, die sich zum Marxismus oder Liberalismus bekannten!

1960 trat ich der politischen Studentenorganisation UNEM (Union 
Nationale des tudiants du Maroc) bei. 1961 wurde ich Mitglied der 
UNFP, obschon mir klar war, dass die Parteifhrung aus Opportunisten 
bestand. Es gab einfach keine Alternative. Im darauffolgenden Jahr, 
also 1962, hielt ich meine erste politische Rede, und zwar bei einer 
grossen Versammlung an der Messe von Casablanca. Wie bereits 
frher erwhnt, hatte der Knig dem Volk eine neue Verfassung 
vorgelegt, und das Volk sollte diese nun gutheissen oder verwerfen. 
Das Ganze war eine reine Farce, und ich sprach mich fr einen Boykott 
aus. Wir wollten eine vom Volk und nicht vom Monarchen gewhlte 
Versammlung. Garantien gegen Wahlbetrug gab es keine.

Zum ersten Mal wurde ich als militantes Basismitglied der UNFP 
verhaftet, whrend einige Mnner aus der Fhrungsspitze der Partei 
gleichzeitig im Palast sassen und im wahrsten Sinne des Wortes mit 
dem Knig Poker spielten. Am Tag nach meiner Rede sass ich als 
Parteivertreter in Marif, einem Stadtteil von Casablanca, um die Wahl 
zu berwachen. Ich hatte recht viel ber wahltechnische Fragen gelernt 
und kannte die Regeln.

Am Abstimmungstag selbst durfte keine Propaganda gemacht werden, 
doch in der Schule, wo das Wahllokal fr unseren Bezirk eingerichtet 
war, galt diese Regel nicht - wie auch in den anderen 
Abstimmungslokalen des Landes. Auf dem Schulhof stand eine lange 
Reihe von Menschen, die abstimmen wollten, aus lauter Furcht vor 
einer Bestrafung, wenn sie dem Knig ihre Stimme verweigerten. Die 
meisten waren Analphabeten. Ca. 70% der marokkanischen 
Bevlkerung knnen weder lesen noch schreiben. Deshalb war das Ja 
und das Nein jeweils durch eine Farbe gekennzeichnet. 


                                                 47
Die weisse Farbe stand fr das Ja. Auf Arabisch heisst verwenden wir 
fr "weiss" dasselbe Wort wie fr "Ei", nmlich "beda". Ich sah einen 
Polizisten in Zivil, der auf dem Schulhof umherging, whrend die Leute 
Schlange standen, und dabei Eier verteilte. Dabei ermunterte er sie, 
"weiss" zu stimmen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass eine 
solche Whlerbeeinflussung am Abstimmungstag nicht gestattet war. 
"Wenn du so weitermachst", rief ich, "dann hole ich Brot und schneide 
es fr das Volk" (das Verb fr "schneiden" wird im Arabischen auch 
fr "boykottieren" benutzt). 

Nach einer Weile tauchten zwei weitere, ebenfalls in Zivil gekleidete 
Polizisten auf und nahmen mich fest. Auf dem Polizeiposten machten 
sich die Bullen ber mich lustig, weil ich die Wahlen ernst nahm. Drei 
Tage lang blieb ich in Polizeigewahrsam. Man misshandelte mich, unter 
anderem, indem man elektrische Kabel um meine Finger wickelte und 
Stromstsse hindurchjagte. Die Misshandlung von Verhafteten ist bei 
der marokkanischen Polizei gang und gbe.

Die UNFP-Sektion, der ich angehrte, war im Stadtteil Derb Ghalef in 
Casablanca beheimatet. Allerdings lag ich ideologisch nicht auf der 
Parteilinie. Ich war in allererster Linie Islamist, d.h. ich wollte mich fr 
einen Staat einsetzen, der fr Panislamismus und Panarabismus, fr 
islamische Werte und fr politische wie wirtschaftliche Demokratie 
stand. Fr letztere verwenden wir den Begriff "shoran". 

Diese Punkte standen nicht im UNFP-Programm. Die Partei war nicht 
eindeutig sozialistisch, nicht eindeutig panarabisch und nicht eindeutig 
islamisch. An ihrer Spitze stand eine getarnte marxistische Elite. Die 
Partei war als Kompromiss zwischen verschiedenen Personen aus 
verschiedenen Interessengruppen entstanden. Ihr gebrach es an einer 
klaren ideologischen Linie, und doch genoss sie eine gewisse 
Untersttzung durch das Volk, weil es einfach nichts Besseres gab. 

Andererseits war diese vage ideologische Ausrichtung auch eine Strke. 
Im Grunde genommen war die UNFP eher eine Front als eine Partei. 
Die Ideologie der marokkanischen Eliten ist von Heuchelei und 
Opportunismus geprgt. 

                                                    48
1963 wanderte der gesamte nichtmarxistische Teil der Parteifhrung 
auf Geheiss des Knigs hinter Gitter, worauf die Kommunisten das 
Szepter bernahmen und die UNFP zu einer reinen Kommunistenpartei 
wurden, genau wie es der Knig bezweckt hatte. Ich war gegen den 
Kommunismus und die Kommunisten, die bloss das sowjetische 
System kopieren wollten, folglich antiislamisch waren, unsere eigene 
Kultur zerstren und die bestehende Diktatur durch eine noch 
schlimmere ersetzen wollten. Die Tragdie, die sich spter in 
Afghanistan ereignet hat, illustriert die Ziele und Methoden der 
Kommunisten sehr anschaulich.

Schon als Kind geriet ich durch die Sendungen von Radio Kairo 
("Stimme der Araber") in Berhrung mit den Gedanken Nassers. Ich 
hrte von jenem gyptischen Offizier, der mit Untersttzung des 
Volkes Knig Faruk gestrzt, die Monarchie abgeschafft und den 
Englndern die Stirn geboten hatte. Vor Nasser war die arabische Welt 
unter Englndern und Franzosen aufgeteilt, aber nun hrten wir zum 
ersten Male eine arabische Stimme, die Stimme eines Mannes, der 
weder fr den Osten noch fr den Westen war, sondern fr wahhaftige 
Unabhngigkeit stand. "Die Hauptstadt gyptens ist weder London 
noch Paris noch Washington, sondern Kairo", sagte Nasser.

Die gyptische Revolution hatte im Juli 1952 stattgefunden, in jenem 
Jahr, als ich das erste Mal nach Casablanca kam. Im gleichen Jahr 
brach auch ein Streik in Tunesien aus, in dessen Folge die Franzosen 
den tunesischen Fhrer Farhat Hachad umbrachten. Diese Ereignisse 
erregten in Marokko betrchtliches Aufsehen, weil sie bewiesen, dass es 
doch noch Leute gab, die es wagten, sich den Kolonialherren 
entgegenzustellen. Die gyptische Revolution war dabei der zndende 
Funke!

Ich bewunderte Nasser vor allem deshalb, weil er 1956 den Suezkanal 
nationalisiert und dann Widerstand gegen die englisch-franzsisch-
israelische Aggression geleistet hatte. Doch ging meine Bewunderung 
auch darauf zurck, dass er mit der verrotteten Monarchie in seinem 
Land Schluss gemacht hatte. Mir schien es durchaus mglich, diesem 
Beispiel in Marokko zu folgen. 

                                                   49
Wir Jugendlichen sttzten uns zur Gewinnung von Informationen ber 
Nassers Ideengut hauptschlich auf die Sendungen von "Stimme der 
Araber", die sich an die gesamte arabische Welt wandten. In allen 
arabischen Staaten lauschten die Menschen diesen Sendungen, und 
Nassers Stimme schien auch mir zuzurufen, ich solle mich gegen die 
Ungerechtigkeit zur Wehr setzen. Die Revolutionen Nassers in gypten 
und Ben Bellas in Algerien, der siegreiche Widerstandskampf des 
afghanischen Volkes gegen den Sowjetimperialismus, die islam-ische 
Revolution im Iran sowie die palstinensische Intifadda - dies sind die 
grssten islamischen Revolutionen der modernen Zeit, und fr 
kommende islamische Generationen werden sie immer Inspirations-
quellen bleiben. 

Ungeachtet all der Fehler, die begangen wurden, lag ihnen allen 
ehrliche berzeugung zugrunde, und sie haben gezeigt, was die 
Moslems erreichen knnen, wenn sie es nur schaffen, sich in einem 
islamischen Jihad zur Schaffung von Freiheit, Demokratie (Shora) und 
soziale Gerechtigkeit zu vereinen. Nur wer nichts tut, begeht keine 
Fehler. Kritisieren ist leicht. Die beste Kritik liegt in der Tat, im 
Vorangehen mit gutem Beispiel.

Als ich meinen politischen Kampf begann, gab es keine islamische 
Partei in Marokko. Eigentlich passte mir berhaupt keine der 
bestehenden Parteien in den Kram. Trotz all ihrer Mngel stand mir die 
UNFP noch am nchsten. Die Istiqlal war seit der Abspaltung der 
UNFP eine reaktionre Partei geworden und kmpfte hauptschlich 
noch fr die Privilegien der Oberklasse. Zudem wurde diese Partei von 
Leuten aus Fes ("Fassi" genannt) dominiert, denen es geglckt war, viel 
zu viel Macht und Vorrechte zu erringen und viel zu grossen Einfluss in 
der Gesellschaft und im Staatsapparat zu erlangen. - Es versteht sich 
von selbst, dass ich mit diesen "Fassi" eine politisch und wirtschaftliche 
privilegierte und nicht eine ethnische Gruppe meine. 

Zwei Jahre lang wohnte ich also im Internat. Das Leben war fr mich 
kein Honiglecken; ich ging nie ins Kino, sondern widmete mich voll 
und ganz meiner Ausbildung. Schliesslich galt es die Zeit wettzu-
machen, die ich als Kind verloren hatte, weil ich arbeiten musste. 


                                                    50
Ich habe niemals geraucht, niemals Wein oder Schnaps getrunken oder 
Haschisch genommen. Ich ass sehr einfach und nahm alles zu mir, was 
man mir auftischte, gleichgltig wie es schmeckte - um zu berleben. 
So fhrte ich ein durch und durch einfaches und unkompliziertes 
Leben, obgleich Casablanca, wie jede grosse Stadt, ein Hort der 
Korruption ist.

Whrend meines letzten Studienjahrs am Lehrerseminar wohne ich bei 
einem Vetter in Derb Galef, einem rmlichen Stadtteil in Casablanca, 
der man fast schon als Elendsviertel bezeichnen kann. Mein Veter, 
Moh-Olhes, besass ein kleines Geschft und ich teilte mein winziges 
Zimmer, das einem Grab hnelte, mit einem seiner Shne. Zu meinem 
Besitz zhlte ich ein Fahrrad. Ich war sehr einsam, hatte kaum Freunde 
und unterhielt wenig Kontakt zu anderen Menschen. Ein allzu geselliger 
Mensch war ich nie gewesen.

Als ich im Oktober 1963 Lehrer wurde, am gleichen Gymnasium, wo 
ich zuvor studiert hatte, begann ich meine alten Klassenkameraden zu 
unterrichten, die nun in der letzten Gymnasialklasse waren. Ich arbeitete 
drei Jahre lang, nmlich von Oktober 1963 bis Oktober 1966, als 
Lehrer, und zwar an insgesamt vier verschiedenen Schulen: Lyce 
Mohamed V, Lyce Fatima Zahra, Collge Chaouki und die 
Lehrerhochschule von Casablanca.

Gleichzeitig gab ich mich politischen Aktivitten hin und bemhte mich, 
unter den Gymnasiasten von Casablanca eine islamistisch-nasseristische 
Untergrundorganisation auf die Beine zu stellen. Im Lyce Mohamed V 
(frher Lyce Moulay Hasan), wo ich als Lehrer ttig war, nahmen die 
Studentenunruhen von 1964 und 1965 ihren Anfang. Ich zog dabei die 
Fden. Die Unruhen begannen 1964 und erreichten im Mrz 1965 
ihren Hhepunkt. Ich wurde am 23. Mrz 1964 und genau ein Jahr 
darauf nochmals verhaftet.

Wir reagierten gegen die sozialen Ungerechtigkeiten, die Diktatur, das 
Tyrannenregiment - d.h. Erscheinungen, wie sie fr die sogenannte 
Dritte Welt charakteristisch sind. In Marokko gelang es uns niemals, die 
Durchschnittsmenschen zur Revolte anzustacheln, auf die es doch in 
erster Linie ankommt. 

                                                   51
Die Parallele zu den Oststaaten war ganz auffallend. Die Diktaturen in 
Ost und West hneln sich. Dem Durchschnittsbrger wird dort 
eingetrichtert, dass er keine Rechte besitzt und dass Arbeitslosigkeit, 
Unrecht, Korruption und eine privilegierte  Oberschicht ein 
naturgegebenes, unvernderliches Schicksal sind. In Tat und Wahrheit 
galt in Marokko kein Gesetz. Die Korruption war zum System 
geworden. Unbestechliche Beamte bildeten die Ausnahme.

Die politische Atmosphre war sehr gespannt geworden, und was die 
Revolte auslste, war eine neue Verordnung, der zufolge die Mglich-
keiten gewisser Schler, ihre Studien fortzufhren, eingeschrnkt 
wurden. Der Staat konnte nicht jedermann die Mglichkeit zum 
Studium bieten, der sie verlangte. Es war ein Leichtes, die Schler 
gegen diese neue Verordnung zu mobilisieren, und so kam es zu 
heftigen Unruhen.

Der Demonstrationszug ging von unserer Schule aus. Schon nach 
einigen hundert Metern begannen wir gegen den staatlichen 
"Fnfjahresplan" fr den Unterricht zu protestieren. Wir marschierten 
zur regionalen Sektion des Erziehungsdepartements. Da ich Lehrer war 
und die Schler mich kannten, konnte ich die Kundgebung 
organisieren. Viele wnschten, ich solle eine Rede halten und darlegen, 
worum es ging. Man trug mich auf den Schultern. Ich hielt die 
verlangte Rede, wobei ich wortstark gegen die Diktatur, den Polizei-
staat, die Regierung, die Korruption und den Knig zu Felde zog. 

Whrend ich sprach, teilte man mir mit, die Polizei sei unterwegs. Ich 
sagte, wir sollten keine Furcht vor der Polizei haben und nicht wie 
Feiglinge davonlaufen, sondern uns auf einen Zusammenstoss mit der 
Polizei vorbereiten. Sobald die Polizisten eingetroffen waren, begannen 
sie auf die Studenten loszudreschen. Wir wichen nun in Richtung auf 
die Armenviertel aus. Viele Arbeitslose schlossen sich uns an, und die 
Demonstration nahm einen ausgeprgteren politischen Charakter an. 
Dies erfolgte sehr rasch. Man begann das Zentralgefngnis und 
zahlreiche andere ffentliche Gebude zu strmen. Schon nach ein paar 
Stunden war Casablanca nicht mehr unter der Kontrolle des Staates. 


                                                     52
So fing es an. Meine Rolle bei der Revolte bestand darin, die 
Verbreitung von Flugblttern durch meine Schler zu organisieren, 
durch welche andere mobilisiert werden sollten. Wir hatten eine Gruppe 
gebildet, die die verschiedenen Demonstrationszge zu ver-schiedenen 
Zielorten fhren sollte. Spter wurden allerlei Mrchen-geschichten 
erzhlt, und meine Rolle bei der Revolte wurde stark bertrieben; ber 
mich kursierten die wildesten Gerchte. 

Ein Schler berichtete, er habe gehrt, dass ich einen Bus besetzt habe, 
damit auf das Tor des Zentralgefngnisses losgefahren sei und dieses 
gesprengt hatte. Nichts daran stimmte. Nach meiner Verhaftung wurde 
ich allerdings zu diesen Gerchten befragt, welche fr die Polizei 
Tatsachen waren. Ich konnte beweisen, dass ich nicht in der Nhe des 
Gefngnisses war, als dies geschah. Mindestens 500 Menschen kamen 
uns Leben; unzhlige wurden verletzt. Die Zahl der Festgenommenen 
ging in die Tausende. 

Diese Geschehnisse bestrkten mich in meiner Auffassung, dass man in 
einem Diktaturstaat keinen unbewaffneten Widerstand gegen Armee, 
Gendarmerie und Panzer leisten kann. Schon Nasser hatte sich als 
Zivilist bemht, das System zu bekmpfen, doch war er dabei 
gescheitert. Ich hatte dem Glauben gehuldigt, man knne durch Mobili-
sierung der ffentlichen Meinung sowie durch Kundgebungen etwas 
erreichen, aber die demokratischen Voraussetzungen dazu fehlten. 

Als ich nach dem Examen meine Lehrerlaufbahn begann, dauerte es 
sechs Monate, ehe meine Kollegen und ich unseren Lohn erhielten. 
Zusammen mit ein paar anderen Lehrern beschloss ich, dagegen zu 
demonstrieren. Wir fuhren nach Rabat und setzten uns vor dem 
Erziehungsministerium auf den Boden. An diesem Sitzstreik nahmen 
30 Leute teil. Nach ein paar Minuten rckte eine Polizeieinheit an und 
umzingelte uns. Ein arroganter Kommissar kam auf uns zu und begann 
ber uns zu lachen: "Meine Heren, glauben Sie denn eigentlich, Sie 
seien hier in Schweden?" 

Dies war das erste Mal, das ich auf den Namen "Sude", Schweden, 
aufmerksam wurde. Mir ging es bei dieser Gelegenheit auf, wie absurd 
es doch eigentlich war, eine Diktatur mit demokratischen Mitteln 
bekmpfen zu wollen. 
                                                   53
Aber, so dachte ich mir, wenn wir die Tanks nicht stoppen knnen, so 
mssen wir sie eben fahren. Wir jungen Mnner wurden gebraucht, um 
uns ans Steuer der Tanks zu setzen. Deshalb reifte in mir der Plan, 
mich um eine Aufnahme an der Militrakademie zu bewerben. Ich 
wollte Offizier werden.

Als Antwort auf den Sitzstreik wurde ich an meinem Wohnsitz 
vorbergehend festgenommen. Bei einem frheren Anlass, im Mrz 
1964, kam die Polizei in meine Schule und verhaftete mich nach einer 
Demonstration. Damals hatte ich Glck, denn meine Schler sahen, 
dass ich abgefhrt wurde, und begannen zu streiken, worauf ich nach 
der unvermeidlichen routinemssigen Misshandlung freigelassen wurde. 
Die Tochter des Polizeikommissars hiess Husseini und war eine meiner 
Schlerinnen.

Aber im Mrz 1965 stattete die Polizei mir an meinem Wohnsitz einen 
Besuch ab, und die Schler wussten nicht, was passiert war. Dass ich 
Lehrer war, erwies sich als hilfreich, denn man htte es ja sofort 
gemerkt, wenn ich lngere Zeit abwesend gewesen wre. In Marokko 
sind Schler und Studenten allgemein weit strker politisiert als der 
Rest der Gesellschaft. Wre ich ein gewhnlicher Arbeiter gewesen, so 
wre ich vielleicht fr immer verschwunden, wie es Hunderten von 
Menschen in Marokko widerfahren ist. Das schlimmste Vergehen, 
dessen man sich in jenem Lande schuldig machen kann, besteht darin, 
"sich in die Politik einzumischen".

Wird man aufgrund dieses Delikts festgenommen, so werden beim 
Verhr die blichen Fragen gestellt. Dabei wird der Befragte stets 
misshandelt, selbst wenn es nur um ganz einfache Fragen geht, etwa 
um die, welcher Organisation man angehrt oder was man getan hat. 
Mir wurde vorgeworfen, dass ich die Schler zum Streik aufgewiegelt 
und Demonstrationen angezettelt htte. Ferner htte ich gegen den 
Knig gehetzt und die Monarchie geschmht; ich htte zuviel von der 
franzsischen Revolution geredet und dabei Ludwig XVI auf 
beleidigende Weise erwhnt; ferner htte ich behauptet, dass der Islam 
die Monarchie ablehnt und die Knige als die Verderber der 
Gesellschaft bezeichnet. 

                                                   54
Ich erinnere mich noch lebhaft an die Umstnde, unter denen mein 
Verhr stattfand. Die Verhltnisse in der Zelle waren barbarisch. Auf 
hchstens vier Quadratmetern waren zehn Menschen zusammen-
gepfercht. Alle halbe Stunde wurde Wasser in eine der Ecken gesplt. 
Alle Viertelstunde ffnete der Wrter die Lucke in der Metalltre und 
leuchtete mit der Lampe in die Zelle. Wir kamen uns vor wie Ratten. Es 
gab kein elektrisches Licht, und das einzige Gerusch kam von dem ab 
und zu durch das Toilettenloch im Fussboden rinnenden Wasser.

Nach einer Woche wurde ich auf freien Fuss gesetzt, da man weiteren 
Schlerprotesten vorbeugen wollte. Die Krawalle waren schliesslich 
von den Schulen ausgegangen, und die Behrden wollten zustzliche 
Unruhen und Streiks vermeiden. 

Immer, wenn ich nach einer Verhaftung die Polizeistation verliess, 
fhlte ich mich als unbewaffneter Zivilist noch machtloser und hilfloser 
als je zuvor. Wie leicht htten die Polizisten mich doch tten knnen, 
als ich in der Zelle sass! So war es mit Hunderten von anderen 
Gefangenen geschehen. 

Nun war die Zeit gekommen, wo ich den Beschluss fasste, Offizier zu 
werden. Der einzige normale Weg zur Offizierskarriere verluft durch 
die knigliche Militrakademi in Meknes. Dort meldete ich mich im 
Herbst 1965 an.

Einige Tage darauf wurde Ben Barka in Paris auf offener Strasse 
entfhrt. Ben Barka war ein typischer, gebildeter franzsischer Sozialist 
im marokkanischen Gewande. Er war gewissermassen eine Mischung 
von Franois Mitterrand (ein Linksmacchiavellist) und Edgar Faure (ein 
Rechtsmacchiavellist). 

Als Opportunist hatte er tatkrftig dazu beigetragen, Hassan dem 
Zweiten an die Macht zu helfen, und nun war er zum Opfer des 
Despoten geworden. "Nein", dachte ich mir, "Ben Barkas Weg fhrt 
nur zum marokkanischen Palast und nach Paris. Ich muss mich dem 
Heer anschliessen, damit sich mir die Chance bietet, die Probleme 
Marokkos auf radikale Weise zu lsen." 


                                                    55
Auf der Militrakademie klrte man mich darber auf, dass ich die 
Erlaubnis des Erziehungsministers bentigen wrde, um eine 
militrische Karriere einschlagen zu drfen. Schliesslich war ich Lehrer. 
Mein Antrag wurde abgelehnt. Ich fand mich widerwillig mit der 
abschlgigen Antwort ab und unterrichtete weiter in Casablanca.

Am Ende des Schuljahres 1965/1966 bewarb ich mich abermals um die 
Aufnahme an die Militrakademie. Ich suchte das Verteidigungs-
ministerium auf und traf mich mit Minister Ahrdan, einem Franzsling, 
der whrend der Kolonialzeit Offizier in der franzsischen Armee 
gewesen war. Nach der Selbstndigkeit wurde er zu einer Art 
Politclown und ideologischem Scharlatan. Ahrdan verwies mich an den 
Kabinettssekretr und Generalsekretr im Verteidigungsministerium, 
der direkten Kontakt mit dem Knig hatte. 

Dieser hiess Ben Haroche, bekleidete den Rang eines Majors und war 
zionistischer Jude. Er war nchst dem Knig der eigentliche 
Machthaber im Verteidigungsministerium. Major Ben Haroche empfing 
mich, um mir mitzuteilen, dass ich nicht die geringste Chance hatte, zur 
Militrakademie zugelassen zu werden, doch stehe es mir frei, mich mit 
dem Leiter der Akademie in Verbindung zu setzen. 

Ich folgte diesem Rat, doch erfolglos. Da begab ich mich direkt zum 
Knigspalast, wo ich eine Audienz beim Chef des kniglichen 
Militrstabs verlangte. Dies war General Madbouh. In Marokko liegt 
der Weg zum Erfolg in persnlichen Kontakten und in der Korruption. 
Es glckte mir, Madbouh von meiner Berufung fr die militrische 
Laufbahn zu berzeugen.

Binnen zwei Jahren war ich ein perfekter Offiziersaspirant, was unter 
anderem dazu fhrte, dass ich zum Chefredaktor der Akademie-
zeitschrift "Le Flambeau" ("Die Fackel") ernannte wurde. 1968 wurde 
ich Offizier. Der einzige Verweis, der mir whrend der Zeit in Maknes 
erteilt wurde, ging darauf zurck, dass ich mich zusammen mit einigen 
Kameraden weigerte, an einem Nachtmarsch teilzunehmen. Diese 
Befehlsverweigerung, die dazu fhrte, dass wir 27 Aspiranten nach 
Ahermoumou strafversetzt wurden, war von den "Freien Offizieren" 
geplant worden. 

                                                    56
Whrend meiner Zeit in der Militrakademi war ich nmlich mit 
anderen Gegnern der korrupten marokkanischen Monarchie in Kontakt 
gekommen. Offenbar war ein Staatsstreich die einzige Mglichkeit, eine 
Vernderung zustande zu bringen, und in der Armee hatte man zu 
diesem Zweck eine geheime Organisation gebildet, die sich "die Freien 
Offiziere" ("les Officiers Libres") nannte. Zu dieser Organisation hatte 
ich mich angeschlossen.

In Ahermoumou befand sich, wie bereits erwhnt, die Unteroffiziers-
ausbildungsschule. Sie lag auf einem Bergplateau, achtzig Kilometer 
von der Stadt entfernt. Oberstleutnant Ababou war damals 
Schulkommandant. Wieder fhrte mich mein Geschick dort mit einem 
Mann zusammen, der sich im Kampf gegen die Monarchie auszeichnen 
sollte. Whrend Ababou  in der Rif-Gegend in Nordmarokko geboren 
waren, stammte ich aus Tafraoute im Sden.

Bei einem Staatstreich galt es, die Kontrolle ber die Hauptstadt Rabat, 
den Armeestab, das Innenministerium und die Radio- sowie 
Fernsehstationen zu bernehmen. Die ganze Operation war natrlich 
sehr riskant, aber bei guter Planung gar nicht aussichtslos. An den zwei 
Putschen, die tatschlich versucht wurden, war ich selbst beteiligt, im 
ersten Fall mehr indirekt.

Der erste Putsch fand am 10. Juli 1971 statt. Aus Sicherheitsgrnden 
und um jene zu schtzen, die immer noch der marokkanischen Armee 
angehren, darf ich nicht alle Einzelheiten der Plne sowie meiner Rolle 
preisgeben, aber manches kann jetzt enthllt werden.












                                                     57
Die  erste  Revolte

An jenem Tage - es war ein Feiertag - befand ich mich in meinem 
Offizierszimmer in der Moulay-Ismail-Verlegung in Rabat. Ich war in 
ein Buch vertieft, das den Titel "La technique d'un coup d'Etat" ("Die 
Technik eines Staatsstreichs") trug; an den Namen des Verfassers kann 
ich mich nicht mehr erinnern. Der Tagesoffizier, Hauptmann Mazouz, 
kam hereingestrzt und teilte mir mit, dass die Alarmbereitschaft 
ausgerufen worden war. 

Ich warf mich eilends in meine Kampfuniform, rief meine Mnner 
zusammen und befahl, sie sollten in ihre Panzer springen. Es war 
ungefhr drei Uhr nachmittags. Der Soldat, der die Schlssel hatte, war 
zufllig gerade abwesend. Ich liess die Tr zum Munitionsspeicher 
aufbrechen, um die 17 Panzer, aus denen meine Einheit bestand, mit 
scharfer Munition bestcken zu lassen.

In diesem Augenblick sah ich Oberstleutnant Saad, den Stabschef der 
Panzerbrigade, wie er in einem schwarzen Auto durch das grosse 
Kasernentor gefahren kam. Ihm folgte Oberst Abaroudi, Befehlshaber 
der kniglichen Marine. Beide trugen Zivil. Aufgewhlt und in Panik 
rief mir Saad zu: "Wir kommen vom Palast in Shkirat. Der knigliche 
Palast ist von bewaffneten Zivilpersonen angegriffen worden. Viele sind 
dabei umgekommen. Los zum Palast. Folgt der Hauptstrasse und 
schiesst alle Bewaffneten nieder, die sich euch in den Weg stellen."

Mir war bekannt, dass die "Freien Offiziere" Oberstleutnant Mohamed 
Ababou den Auftrag erteilt hatte, zusammen mit General Madbouh 
den Sturz des Knigs in die Wege zu leiten. Aber nur die direkt an der 
Operation Beteiligten durften den Zeitpunkt, den Ort und die genauen 
Umstnde des Putsches erfahren. Deswegen wusste ich nicht genau, 
was sich ereignet hatte.

Ich verliess die Moulay-Ismail-Verlegung an der Spitze meiner Kolonne 
im offenen Panzerturm stehend. Der Gedanke, dass die Zwingburg des 
Tyrannen angegriffen worden war, stimmte mich glcklich, auch wenn 
mir noch nicht klar war, wer denn nun genau hinter dem Coup stand. 

                                                    58
Gleichzeitig schmte ich mich darber, dass ich meine Hnde in den 
Schoss gelegt hatte, whrend das Schicksal meines Vaterlandes 
entschieden wurde. Htte ich mich doch am Sturm auf den Palast 
beteiligen knnen! Am Sturz des Tyrannenregiments teilzuhaben wre 
eine Ehre fr jeden Freiheitskmpfer gewesen.

Fest entschlossen, alle Befehle zu missachten und mich stattdessen mit 
meinen eigenen Panzern an die Seite der Rebellen zu stellen, entschied 
ich mich, die Kstenstrasse zum Palast einzuschlagen, die wohl etwas 
krzer war. Durch diesen unglcklichen und schicksalhaften Beschluss 
habe ich mglicherweise den Knig gerettet. 

Spter erfuhr ich, dass die Lastwagen mit den rebellierenden Soldaten 
auf der Hauptstrasse nach Rabat zurckkehrten, whrend meine 
Panzerkolonne die Kstenstrasse Rabat-Skhirat eingeschlagen hatte. 
Htte ich denselben Weg gewhlt wie sie, so htten sich meine 17 
Panzer mit ihnen vereint, und dank dieser Verstrkung wre der 
Skhirat-Putsch wahrscheinlich geglckt. Die Geschichte Marokkos htte 
dann einen anderen Verlauf genommen!

Skhirat ist der Name des kniglichen Sommerpalastes. Er liegt an der 
Atlantikkste ein paar Meilen sdlich von Rabat auf der Strasse nach 
Casablanca. An jenem Sommernachmittag war die Umgebung der 
Kstenstrasse voll von Badenden und Ausflglern. Scharen von 
Schaulustigen stoben vor meinen Panzern zur Seite. Wussten sie wohl 
schon, dass sich im Knigspalast eine Tragdie abspielte? 

Auf dem Weg zum Palst erfuhr ich, dass die rebellierenden Soldaten 
Kadetten aus meiner alten Militrschule in Ahermoumou waren, wo 
man Unteroffiziere ausbildet. Ich war dort Kompaniechef, Lehrer und 
Fhrer meiner alten Klassenkameraden aus der Mililtrakademie 
gewesen. Diese wurde von einem meiner alten Vorsitzenden, 
Oberstleutnant Ababou, geleitet. Mich berkam schiere Verzweiflung. 
Beim Sturm auf den Palast wre mein Platz an ihrer Seite gewesen. 
Stattdessen sollte ich nur noch zum Zeugen der letzten Phase einer 
Katastrophe werden.



                                                  59
Mich ereilte die Kunde, dass einer der Putschfhrer, General Madbouh, 
tot war. Er war es gewesen, der mir einst den Zugang zur militrischen 
Laufbahn verschafft hatte. Das Schicksal hatte mich mit zwei Mnnern 
zusammengefhrt, Ababouh und Madbouh, der insgeheim den gleichen 
Wunschtraum wie ich hatte, nmlich die Monarchie zu strzen, die fr 
mich all das verkrperte, was in Marokko bse war.

Wie fand General Madbouh den Tod? Und weshalb beging Oberst 
Ababou den Irrtum, sich so hastig nach Rabat zu begeben und so den 
Knig fast unbewacht im Palast zurckzulassen? Dies waren zwei 
Fragen, die bald nach dem gescheiterten Putschversuch gestellt wurden. 
Vielleicht werden sie niemals beantwortet werden. Ich war, wie bereits 
gesagt, nicht dabei, als Madbouh starb. Mit Hilfe von Zeugenaussagen 
kann man aber ein einigermassen glaubwrdiges Bild von dem 
zeichnen, was drinnen im Palast geschah.

Die Angehrigen des diplomatischen Korps hatten Einladungen zur 
Geburtstagsfeier des Monarchen erhalten. Solche waren auch an 
einflussreiche auslndische Geschftsleute ergangen, die sich gerade in 
Marokko aufhielten, sowie natrlich an die knigliche Regierung und 
die verschiedenen Minister. Das Fest legte Zeugnis von dem 
unglaublichen Luxus ab, in dem der Knig und seine Umgebung 
schwelgt.

Whrend die Gste in kleinen Gruppen dastanden und munter 
miteinander konversierten, wobei sie kleine Teller mit geruchertem 
Lachs weiterreichten, ertnten jenseits der Palastmauern Schsse. 
Soldeten strmten in den Palast, wobei sie wild um sich feuerten. Der 
belgische Botschafter sank tdlich getroffen zu Boden, whrend seine 
Kollegen sich in Deckung brachten. Palastwachen, Gste, der Knig, 
alle Anwesenden waren wie vom Blitz gerhrt.

Spter wurde noch eine kaum zu beantwortende Frage aufgeworfen: 
Wie konnte es Oberst Ababou gelingen, eine Streitkraft von nicht 
weniger als 1400 Mann von Ahermoumou via Fes, Meknes, Kenitra 
und Rabat nach Skhirat zu verschieben, ohne dass der Knig auch nur 
das Allergeringste davon erfuhr? 

                                                    60
Welcher hhere Offizier, oder welche hheren Offiziere, hatten es 
unterlassen, dem hchsten militrischen Befehlshaber des Landes, dem 
Knig, diese umfassenden Truppenmanver zu melden, die sich 
whrend einer ganzen Nacht quer durchs Land vollzogen? Der 
Armeestab wusste lediglich, dass Ababous Unteroffiziersschule in Ben 
Slimane, einige Meilen sdlich von Skhirat, ein Sommermanver 
abhalten wrden.

Ababou unterteilte seine Kadetten vor dem Angriff auf den Palast in 
zwei Gruppen. Die erste marschierte an der Sdseite des Gebudes auf, 
rechts vom Golfplatz, der den Palast von der Strasse trennt, die zweite 
rckte nrdlich des Palastes von links vor. Die knigliche Wache 
erffnete das Feuer. Um sie in Panik zu versetzen, erhielten Ababous 
Mnner in der Nordgruppe den Befehl, in die Luft zu schiessen. Die 
sdliche Gruppe meinte, die Wache habe auf sie gefeuert, und begann 
ihrerseits zu schiessen. Whrend die Kadetten in den Palast strmten, 
schossen sie in ihrer Verwirrung und Panik aufeinander, da Wachen 
und Kadetten dieselben Uniformen tragen. Es gab die ersten Toten. Die 
Gste stoben auseinander. Einige von ihnen trugen Schusswaffen und 
machten von diesen Gebrauch. Die Kadetten blieben ihnen nichts 
schuldig und feuerten auf die Gste.

Ababou war ein kleinwchsiger, muskulser, dunkelhutiger, harter 
Mann, der als vllig unbeugsam galt. Fr ihn galt es, dem Knig den 
Garaus zu machen, seine Familie ins Exil zu schicken und ein paar 
Minister an die Wand zu stellen. Kurz gesagt, er wollte eine blutige 
Revolution, bei der mit dem Gegner nicht viel Federlesens gemacht 
wurde. Der andere Putschfhrer, General Madbouh, hegte ganz andere 
Plne. Er wollte den Palast umstellen, die Wachen entwaffnen, den 
Knig gefangennehmen und von ihm verlangen, er solle zugunsten 
einer Junta von jungen Offizieren abtreten.

Eigentlich htte es mglich sein mssen, einen unblutigen Putsch 
durchzufhren. Doch ein katastrophales Missverstndnis zwischen 
Ababou und Madbouh beim Sturm auf den Palast fhrte zu Wirrwarr 
und Schiessereien, wodurch die Revolte eine blutige Wendung nahm. 
So war es nicht verwunderlich, dass der Putsch schliesslich zum Fiasko 
wurde.

                                                     61
General Madbouh sieht, dass Wachen und Gste vom Maschinen-
gewehrfeuer niedergemht werden, und er begreift, dass die Operation 
schief verluft. Um einen Trumpf in der Hand zu haben, vielleicht auch 
aufgrund seines Widerwillens, zu tten, will er unbedingt, dass der 
Knig berlebt. Er sucht in der von Panik erfllten Menge nach ihm, 
findet ihn und drngt ihn, sich zusammen mit etwa zehn Gsten auf 
einer Toilette hinter dem Thronsaal zu verstecken.

Draussen vor dem Palast peitschen die Schsse. Madbouh fhrt ein 
kurzes Gesprch mit dem Monarchen. Er fordert ihn zur Abdankung 
auf. "Sie knnen via Rabat oder Casablanca nach Frankreich fliegen", 
sagt er. Der Knig willigt ein. Hassan II unterzeichnet eine Abdank-
ungsurkunde, die man angeblich spter beim toten Mahboud finden 
wird. Die offizielle Stellungnahme seitens des Palastes erwhnt dieses 
Dokument verstndlicherweise nicht und geht auch mit keinem Wort 
darauf ein, dass der Knig zur Abdankung aufgefordert worden ist. 

Es wird berichtet, dass der Knig mit seiner Einwilligung eine 
Bedingung verknpft hat: der Schutz seiner Familie muss gewhrleistet 
sein. Madbouh nahm diese Bedingung an und schickte Dr. Ben Aich, 
den kniglichen Arzt, in die Knigsgemcher, wo er sich um die vier 
Kinder des Monarchen kmmern sollte. Oufkir, der zusammen mit dem 
Knig auf der Toilette gewesen war, berichtete mir spter, Hassan habe 
sich ohne Diskussion bereiterklrt, den Thron zu rumen. Er war von 
lhmender Angst gepackt und dachte nur noch daran, sein Leben sowie 
das seiner Angehrigen zu retten. 

In diesem Augenblick tauchte Oberst Abadou auf, der den Knig 
suchte. Madbouh teilte ihm gelassen mit, dass jener zur Abdankung 
bereit sei und dass er, Madbouh, ihn bereits nach Rabat habe 
eskortieren lassen. Ababou geriet in rasende Wut. Er wandte sich an 
seinen Leibwchter, Akka, einen Riesen mit kahlgeschorenem Haupt 
und Armen wie ein Gorilla, und sagte: "Madbouh ist ein Verrter; tte 
ihn!" Akka feuerte, und Madbouh fiel zu Boden. Doktor Ben Aich, der 
inzwischen zurckgekehrt war, wurde ebenfalls getroffen und sank 
zusammen.



                                                      62
Nun wusste niemand im Palast mehr, wo sich der Knig befand. 
Ababou, der fest davon berzeugt war, der Monarch habe entschlpfen 
knnen, sammelte wutschumend seine briggebliebenen Soldaten und 
fuhr eilends nach Rabat, um den Flchtigen abzufangen, den 
Radiosender zu besetzen und den Plan zu vollenden. Dabei liess er eine 
kleine Schar von 20 Kadetten in Skhirat zurck. Er erteilte ihnen 
Anweisungen: Bis 19 Uhr sollten die Gste zur Militrverlegung des 
Palastes eskortiert werden. Dort solle man die Auslnder unter ihnen 
aussortieren. Bis zu jenem Zeitpunkt werde entweder alles gewonnen 
oder alles verloren sein. 

Im Palast geschah nun fast nichts mehr. Alle standen noch unter 
Schock. Schliesslich entdeckte ein Soldat, der auf die Toilette musste, 
ganz zufllig den Knig, ohne ihn zu erkennen. Er packte den in eine 
beige-rosarotes Hemd gekleideten Mann und fhrte ihn zu ein paar 
anderen Gefangenen an eine Mauer, wo er sich fgsam hinsetzte. Nach 
einer Weile ging dem Soldaten ein Licht auf, und er merkte, wen er da 
gefangengenommen hatte. Die Soldaten waren nicht ber den Zweck 
der Operation unterrichtet. Sie gehorchten bloss ihren Befehlen.

Der Knig begriff, dass ihm keine Erschiessung drohte, wenigstens 
nicht seitens des Kadetten, der vor ihm stand. Die Lage wandte sich 
allmhlich zugunsten des Knigs. Keiner kennt die genauen Umstnde. 
Laut Oufkir befreiten einige auf der anderen Toilette vergessenen 
Wachen den Monarchen und tteten die 20 Kadetten. Die offizielle 
Version drfte propagandistisch verflscht sein und lsst sich nicht 
beweisen. Oberst Dlimi, der sich gleichfalls mit Hassan auf dem Abort 
aufhielt, besttigte mir, der Rest der kniglichen Wache sei ganz 
berraschend aufgetaucht und habe die Kadetten zusammen-
geschosssen. Whrend einiger Stunden spielte sich die Geschichte 
Marokkos auf den Toiletten des Palastes von Skhirat ab.

Ich erreichte Skhirat ber eine kleine Brcke, wo fnf Gendarmen 
unbefugte Fahrzeuge zurckwiesen. Als wir uns dem Palast nherten, 
fuhren wir mit unseren 17 Panzern direkt ber den Golfplatz zum 
Gebude vor. Auf dem Golfplatz lagen zahlreiche Tote und Verletzte. 
Krankenwagen fuhren im Pendelverkehr hin und her. Das Chaos war 
beinah total.

                                                    63
Zum Zeitpunkt meiner Ankunft hatte der Knig den Palast bereits 
wieder unter Kontrolle. Er sah aber verwirrt und ngstlich aus. Ich liess 
meine Panzerkolonne anhalten, sprang ab und eilte auf die Hauptpforte 
zu, wo eine Gruppe aufgewhlter Personen stand. Unter ihnen befand 
sich der Knig in Gesellschaft von Innenminister Oufkir, Armeechef 
Bachir Bukali und einem anderen Minister, General Driss Ben Omar. 

Ganz offenkundig war das Eintreffen der 17 Panzer unerwartet 
gekommen. "Woher kommen Sie, Leutnant?" fragte der Knig hflich 
und nervs. "Von der Moulay-Ismail-Verlegung. Wo ist General 
Gharbaoui?" fragte ich meinerseits, da ich unbedingt wissen wollte, was 
mit meinem obersten Chef geschehen war, dem Kommandanten der 
Panzerstreitkrfte und engsten Mitarbeiter Hassans. "Er ist verwundet", 
entgegnete Oufkir. "Was ist in Rabat los?" Ich sagte, darber wisse ich 
nichts, und erkundigte nach dem im Palast Vorgefallenen. 

Der Knig war ganz durcheinander und blickte die ganze Zeit auf 
Oufkir und Bachir. Oufkir fragte, ob er zusammen mit mir nach Rabat 
fahren drfe, und General Bachir bat um einen Panzer, um zum 
Armeestab in Rabat zu fahren. Ich willigte natrlich ein und bat Oufkir, 
in meinen eigenen Panzer zu steigen, so dass wir zusammen nach Rabat 
losfahren konnten. Im Panzerturm sass ich nun neben der 
vermeintlichen grauen Eminenz des Despoten, dem Mann, den ich 
nchst Hassan selbst am meisten von allen Menschen verabscheute. Als 
wir in der Moulay-Ismail-Verlegung eingetroffen waren, lobte mich 
Oufkir ob meiner Besonnenheit und bat mich, ihn einmal anzurufen; er 
wolle mich gerne wieder treffen.

Die Rache an Ababous rebellischen Soldaten war unglaublich grausam. 
Verwundete Kadetten wurden lebend in ein Massengrab geworfen. 
Hassan liess Folterwerkzeuge herbeischaffen und beteiligte sich 
persnlich am Verhr und an der Folterung der in der Moulay-Ismail-
Kaserne Inhaftierten. Unter den Verhafteten befanden sich 13 der 
insgesamt 16 Armeegenerle. 




                                                   64
Der Knig schlug Oberst Chelouati mehrfach ins Gesicht, whrend 
dieser mit verbundenen Augen an einen Stuhl gefesselt war. "Welcher 
Feigling schlgt da einen Gefesselten?" fragte Chelouati. "Nehmt ihm 
die Augenbinde ab", befahl der Tyrann. Als Chelouati ihn sah, spuckte 
er ihm ins Gesicht. "Morgen werde ich auf deine Leiche spucken", 
versprach der Knig.

Am 13. Juli 1971 wurde der Schiessplatz in Temara (6 km sdlich von 
Rabat) Schauplatz einer Massenhinrichtung. An Pfhle gebunden, 
wurden 13 Offiziere mit je 13 Schssen von 13 Soldaten fsiliert. Der 
Knig wohnte der Exekution in Begleitung des jordanischen Herrschers 
Hussein bei, der ihm einen Blitzbesuch abgestattet hatte. 
Premierminister Laraki spuckte als erster auf die Leichen. Um dem 
Knig seine Tchtigkeit zu beweisen, schnitt Kommandant Salmi einem 
der Erschossenen mit seinem Messer eine Hand ab und griff sich die 
Handschellen als Trophe. Ein Bulldozer zerquetschte die Leichen und 
schaufelte sie in ein Massengrab.

In Marokko herrschte blanker Terror. Es gab nur wenige Offiziere oder 
Unteroffiziere, die nicht einen oder mehrere Verwandte unter den 
Opfern hatten. In der Verlegung wagten wir kaum miteinander zu 
reden. Jeder misstraute jedem.

















                                                  65
General  Oufkir

Eine Woche nach dem blutig niedergeschlagenen Putschversuch erhielt 
ich von meiner Brigadeleitung die Kunde, dass General Oufkir in seiner 
Wohnung in Souissi auf mich wartete. Ich nahm die Nachricht mit 
hchst gemischten Gefhlen auf. Durch Oberst Mimoun Oubeja, den 
Vizechef der Panzerbrigade, erfuhr ich jedoch, dass sich Oufkir im 
Hauptquartier des Armeestabes aufhielt. Ich fuhr mit meinem Auto 
direkt dorthin. Dabei trug ich meine Kampfuniform, wie an jenem 
Tage, als ich mit Oufkir in meinem Panzer sass. Oufkir war soeben 
zum Armeechef und Verteidigungsminister ernannt worden. 

Als ich an meinem Bestimmungsort eintraf, erblickte ich rund zehn 
Offiziere - Majore, Obersten, Generale -, welche im Wartesaal sassen 
und der Ankunft Oufkirs harrten. Ich ging aufs Sekretariat des 
Generals, um mich anzumelden. Major Aroub, sein Sekretr, empfing 
mich. Er konnte seine Verblffung darber nicht verhehlen, dass ein 
kleiner Leutnant ohne offizielle schriftliche Einladung in Kampfuniform 
kam, um den Verteidigungsminister und Armeechef persnlich zu 
treffen. Ich teilte ihm mit, der Minister habe mich rufen lassen. Aroub 
erffnete mich, Oufkir habe mich am Vormittag bei einer grossen 
Versammlung mit Offizieren aus allen Teilen des Landes lobend 
erwhnt. Danach ging Aroub in Oufkirs Bro. Dieser kam sogleich 
heraus, umarmte mich und forderte mich auf, ihm zu folgen. Er gab 
Aroub zu verstehen, dass er keine Zeit hatte, die Offiziere zu 
empfangen, die im Wartesaal sassen.

Zusammen fuhren wir in Oufkirs Dienstwagen, einem grossen 
schwarzen franzsischen DS. Der Fahrer war ein Feldwebel. Whrend 
der Fahrt sagte mir der Armeechef auf franzsisch: "In letzter Zeit habe 
ich viel ber dich gehrt. Du warst ein tchtiger Lehrer, ein 
ausgezeichneter Kadett und ein mutiger Offizier." Dann fgte er mit 
einem breiten Lcheln hinzu: "Die Franzosen haben mir kein Arabisch 
beigebracht. Willst du mich vielleicht arabisieren, so wie du es mit 
General Gharbaoui versucht hast?" Mir kam es seltsam vor, dass sich 
zwei Marokkaner auf franzsisch unterhielten. Oufkir hatte nmlich das 
franzsische Schulsystem durchlaufen und sprach miserabel arabisch. 

                                                      66
Ich antwortete, ebenfalls lchelnd: "Es ist nicht leicht, sich vom 
franzsischen Kolonialismus zu befreien, der uns immer noch 
beherrscht: sprachlich, kulturell und politisch."

Im Zivil und mit seiner dunklen Brille, die er stets trug, bat mich Oufkir 
herzlich in seine Villa. Er pries die "Ruhe und Geistesgegenwart", die 
ich seiner Auffassung nach am 10. Juli an den Tag gelegt hatte, und 
fragte mich ber meine Kindheit und meine militrische Karriere aus. 
Er stellte mir seine Kinder und sein Lwenbaby vor, das - welch ein 
Zufall - Skhirat hiess. Seine Frau war nicht zu Hause. Er stellte mir 
auch allerlei Fragen ber die Stimmung in der Armee und unter meinen 
Offizierskameraden. Dies stimmte mich ein wenig misstrauisch. Um 
Bedenkzeit zu gewinnen, schlug ich vor, binnen drei Tagen einen 
ausfhrlichen Rapport ber diese Frage anzufertigen. Ich fgte hinzu: 
"Was ich jetzt schon sagen kann, ist folgendes: Die Armee ist durch 
und durch korrupt."

Oufkir liess seinen nicht unbetrchtlichen Charme spielen, um mich 
jungen Offizier zu betren. Ich war hchst neugierig, was er wirklich 
dachte, und fragte ohne Umschweife: "Was halten Sie denn von der 
institutionalisierten Korruption, die berall im Lande herrscht?" 
"Marokko befindet sich in einer tiefen Krise", antwortete er. "Falls der 
Knig keine durchgreifenden sozialen Reformen anordnet, frchte ich, 
dass von der Armee noch weitere Putschversuche ausgehen werden", 
fgte er verschmitzt hinzu. 

Obgleich der Ruf meines Gastgebers nicht der beste war, schwand mein 
Misstrauen allmhlich. "Viele Generle und Minister sind vollkommen 
korrupt", meinte er. Als besonders bles Beispiel nannte er einen 
Oberst, von dem bekannt war, dass er eine Unsumme staatliche Gelder 
veruntreut hatte. "Der Mann ist ein Schurke, den man um einen Kopf 
krzer machen sollte. Doch ist er nur einer von den vielen tausend 
Blutsaugern, die unser Land ausplndern", hob Oufkir hervor. Ich 
verabschiedete mich vom General und verliess seine Luxusvilla, fester 
entschlossen denn je zuvor, ntigenfalls einen Pakt mit ihm einzugehen, 
um den Despoten mit den blutbefleckten Hnden zu strzen.


                                                     67
Die Revolte in Skhirat hatte Oufkir verndert, aber das wusste ich zu 
diesem Zeitpunkt noch nicht. Mein eigenes Bild von Oufkir begann sich 
grundlegend zu ndern. Als ich, noch jung an Jahren, ein politisches 
Bewusstsein entwickelte, stand Oufkir schon im Rampenlicht. Er war 
Polizeichef, und die Polizei verkrperte die Unterdrckung.

Doch weil smtliche hohen "Staatsmnner" in Marokko sich selbst mit 
Vorliebe als Sklaven oder Werkzeuge des Knigs darstellen, um 
Karriere zu machen, betrachtete ich ihn lediglich als Sklaven oder als 
Werkzeug in den Hnden des Monarchen, obgleich ich mir das Ganze 
nicht so genau berlegt hatte. Der marokkanische Knig war ja, wie 
weiland Ludwig XIV in Frankreich, der Staat selbst, und alle anderen 
waren seine Knechte. Hassan geniesst es, wenn seine Minister den 
traditionsreichen Spruch von sich geben: "Majestt, ich bin Ihro 
Sklave." 

In Marokko gibt es gar keine Minister, welche diesen Namen verdienen, 
sondern nur Sklaven. Ich hasse den grotesken Personenkult um den 
Knig, und die Vorstellung, man solle einem Menschen blind 
gehorchen, ist mir zuwider. Man soll einem Ideal und seinem Land treu 
sein. Doch tyrannische Monarchien und Diktaturen knnen keine freien 
Menschen gebrauchen. Folgerichtigerweise bildet die Sklaverei (in 
verschiedener Form) einen Teil der marokkanischen Monarchie. 

Sogar die aus Schwarzen bestehende knigliche Garde setzt sich aus 
Sklaven im recht eigentlichen Sinne des Wortes zusammen, welche 
Hassans Eltern zu Spottpreisen in Schwarzafrika gekauft haben. Hassan 
kann sich niemals richtig auf die Marokkaner verlassen. Doch das 
Schlimmste an den Sklaven des Knigs ist, dass sie dem Volk 
gegenber ebeso grausam und arrogant sind, wie sie sich dem 
Monarchen gegenber unterwrfig verhalten! Fr Hassan sind 
Polizisten und Soldaten nichts anderes als seine privaten Kettenhunde.

Die marokkanische Polizei bt ein wahres Schreckensregiment aus. Da 
Oufkir an der Spitze der Polizei stand, machte das Volk ihn natrlich 
fr alles verantwortlich.

                                                    68
Hauptverantwortlicher war aber natrlich der Knig. Am nchsten von 
allen stand diesem ein Mann, der lange Zeit Innenminister gewesen war 
und Gdira (arabisch fr "kleiner Topf") hiess. Hassan ist 
selbstverstndlich die "grosse Topf" ("gedra"), sagte man, als Gdira 
Innenminister war.

Nun ja, ich glaube, meine Ansichten ber Oufkir wurden von den 
allermeisten Offizieren geteilt. Man muss sich aber in Erinnerung rufen, 
dass Oufkir eigentlich nie in der marokkanischen Armee Dienst geleistet 
hatte. Nach der Unabhngigkeit kam er direkt von der franzsischen 
Armee als privater Adjutant des Knigs in den Palast. Dann wurde er 
Polizeichef, und anschliessend Innenminister.

Erst nach der Skhirat-Revolte und seiner Ernennung zum Armeechef 
(also seiner Rckkehr zum Militr) nderte sich unser Bild von ihm. 
Wir begannen zu ahnen, dass er dem Knig nicht sonderlich 
wohlgesinnt war. Wir stellten auch fest, dass er keineswegs so 
allmchtig war, wie wir uns vorgestellt hatten.

 Ich begriff, dass sich in der Armee wichtige Dinge abspielten, ber die 
Oufkir keineswegs auf dem laufenden war. So erfuhr er beispielsweise 
erst aus dem Rundfunk, dass er unmittelbar nach dem Skhirat-Putsch 
zum Verteidigungsminister ernannt worden war. Zu jenem Zeitpunkt 
hielt er sich in der Kaserne Moulay-Ismail auf, wohin ich mit ihm von 
Skhirat aus gefahren war. Gleichzeitig hatte Hassan beispielsweise einen 
neuen Chef der Panzerstreitkrfte (Oberst Hatimi) und einen neuen 
Luftwaffenchef (Oberst Lyoussi) ernannt, ohne Oufkir vorher darber 
ins Bild zu setzen. Alle erhielten ihre Berufungsurkunden und Befehle 
direkt vom Knig. Damals begriff ich, wie der Gewaltherrscher auch 
die Polizei organisierte. Mir wurde auch klar, dass er Oufkir nur als 
Fassade brauchte. Das einfache Volk weiss nichts von alledem.

Es bedarf wohl keiner Erklrung, dass ich zu Oufkir anfangs hchst 
skeptisch eingestellt war. Er muss ja wahrhaftig naiv sein, dachte ich 
mir, wenn er sich einbildet, mich fr seine Absichten einspannen zu 
knnen. Doch bei unser ersten Begegnung trat er sehr bescheiden und 
sympathisch auf. Er war ganz und gar nicht der Gewaltmensch, als den 
ich mir ihn vorgestellt hatte. 
                                                   69
Sein privates Auftreten stand in diametralem Gegensatz zu seiner 
Funktion. Von ihm ging eine starke Ausstrahlung aus. Ich glaube, sein 
Gerechtigkeitssinn war sehr ausgeprgt. Er empfand einen instinktiven 
Hass auf die marokkanischen Politiker und die Oberschicht, die nur auf 
ihre Privilegien erpicht und darauf aus waren, die Brosamen von 
Hassans Tisch aufzuschnappen. Er erlebte aus nchster Nhe mit, wie 
heuchlerisch ihre Moral war und wie sie dem Knig die Stiefel leckten, 
um seine Gunst zu erlangen. Sein schlechter Ruf blieb ihm natrlich 
nicht verborgen. "Das Volk glaubt", rumte er einmal freimtig ein, 
"dass ich die Kuh festhalte, whrend die Diebe sie melken".

Aber Oufkir war ein Karrieremilitarist; seine politischen Ideen waren 
holzschnittartig und instinktmssig. Eine bewusste politische 
Philosophie ging ihm gnzlich ab. Als er in die Armee zurckkehrte, 
fhlte er sich zu den radikalen Offizieren hingezogen. Schliesslich war 
er ein Soldat der alten franzsischen Schule, mit all dem, was dies an 
Gutem und Schlechtem bedeutet. Immerhin gab es ja in Frankreich eine 
Revolution, und seither drfte es einem franzsischen Offizier auf die 
Dauer reichlich schwerfallen, sich wie ein Sklave behandeln zu lassen.

Vier Tage nach meinem ersten Besuch kam ich abermals in seine Villa 
in Souissi. Ich brachte ihm einen dreissigseitigen Rapport voller Zahlen 
und Tatsachen. Der Bericht war in hchstem Masse explosiv. Ich 
enthllte die Korruption unter den Offizieren und zeigte auf, wie sie 
durch Vetternwirtschaft und Bestechung Karriere gemacht hatten. 
Oufkir las den Bericht aufmerksam und schloss ihn dann in einem Safe 
ein, der in der Wand des Wohnzimmers eingelassen war.

Leicht nervs fragte er mich, ob sonst noch jemand diesen Rapport 
gelesen habe, was ich verneinte. "Die Sache bleibt unter uns", schrfte 
er mir ein. Er schwieg eine Zeitlang und fuhr dann fort: "Vor sechs 
Monaten habe ich zuhanden des Knigs einen hnlichen Bericht ber 
die Korruption im Innenministerium abgefasst. Seine Antwort lautete: 
Es ist nicht deine Sache, am System herumzumeckern." 




                                                   70
Oufkir nahm mich in seinen Garten (denn er frchtete sich vor 
verborgenen Mikrophonen) und sagte: "Auf dem Papier war ich der 
Innenminister, aber in Tat und Wahrheit war es niemand anderes als 
der Knig, der die Gouverneure, die Polizei und - mittels Bel-Alem, 
den Kabinettssekretr und Generalsekretr im Innenministerium - das 
gesamte Departement lenkte. In der Armee und im 
Verteidigungsministerium wird er bestimmt genau gleich vorgehen. Ich 
kann wenig dagegen ausrichten, aber diesmal werde ich den Offizieren 
durch meine Taten beweisen, dass ich die Korruption satt habe."

Nach dem Mittagessen erzhlte Oufkir eine Reihe Anekdoten vom Hof, 
die ein Licht auf die Speichelleckerei der Minister gegenber dem 
Tyrannen warfen. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen, whrend 
seine Angriffe auf das Regime immer heftiger wurden. So berichtete er 
mir, dass der dunkelhutige Minister Snoussi bei einer Ministerial-
konferenz gesagt hatte: "Ich bin Ihr Sklave, Majestt", worauf Hassan 
ihn anherrschte: "Es reicht nicht, wenn du das sagst. Du musst es auch 
wirklich sein." Oufkir kommentierte dazu: "So hat diese Dynastie ihre 
Untergebenen stets betrachtet."

Beim Nachtisch forderte mich "der zweite Mann im Knigreich" dazu 
auf, offiziell sein nchster Mitarbeiter, sein Adjutant, zu werden. Wir 
sollten zusammenarbeiten, um Marokko zu retten. Ich nahm das 
Angebot unter der Bedingung an, dass ich meine Panzertruppe behalten 
durfte. Oufkir gestand mir das zu. Von diesem Tag an war ich sein 
Vertrauter, und ich ging in seinem Haus ein und aus. 

Ich sass zusammen mit Ministern und Generlen an seinem Tisch, die 
diesem mchtigen Mann ihre Aufwartung machten. Sie pflegten ihn alle 
"General" zu nennen. Der gefrchtete, inzwischen zum Leiter der 
Spionageabwehr ernannte Dlimi wurde niemals eingeladen. Trotzdem 
glaubte ich, die beiden seien Freunde. Spter entdeckte ich aber, dass 
sie Rivalen waren und dass der Knig sie rcksichtslos gegeneinander 
ausspielte. Oufkir schttete mir oft sein Herz aus, wenn ich mit ihm im 
Auto sass. Wir bedienten uns dabei der franzsischen Sprache, welcher 
der mit uns im Wagen sitzende Leibwchter nicht mchtig war. 
Bisweilen fuhren wir auch ohne Chauffeur und ohne Leibwchter. 

                                                     71
In einer Septembernacht, genauer gesagt um drei Uhr frh (denn 
Oufkir war ein Nachtmensch), kam der General auf das Skhirat-
Komplott zu sprechen: "Tausend Unteroffiziersaspiranten htten die 
Geschichte Marokkos zum besseren wenden knnen. Wir htten dann 
in unserer Entwicklung einen hundertjhrigen Sprung nach vorne 
gemacht. Wir mssen die Monarchie um jeden Preis loswerden. Hassan 
hlt das Banner einer Dynastie hoch, die unser Vaterland an die 
Franzosen verschachtert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in eine 
Katastrophe gefhrt hat. 

Statt sich um die Staatsangelegenheiten zu kmmern, vernascht der 
Knig jetzt in Fes seine Nutten. Er hat einen Harem von 150 Frauen, 
von denen einige auf offener Strasse von seinen Btteln entfhrt 
worden sind. Zudem ist er rauschgiftschtig. Sein Palast ist zum 
Haschischparadies geworden. Sein siebenjhriger Sohn nimmt bei 
Versammlungen teil, wo man seine Hand kssen muss. Es ist viel 
schlimmer als zu Zeiten Ludwigs des Vierzehnten."

Hassan regiert Marokko wie seinen Privatbesitz. "Eine Anekdote aus 
seiner Jugend wirft ein bezeichnendes Licht auf seine Persnlichkeit", 
bemerkte Oufkir. "Als er Kronprinz war, forderte sein Geographie-
lehrer ihn auf, ihm ein paar Lnder auf der Karte zu zeigen. Als der 
zuknftige Hassan II auf Marokko deutete, sagte er: 'Das ist der Hof 
meines Vaters.' In Marokko gibt es keine Trennung zwischen der 
Staatskasse und der Schatulle des Palastes. Hassan besitzt alles. Er 
regiert sein Land nach mittelalterlichem Muster und betrachtet 
smtliche Minister als Sklaven. Er hat die absolute Macht inne.

Ausserdem ist er ein Zechbruder und dem Rauschgift hoffnungslos 
verfallen. Besonders dem Haschisch spricht er tagtglich zu. Auch LSD 
fehlt auf der Liste seiner Lieblingsdrogen nicht. Ferner fhrt er ein 
lsterlich ausschweifendes Sexualleben. Mit Vorliebe vergewaltigt er 
jungfruliche Mdchen, und ab und zu lsst er in Rabat Mdchen 
entfhren, die dann spter in seinem Palast auftauchen. Geht er auf 
Reisen, so befinden sich stets 50 bis 60 Frauen in seiner Gesellschaft, 
und die Palastwachen drfen diese nicht einmal ansehen. Sie mssen 
sich umdrehen, wenn die Autos mit den Frauen durch das Tor fahren. 


                                                      72
Seine sexuelle Besessenheit ist so gross, dass die Ehegattinen seiner 
Minister mit ihm ins Bett hpfen mssen. Dies ist eine Art Tradition. 
Immer, wenn er eine Fte springen lsst, ldt er die Minister mit ihren 
Frauen ein. Zum Auftakt wirft er eine Handvoll Edelsteine auf den 
Boden, um die sich die Gste dann raufen. Danach bittet er die eine 
oder andere Frau in sein Gemach, whrend die Minister glcksselig 
draussen warten, legt er ihre Gattinnen auf die Matratze. Die Minister 
sind stolz wie die Pfauen, wenn sie erzhlen knnen, wie gut der Knig 
mit ihren Frauen auskommt.

Und nicht genug damit: er unterhlt noch eine "spezielle Abteilung", 
deren Aufgabe darin besteht, ihm europische Mdchen zu besorgen. 
Diese Sonderabteilung besteht aus zwei Zuhltern, von denen sich der 
eine "Doktor Robert" nennt, whrend der andere, ein Grieche, unter 
dem Namen "Mehdi" bekannt ist. Sie haben den Rang von "reisenden 
Botschaftern" inne, sind mit Diplomatenpssen ausgestattet und 
verfgen ber zwei Privatflugzeuge, um Mdchen aus Europa 
einzufliegen. Man munkelt, der eine sei auf Blondinen und der andere 
auf Brunetten spezialisiert. 

Hassans Hofschranzen sind auch nicht viel besser als er. Sein 
verstorbener Bruder, Moulay Abdallah, ein Schwuler, suchte sich seine 
"Freunde" mit Vorliebe unter den Shnen der Minister aus. "Eines 
Tages nahm er meinen eigenen Sohn, Raouf, in sein Schloss Ifrane mit. 
Als ich davon erfuhr, wurde ich fuchsteufelswild und machte einen 
Riesenkrach", erinnerte sich Oufkir. 

Er enthllte ferner, dass der Knig fast den ganzen Drogenmarkt in 
Marokko unter seiner Kontrolle hatte. Dies ist ein offenes Geheimnis. 
In der Armeespitze und innerhalb der Verwaltung wissen alle, dass der 
Knigspalast seit langen Jahren ein Umschlagsplatz fr Narkotika ist 
und dass alle Mohn- und Haschischplantagen dem Monarchen 
persnlich gehren. Die Schler an der kniglichen Militrakademie in 
Kenitra sind allesamt Shne der Offiziere in Hassans Leibgarde. Man 
gibt ihnen den Spitznamen "bahchouch", was "Haschischshne" 
bedeutet. Als ich Instrukteur an der Unteroffiziersschule bei Ababou in 
Ahermoumou war, kreuzte eine ganze Kohorte von ihnen dort auf und 
verursachte heillosen rger, weil sie jede Menge Haschisch mit sich 
fhrten, das sie ungeniert verteilten. 
                                                      73
Bei den Privatfesten des Knigs pumpen sich alle mit Drogen voll, und 
wenn ein Minister dankend ablehnt, wird er gleich als komischer Vogel 
abgestempelt, dem man nicht trauen kann. Wo Korruption und 
Dekadenz zum Bestandteil des Systems werden, muss man, will man 
Karriere machen, mit den Wlfen heulen.

Hassan trifft sich oft mit Grossdealern. Ich erinnere mich noch lebhaft, 
dass Oufkir einmal Besuch von einem Burschen erhielt, der sich 
"Doktor Bihi" nannte. Oufkir stellte ihn mir als "reisenden Botschafter 
seiner Majestt" vor. Mit entging nicht, dass sein Auftauchen dem 
Verteidigungsminister Bauchgrimmen bereitete. Nachdem er gegangen 
war, erffnete mir Oufkir, dass der Titel unseres Besuchers als 
"Drogenbotschafter" zu interpretieren war. "Dokor Bihi" war der 
Drahtzieher diverser internationaler Verteilernetze. Er wohnte im Palast 
und hatte eine regulre Beschftigung. Marokko ist ein Paradies fr 
Ganoven aller Schattierungen. Galgenvgel und Halsabschneider fhlen 
sich dort zu Hause.

ber die Ben-Barka-Affre unterhielt sich Oufkir bei anderer 
Gelegenheit mit mir. Was er mir berichtete, wurde mir viele Jahre 
spter von Dlimi besttigt. Oufkir zufolge wurde der Mord an Ben 
Barka von Knig hchstpersnlich in Auftrag gegeben. Dabei bediente 
er sich einer geheimen Sonderpolizei, welche er bereits als Kronprinz 
auf die Beine gestellt hatte, um gegen seinen Adoptivvater Mohamed V 
zu intrigieren. Sie trug den Namen "Special security service", abgekrzt 
SSS. Mit Hilfe des SSS kontrolliert der Monarch den 
Nachrichtendienst und sogar die Armee.

An der Spitze dieser Sondereinheit steht General Moulay Hafid Alaoui, 
ein Angehriger der Knigsfamilie und einer der engsten Berater 
Hassans. Bei der Schulung des SSS standen CIA- und Mossad-
Experten Pate. Niemand ausser Hassan und seinen nchsten 
Mitarbeitern sind ber die Einzelheiten dieser Organisation informiert; 
vielen ist sogar ihre Existenz unbekannt.





                                                    74
Der SSS stand hinter der Ermordung des bedeutenden 
Nationalistenfhrers Cheik Al-Arab anno 1964, hinter der Entfhrung 
eines im Exil weilenden Regimegegners, Hussein Al-Manuzi, auf dem 
Flugplatz von Tunis im Jahre 1973 sowie hinter dem Meuchelmord an 
Omar Ben Jeeloun, dem Chefredakteur der marxistischen Zeitung "Al 
Moharir". Auch Ben Barka hat der SSS auf seinem Gewissen. Einige 
Tage vor dessen Ermordung rief Hassan Oukfir und Dlimi zu sich und 
erteilte ihnen den Auftrag, nach Paris zu fliegen und dort mit Ben 
Barka ber seine Heimkehr nach Marokko zu verhandeln. Dieses 
Treffen war als Falle sowohl fr Ben Barka als auch fr Oufkir und 
Dlimi geplant. 

Als die beiden Minister in Paris angelangten, entdeckten sie, dass Ben 
Barka bereits entfhrt und umgebracht worden war. Bei den Mrdern 
handelte es sich um franzsische Berufskiller, die Hassan mittels des 
SSS angeheuert hatte. Ganz offenkundig verfolgte der Knig die 
Absicht, den Ruf Oufkirs und Dlimis zu ruinieren, indem er sie als 
Komplizen der Mrder erscheinen liess. Dadurch sollten sie noch 
abhngiger von ihm werden. Sie kehrten erbost nach Marokko zurck 
und mussten es sich gefallen lassen, dass die franzsische Regierung sie 
der Mittterschaft zieh. Natrlich wusste General De Gaulle genau, was 
gespielt wurde, und er sprach offen aus, dass der eigentliche 
Verantwortliche Hassan II selbst war.

Oufkir teilte mir mit, auf Befehl des Knigs sei Ben Barkas Leiche mit 
Chemikalien aufgelst und sein Kopf von SSS-Agenten in der 
marokkanischen Botschaft in Paris in einem Diplomatenkoffer nach 
Rabat geschickt worden. Der Kopf wurde innerhalb der Palastmauern 
begraben, ganz in der Nhe der juristischen Fakultt. Einem Feind den 
Kopf abzuhacken und diesen dann innerhalb der Mauern seines 
eigenen Hauses zu vergraben stellt in dieser aus einem alten Piraten- 
und Banditengeschlecht hervorgegangenen Knigsfamilie eine ziemlich 
alte Tradition dar. 

Ben Barka war, wie bereits frher gesagt, der Mathematiklehrer 
Hassans gewesen. Von ihm war der Vorschlag ausgegangen, ihn zum 
Kronprinzen zu ernennen. In Hassans Familie empfand man es als 
peinlich, in der Schuld eines gewhnlichen Sterblichen zu stehen. 

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So hatte der Grossvater des Knigs einen Soldaten gettet, der ihn vor 
dem Ertrinkungstod errettete, als er beim Durchqueren des Flusses 
Souss vom Pferde gefallen war. Hassan selbst liess die Soldaten 
beseitigen, die ihn in Skhirat vor dem Tode bewahrt hatten. Er liess 
Major Assari degradieren, welcher nach dem gescheiterten Skhirat-
Putsch die Attacke gegen Ababou in Rabatt geleitet und auf diese 
Weise die Monarchie gerettet hatte. Schliesslich liess er auch allen 
marokkanischen und auslndischen Agenten das Lebenslicht ausblasen, 
die am Mord an Ben Barka beteiligt und dann nach Marokko geflohen 
waren.

Manchem mag es vielleicht so vorkommen, als stelle ich Oufkirs und 
Dlimis Rolle beim Ben-Barka-Mord zu schnfrberisch dar. Dabei gilt 
aber zu bedenken, dass sie mir alles im Vertrauen berichtet haben und 
nie daran dachten, dass es je publik werden wrde. Zudem hatte Oufkir 
ein Dossier ber die Ben-Barka-Affre zusammengestellt, das zu 
gegebenem Zeitpunkt verffentlicht werden sollte. brigens pfiffen es 
die Spatzen von den Dchern, dass sowohl Oufkir als auch Dlimi nur 
durch ihre jahrelangen Handlangerdienste fr die Diktatur und ihren 
Kampf gegen die Opposition Karriere gemacht hatten. 

Uns, den "freien Offizieren", war es klar, dass in einem zuknftigen, 
befreiten Marokko, keiner der beiden je eine wichtige Rolle spielen 
wrde, aber wir brauchten sie. Unsere "Ehe" mit Oufkir und Dlimi war 
von Anfang an eine "Vernunftsehe". Beide waren ursprnglich in 
Frankreich ausgebildete Berufsmilitrs im Solde der Kolonialmacht. 
Das galt ohnehin fr die gesamte marokkanische Armee. Unter einer 
demokratischen Regierung wren sie auch Demokraten gewesen, doch 
so wurden sie von Hassan genauso ausgenutzt wie frher von den 
Franzosen.

Im Grunde genommen waren bloss die Politiker wie beispielsweise Ben 
Barka fr die Misswirtschaft des Regimes verantwortlich; die Soldaten 
fhrten lediglich Befehle aus. Nun waren aber die Politiker 
ausschliesslich auf ihren eigenen Vorteil bedacht und biederten sich 
deshalb beim Knig an. 



                                                     76
Als Dlimi und Oufkir allmhlich entdeckten, dass sie in den Augen des 
Herrschers nur die Rolle von Kettenhunden zu spielen hatten und dass 
die ganze Armee wenig mehr als eine Leibgarde Hassans war, 
begannen sie sich zu ndern. Der Knig benutzte sie als Hammer, doch 
ein Hammer erhlt ja gleich viele Schlge wie der Nagel, auf den er 
trifft, und nimmt schliesslich auch Schaden. Als sie sich voll bewusst 
geworden waren, wie verkommen der Knig und sein Regime waren, 
entschieden sie sich, ihrer Verantwortung als Brger und Menschen 
gerecht zu werden, indem sie den Versuch unternahmen, die 
herrschende Clique zu strzen.

Ich selbst war grimmig entschlossen, mich niemals politisch zu 
prostituieren, und ich wollte mich unter keinen Umstnden vor den 
Karren der neokolonialistischen herrschenden Kaste spannen lassen. So 
ganz war ich von Dlimis und Oufkirs Unschuld in der Ben-Barka-
Affre nie berzeugt. Doch fr meine Generation waren Ben Barka 
und Oufkir bloss zwei Seiten derselben Medaille; sie hatten sich viel zu 
tief mit dem Regime eingelassen, auch wenn sie sich spter nderten. 
Sollte mein Land je die Monarchie abschtteln und demokratisch 
werden, dachte ich mir, so werde es wohl an der Zeit sein, sich von 
Oufkir zu distanzieren und ihn wenn ntig zu bekmpfen. 

Was mir Oufkir ber die Zustnde am Hof berichtet hatte, erschtterte 
mich zutiefst. Einmal konnte ich meine Gefhle nicht mehr verbergen, 
und ich sagte: "Sie haben mir eine grosse Ehre erwiesen, indem Sie sich 
mir anvertraut haben. Ich bin bereit, eine Selbstmordattacke zu 
unternehmen, um den Knig hinzurichten." "Nein", wehrte er ab, "das 
ist meine eigene Aufgabe. Ich bin nicht gewillt, die Ehre, den Tyrannen 
gerichtet zu haben, einem anderen zu berlassen." Der Hass auf den 
Terrorpotentaten und die Unterdrckung ist in Marokko sehr tief 
verwurzelt, und Hassan steht fr alles, was in unserem Land faul ist.

Von diesem Tage an waren Oufkir und ich Verbndete. Ich schlief in 
einem Zimmer in Oufkirs Villa in Souissi und fuhr von dort 
allmorgendlich zur Moulay-Ismail-Verlegung, wo ich immer noch 
Befehlshaber meiner Panzereinheit war.



                                                   77
Mein mchtiger Verbndeter war bald sehr gesprchig, bald usserst 
schweigsam. Er sprach mit mir oft ber Nasser und dessen 
ideologisches Manifest "Nationale Charta", das er grndlich studiert 
hatte.

Die amerikanischen Basen in Marokko hatten seiner Auffassung nach 
zu verschwinden. "Die grsste all dieser Basen ist der Knigspalast", 
meinte er. "Stimmt", pflichtete ich ihm bei. "Die wichtigsten Basen des 
Neokolonialismus sind nicht mehr militrischer Art, wie es beim 
herkmmlichen Kolonialismus der Fall war, sondern konomischer, 
kultureller und politischer Natur."




























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Neue  Plne  fr  eine  Revolte

Die Vorbereitungen fr unseren ersten Putschversuch liefen drei 
Monate nach der gescheiterten Skhirat-Revolte an. Sowohl Oufkir wie 
auch ich hatten mancherlei Plne ausgearbeitet. Bei einer Autofahrt 
weihte mich der General in einen seiner Plne ein. Dieser erschien mir 
einfach und erfolgversprechend. "Fast jeden Donnerstag kommt 
Hassan, der ja auch oberster Befehlshaber der Streitkrfte ist, zum 
Stab, um das Treffen der Korpskommandanten zu leiten. Im 
Konferenzsaal gibt es einen versiegelten Safe in der Wand. Ich schliesse 
dort eine MP ein. Wenn Hassan eintrifft, brauche ich nur nach der 
Waffe zu greifen, um ihn festnehmen zu knnen. Ich befehle ihm: 
Hnde hoch! Dann halte ich eine improvisierte Ansprache, in der ich 
seinen sofortigen Rcktritt verlange."

Er fertigte eine Skizze an, welche die Beschaffenheit des Saales zeigte 
und auf der zu sehen war, wo sich der Safe befand und wo die 
Korpskommandanten und Stabschef sassen. "Sobald Hassan die 
Abdankungsurkunde unterzeichnet hat, sage ich den Offizieren, ich 
htte im Namen des Volkes gehandelt. Ich habe dann ein Tonbandgert 
bei mir, auf dem ich ein Kommuniqu abspiele. Dieses wirst du 
verfassen. 

Als nchstes rufe ich General Driss Ben Omar an, den Minister fr 
Post- und Fernmeldewesen, und fordere ihn auf, sich mir zur 
Verfgung zu stellen. Er willigt bestimmt mit Freuden ein. Auch 
Hassans Bruder, Prinz Moulay Abdallah, erhlt von mir einen Telefon-
anruf. Unter irgendeinem Vorwand lasse ich ihn herbeikommen, und 
dann verhafte ich ihn. Schlussendlich berufe ich die Kommandanten 
smtlicher militrischer Einheiten im Gebiet der Hauptstadt ein. 

Du wartest whrenddessen im Bro neben dem Konferenzsaal auf 
mich. Ich gebe dir dann ein Zeichen, du fhrst mit deiner Panzertruppe 
so rasch wie mglich zur Radio- und Fernsehstation. Diese strmst du 
und sendest darauf das erste revolutionre Kommuniqu, das du auf 
deinem Tonband bei dir trgst."



                                                    79
Mit Hilfe eines einfachen, in einem Geschft in Rabat gekauften 
Tonbandgerts nahm ich eine in arabischer Sprache verfasste 
Deklaration auf, die ich zuvor dem General vorgelegt hatte. Er billigte 
sie nach einigen geringfgigen nderungen. Auf seinen Wunsch hin 
hob ich die Worte "Revolution" und "im Dienste des Volkes" besonders 
hervor. Hier folgen die wichtigsten Abschnitte der Erklrung:

Die Islamische Republik Marokko!
Freiheit, politische und wirtschaftliche Demokratie, 
islamische Einheit! 

Im Namen Gottes und des Volkes, der Gerechtigkeit und der 
Menschenrechte, im Namen aller Mrtyrer, fr das 
Selbstbestimmungsrecht des Volkes und aufgrund dessen Willen, 
seine Regierungsform selbst zu whlen und selbst ber sein 
Schicksal zu entscheiden, rufen wir eine islamische Republik aus 
und erklren die Monarchie fr abgeschafft, die vom Koran 
verboten ist! 

Wir geben bekannt, dass der Tyrann, Diktator und Narr Hassan 
von einem provisorischen revolutionren Gericht wegen seiner 
Verbrechen und Mordtaten gegen unser Volk zum Tode verurteilt 
und erschossen worden ist. Ein provisorischer Revolutionsrat wird 
bis auf weiteres das Land regieren, bis ein Revolutionsrat durch 
direkte, allgemeine Wahlen bestimmt worden ist. Das Heer hat den 
Knig entwaffnet, um den Volkswillen zu bewaffnen.

Die Mnner, die heute an der Spitze der Revolution stehen, knnen 
nicht zaubern, um die Erwartungen des Volkes zu verwirklichen. 
Wir haben lediglich den Knig gestrzt. Es ist nun Sache des 
Volkes, Schluss mit der Unterdrckung und Ausbeutung zu 
machen, die von Tausenden von kleinen Knigen berall im Lande 
ausgeht. Wir werden unsere Bajonette fortan gegen die Tyrannen 
richten und nicht gegen das Volk.



                                                     80
Alles war fr den grossen Tag vorbereitet. Es war ein 
Novemberdonnerstag. Oufkir hatte die Maschinenpistole mitsamt dem 
Tonbandgert in den Safe gelegt. Am folgenden Tag setzten wir uns in 
ein Auto, an dessen Steuer ein Unteroffizier sass. Bei der Stabskaserne 
stiegen wir aus und nahmen den Gruss der Ehrenwache entgegen. Ich 
war festentschlossen und voll wilder Begeisterung. Oufkirs Ruhe 
beeindruckte mich. 

Er drckte meine Hand und betrat den Konferenzsaal. Im Bro 
nebenan wartete ich eine halbe Stunde, vielleicht auch eine ganze, ich 
weiss es nicht genau, denn die Zeit kam mir endlos vor. Endlich wurde 
die Tr geffnet. Der General trat auf mich zu und sagte mir betrbter 
Miene: "Es ist nichts mit unserem Plan. Der Knig hat eben angerufen 
und ausrichten lassen, dass er nicht kommt."

Sieben nervenzermrbende Tage lang warteten wir auf den nchsten 
Donnerstag. Auch an jenem Tage erschien der Monarch nicht zu dem 
schicksalhaften Treffen. Wie mir Oufkir mitteilte, hatte der Knig 
bestimmt, dass die Versammlungen fortan im kniglichen Palast 
stattfinden sollten. "Dann erledigen wir ihn eben dort", schlug ich vor. 
"Viel zu riskant", wehrte er ab. "Wir mssen einen anderen Plan 
ausdenken."

Kurz vor Jahresende bat Oufkir Hassan, die Kaserne zu besuchen, in 
der die Sicherheitsbrigade BLS ("Brigade Lgre de Scurit") 
stationiert war. Hassan roch offenbar den Braten und erschien nicht. 
Ein anderes Mal warteten wir in der Moulay-Ismail-Kaserne vergeblich 
auf ihn, wo meine eigene Panzerkompanie ihr Zuhause hatte. Es war 
das Schafsfest, "Aid el Kebir". Wieder eine verpasste Gelegenheit!

Bald darauf entkam Oufkir mit knapper Not einem Helikopterunfall in 
Agadir. "Hassan hat den Heli mit hundertprozentiger Sicherheit 
sabotieren lassen", versicherte er mir. In Marokko heisst es, 
Hubschrauber seien da, um Generle abstrzen zu lassen.





                                                     81
Wir glaubten im Mrz 1972 wrden wir unsere Mission erfllen 
knnen. Hassan sollte an einer Konferenz in der Offiziersmesse 
teilnehmen. Im Konferenzsaal gab es auch einen Filmraum. Dort 
versteckte Oufkir seine Waffe. Doch der misstrauisch gewordene Knig 
kam nie zum Treffen. 

Der nchste Versuch wurde anfang Juni 1972 unternommen. An jenem 
Tage gab Prinz Moulay Abdallah in seiner Sommerresidenz zehn 
Kilometer nrdlich des Skhirat-Palastes einen privaten Empfang. Anlass 
zur Festlichkeit war seine Ernennung zum "persnlichen Stellvertreter 
des Knigs". Laut Oufkir wrde Hassan dem Empfang beiwohnen. An 
einem Juniabend, um 21 Uhr, rief mich Oufkir an und forderte mich 
auf, mich in seiner Villa in Souissi einzufinden. 

Nach meiner Ankunft teilte er mir mit, der Monarch werde um 22 Uhr 
in Abdallahs Sommerpalast eintreffen, und zwar ohne eine grssere 
Anzahl von Leibwchtern. Wir fassten den Beschluss, mitten whrend 
des Festes einen berraschungsangriff zu landen. Unsere Gruppe sollte 
nur aus vier Personen bestehen: Dem General, mir sowie zwei von 
Oufkirs Leibwchtern. 

Im Gepckraum des BMW verstaute ich vier Maschinengewehre aus 
Oufkirs Arsenal, von denen eines mit einem Schalldmpfer ausgerstet 
war, vier Maschinenpistolen, einige Munitionskisten sowie zwei 
Tarnanzge und zwei Schirmmtzen mit Rangabzeichen (wir waren 
alle vier in Zivil gekleidet). Die Festteilnehmer waren nicht darber 
informiert, dass der Knig sie mit seinem Besuch beehren wollte. 

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass ein geheimes Militrgericht 
Hassan II wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen den 
Islam und das marokkanische Volk zum Tode verurteilt hatte. Gleich 
zum Beginn des Putsches sollte der Knig hingerichtet werden; die 
brigen Festteilnehmer wollten wir festnehmen. Dann wrden wir nach 
Rabat fahren, wo ich die Operation mit meinen Panzertruppen 
abschliessen sollte.




                                               82
Ehe wir Oufkirs Schlafzimmer verliessen, wo wir die letzten 
Einzelheiten besprochen hatten - es war nun rund 22 Uhr -, ksste der 
General den Heiligen Koran und erklrte: "Ich tue dies fr mein Land." 
Ich nahm ihm dann der Koran aus der Hand, legte meine Hand darauf 
und schwor, dass ich bereit war, mein Leben fr die Sache Gottes und 
des Volkes im Kampf gegen Tyrannei, Unrecht und Sklaverei zu 
opfern.

Als wir zur Residenz des Prinzen in Fallouka gelangten (auf dem Weg 
zwischen Skhirat und Rabat), erblickten wir zu unserem Schrecken ein 
rundes Dutzend Polizeiautos vor dem Gebude. Wenn der Knig 
inkognito unterwegs war, wurde er gewhnlich nicht von einer derart 
grossen Eskorte begleitet. Das Hauptereignis bei solchen kniglichen 
Vergngungen besteht darin, dass sich die Gste mit Wein und Schnaps 
die Buche volllaufen lassen. 

Auf der anderen Seite des Palastes war ein Lastwagen mit Soldaten der 
kniglichen Leibwache parkiert. Oufkir, der nicht zu den geladenen 
Gsten gehrte, ging allein in das Gebude, um das Terrain zu 
sondieren. Whrenddessen wartete ich draussen. Zwei Stunden spter 
kehrte er zurck. "Es ist technisch unmglich", teilte er mir 
niedergeschlagen mit.

Ein weiterer Versuch schlug zwei Wochen spter fehl. Er hnelte dem 
ersten, der in der Kaserne des Armeestabs htte stattfinden sollen. 
Oufkir hatte Hassan gebeten, fr die Offiziere einen Vortrag ber 
"moderne Strategie" zu halten. (Hassan ist nmlich felsenfest davon 
berzeugt, dass er etwas von Strategie versteht, doch sind die einzigen 
einschlgigen Schriften, die er ernsthaft studiert hat, Macchiavellis 
"Frst" und die "Protokolle der Weisen von Zion". Unser Knig ist 
nmlich ein glhender Bewunderer Macchiavellis und der Juden.) 

Der Vortrag sollte in der Kantine des Armeestabs ber die Bhne 
gehen. Auch diesmal war geplant, dass Oufkir den Monarchen whrend 
der Zusammenkunft berrumpeln sollte; im folgenden wrde alles so 
ablaufen, wie wir es beim ersten Versuch geplant hatten. Aus 
unbekannten Grnden fand sich der Knig nicht ein.


                                                   83
Um der Welt gleich klarzumachen, welche Richtung unsere Revolution 
verfolgte, hatten wir den Plan geschmiedet, noch am Tage des Putsches 
den gyptischen Journalisten Mohamed Heykal einzuladen. Dieser ist 
ein bekannter Nasser-Anhnger. Zum damaligen Zeitpunkt war er 
Chefredakteur der Kairoer Zeitung Al-Ahram. Damals war die 
islamische Erweckungsbewegung noch keine revolutionre Kraft wie 
heutzutage. Die damalige Moslembruderschaft stand den Monarchien 
in Saudiarabien und Marokko nher als den Revolutionren.

Dass Hassan zu den verschiedenen Verabredungen nicht erschien, lag 
wohl vor allem daran, dass er allzu beschftigt mit seinem Privatleben 
war. Seine Hauptinteressen sind Haschisch, Frauen und Golf, was 
bedeutet, dass er ein vielbeschftigter Mann ist und leider nicht mehr 
allzu viel Zeit findet, um sich den lstigen staatspolitischen Pflichten zu 
widmen. 

Sein Tagesprogramm sieht gewhnlich etwa so aus: Er steigt ca. um 11 
Uhr aus dem Bett, fhrt zum Golfplatz und spielt bis ca. 12'30 Uhr. 
Whrend er sich dem Golfspiel hingibt, laufen ihm Minister und hhere 
Offiziere nach, damit er allerlei Urkunden unterschreiben kann. Um 16 
Uhr empfngt er vor surrenden Fernsehkameras Gste (er legt 
allergrssten Wert darauf, tagtglich am Fernsehen zu erscheinen). Am 
Abend ist es dann schon wieder hchste Zeit fr Nutten und Hasch. 
Diesen Freuden widmet er sich bis tief, tief in die Nacht hinein.

Vor dem Gipfeltreffen der Organisation fr afrikanische Einheit, die 
1972 in Rabat abgehalten wurde, liess der Knig smtliche Heeres-
einheiten in Alarmbereitschaft versetzen. Nicht einmal die Offiziere 
bekamen Urlaub. Ich schlug Oufkir vor, wir sollten am 10. Juli, dem 
Geburtstag Hassans, einen neuen Putschversuch unternehmen, also 
genau ein Jahr nach der Skhirat-Revolte. Im Skhirat-Palast wrde dann 
mit grossem Pomp eine Zeremonie stattfinden, zu der die blichen 
Gste eingeladen waren. Der General verwarf meinen Plan, aber ich 
begab mich auf eigene Faust zum Palast, um der schandbaren 
Geburtstagsfeier beizuwohnen. 



                                                    84
Zum zweiten Male befand ich mich im Palast in Gegenwart des 
Menschenschinders und sah mir sein Gesicht an, auf dem tausend 
Laster ihre Spuren hinterlassen hatten. Als Cowboy ausstaffiert, 
schkerte er mit seinen katzenbuckelnden Gsten. Zum Auftakt forderte 
er sie in franzsischer Sprache auf, zum Gedenken an die Opfer im 
vergangenen Jahr am gleicher Stelle verbten Verrats einige 
Schweigeminuten einzuschalten. 

Am folgenden Abend lud der Knig Oufkir zu einem Empfang ein, der 
die Bezeichnung "Nacht der Frauen" trug. Nach seiner Rckkehr 
erzhlte der General zutiefst angewidert, dass Hassan sternhagelvoll 
gewesen war. Er hatte allen anwesenden Frauen die Hand geksst und 
ihnen dann eine Handvoll Juwelen hingeworfen. Die hohen Damen, 
Ehegattinnen oder Geliebte der Minister und hheren Beamten, hatten 
sich darauf gestrzt und sich um die kostbaren Steine gebalgt. Hassan 
war so besoffen und dazu mit Drogen vollgepumpt, dass er sich kaum 
noch auf den Beinen halten konnte. Zwei Leibwchter sttzten ihn die 
ganze Zeit ber, wobei sie unablssig schnarrten: "Lange lebe Amir al-
Mouminen" ("der heilige Fhrer der Glubigen").

Whrend eines Mittagessens im Hause Oufkirs wurden die letzten 
Einzelheiten des Plans zum Sturz Knig Hassans des Zweiten 
ausgearbeitet. Am nchsten Tag sollte der Monarch zur Abdankung 
gezwungen oder, im Falle einer Weigerung, von einem revolutionren 
Geheimtribunal zum Tode verurteilt und hingerichtet werden. Nun, 
beim Mittagessen, wurde es endgltig beschlossen: Der darauffolgende 
Tag, der 16. August 1972, sollte der letzte Tag sein, an dem Marokko 
von einem Mann beherrscht wurde, den beide Tischgste als Despoten 
und Tyrannen betrachteten und von Herzen verabscheuten.

Ein Jahr heimlicher berlegungen und genauer Planung war ver-
gangen. Der Zeitpunkt zum Sturz des Gewaltherrschers war da. Die 
beiden Mnner am Tisch waren sich ber alle Details des bevor-
stehenden Staatsstreichs einig; die Untergrundarbeit des verflossenen 
Jahres hatte uns zusammengeschweisst. Wir vertrauten einander so 
sehr, wie zwei Menschen einander in einer Situation vertrauen knnen, 
in der sie beide Gefahr laufen, durch Irrtum oder Verrat zu scheitern 
und unter langen Folterqualen zu sterben.

                                                      85
Unser Ziel war dasselbe, zumindest kurzfristig: den Knig zu strzen. 
Doch so sehr ich auch die taktischen Vorteile einer Zusammenarbeit 
begriff, war ich mir stets im klaren darber, dass wir eigentlich zwei 
grundverschiedene Menschen waren, und es ist schwer vorstellbar, wie 
unsere Zusammenarbeit auch nur die ersten Stunden des Triumphs 
nach einer geglckten Revolution htte berleben knnen.

Die Luxusvilla, in der wir beim Mahle sassen, lag im vornehmen Viertel 
Souissi am Rand der Haupstadt Rabat. Gastgeber war General 
Mohamed Oufkir, Verteidigungsminister und Armeechef, nchst dem 
Knig der mchtigste Mann Marokkos. General Oufkir war 52 Jahre 
alt, der Abstammung nach Berber und im Dorf Ain Chair in der Nhe 
von Ksar-Souk im Hohen Atlasgebirge geboren, wo sein Vater 
Stammeshuptling gewesen war.

Ich, sein Gast, war ein junger Panzerleutnant, der ungefhr 25 Jahre 
zhlte. Mein genaues Alter ist mir nicht bekannt, weil in dem kleinen 
Berberdorf in Sdmarokko, wo ich das Licht der Welt erblickte, keine 
Geburtsregister gefhrt wurden. Einige Jahre zuvor war ich zum 
engsten Mitarbeiter des Generals sowie zu seinem persnlichen 
Adjutanten ernannt worden, was zur Folge hatte, dass mein Einfluss 
weit grsser war, als mein niedriger Offiziersrang erahnen liess.

An diesem schicksalshaften Tag waren wir beide gezwungen, einander 
zu vertrauen, da wir uns zur Zusammenarbeit bei einem Unternehmen 
entschieden hatten, das uns beide das Leben kosten konnte, falls es 
vorzeitig aufgedeckt wurde. Und dennoch: noch ein gutes Jahr zuvor 
war General Oufkir der Mensch gewesen, den ich, vom Knig selbst 
abgesehen, am meisten von allen verabscheute. 

Damals stand Oufkir fr all das, was mir am strksten zuwider war: 
Willkrherrschaft, Despotismus, Unterdrckung, Korruption und ganz 
besonders Unmoral. Der General deckte ein System, welches allen 
fundamentalen Werten des islamischen Glaubens zuwiderlief, denn 
diese sprechen nicht von Knigen oder Frsten, sondern von Menschen 
gleichen Ranges. 



                                                     86
Der General stand an der Spitze eines Heeres, das nicht dort eingesetzt 
wurde, wo es meiner berzeugung nach htte eingesetzt werden 
mssen, nmlich im Kampf fr die Einigung der Muselmanen und 
Araber, fr die Rechte der Palstinenser und gegen den Okkupanten-
staat Israel. 

Nein, die Streitkrfte wurden in Marokko zurckgehalten, um 
Ungerechtigkeit und Stagnation zu schtzen, um auch den geringsten 
Ansatz zu einem Volksprotest gegen die sozialen Missstnde 
abzuwrgen, die man doch buchstblich mit Hnden greifen konnte, 
wenn man sich nur die Mhe nahm, sich einige hundert Meter vom 
Knigspalast zu entfernen und den entsetzlichen Slum in Chella zu 
betreten, der in einem Tal gleich unterhalb der Palastmauern lag, oder 
seine Fsse ins Slumquartier Jaacob el Mansour unten beim Strand zu 
setzen, wo 35'000 Menschen bloss einige Kilometer vom Luxusviertel 
entfernt zu berleben versuchen.

Ja, die Ungerechtigkeiten waren fr jeden ersichtlich, der sie sehen 
wollte. Menschen lebten in tiefster Erniedrigung und ohne Hoffnung. 
Sie sahen dem morgigen Tag mit Bangen entgegen; ihre Existenz 
konnte urpltzlich ein Ende nehmen, ohne jegliche Spuren zu 
hinterlassen, und nichts wrde dann darauf hindeuten, dass hier ein 
Mensch gelebt und geatmet und auf eine gerechtere, sorgenfreie Welt 
zu hoffen gewagt hatte. Das Dasein dieser Menschen glich einem 
flackernden Licht, das jh erlschen konnte, weil die Schergen des 
Knigs sie aufgesprt und dafr zur Verantwortung gezogen hatten, 
dass sie es wagten, ein besseres Leben 
zu fordern.

Seitdem ich als Student in der Mitte der sechziger Jahre politisch 
bewusst geworden war, hatte ich Oufkir verabscheut, bekmpft und 
gefrchtet. Er war zuerst Polizeichef und dann Innenminister. 1965 
stand er an der Spitze der Truppen, die eine spontane Revolte fr 
Menschenrechte, fr mehr Brot und vielleicht auch fr ein wenig mehr 
Freiheit niederschlugen. Ich selbst wurde damals festgenommen und als 
einer der Rdelsfhrer gefoltert. 



                                                     87
Nun sass ich am 15. August 1972 demselben Oufkir am Mittagstische 
gegenber und besprach die letzten Einzelheiten eines Plans, um mit 
der Tyrannei Schluss zu machen, die der General selbst mitgetragen 
hatte. Oufkir hatte sich gendert, nicht ich.

Wir waren jetzt Partner in einem Unterfangen, das fr uns mit Marter 
und Tod enden konnte. Binnen vierundzwanzig Stunden konnte jeder 
von uns beiden tot sein. Sollte unserem Wagnis aber Erfolg beschieden 
sein, so wrden wir unweigerlich wieder zu Gegnern werden. Allzu 
verschieden war unser Hintergrund, unsere Erfahrung, unsere 
ideologische berzeugung und unsere Auffassung von Gerechtigkeit. 
Oufkir war ein Mann der Vergangenheit. Ich verkrperte die Zukunft.

Ich war bereit, mich mit dem Leibhaftigen selbst zu verbnden, wenn 
dies zum Sturz des Tyrannenregimes in Marokko fhren konnte, dachte 
ich spter. Whrend des Tischgesprchs konnten wir einen unklaren 
Punkt in unserem Plan beilegen. Der Knig hatte mitteilen lassen, er 
werde am nchsten Tag mit dem Flugzeug von Frankreich nach 
Marokko zurckkehren. Im Verlauf des Vormittags hatte Oufkir diese 
Nachricht vernommen.

Der Reserveplan, der darin bestanden hatte, das Schiff des Monarchen 
zu berfallen, konnte somit ad acta gelegt werden. Die 
Verwantwortung lag nun bei der Luftwaffe. Drei Kampfflugzeuge 
sollten in dem Augenblick, wo sich Knig Hassans Boeing 727 der 
marokkanischen Kste nherte, auf diese zufliegen, scheinbar als 
Begleitflugzeuge, doch der Befehl der Piloten lautete dahin, das 
Flugzeug des Knigs zur Landung auf dem Militrflugplatz in Kenitra 
zu zwingen. Dort sollten die aufstndischen Truppen ber das Geschick 
des Herrschers entscheiden. Zum Abschluss des Mittagessens zitierten 
wir nach altem Ritus dies Sure Al Fatiha aus dem Koran.

Um sechs Uhr frh fielen am 16. August 1972 die ersten 
Sonnenstrahlen auf die 13 Jger, welche auf dem Mililtrflugplatz von 
Kenitra, drei Meilen nrdlich der Hauptstadt Rabat, stationiert waren. 
Es war ein idealer Tag zum Fliegen. 


                                                  88
Bei den Maschinen handelte es sich um amerikanische Flugzeuge des 
Typs Northrop F 5. Sie waren fast alle Jger, die der marokkanischen 
Luftwaffe zur Verfgung standen. Bewaffnet waren sie mit 
unbeweglichen Kanonen. Bei Angriffen auf Bodenziele waren diese 
eine erstklassige Waffe, doch zur Bekmpfung von Luftzielen eigneten 
sie sich bedeutend weniger. 

Unter dem gesamten Personal des Luftsttzpunkts, inklusive den 450 
Amerikanern im US- Sektor, denen unter anderem die Ausbildung der 
marokkanischen Piloten anvertraut war, gab es nur einen einzigen 
Mann, der vom bevorstehenden Staatsstreich wusste. Dieser Mann war 
Major Kouera, Leiter des marokkanischen Sttzpunktsektors.

Am Vorabend hatten Kouera und einer seiner Vorgesetzten, 
Vizeluftwaffenkommandant Mohamed Amkrane, General Oufkir in 
einer Bar in Casablanca getroffen und die letzten Instruktionen erhalten, 
die ich mit Oufkir zusammen ausgearbeitet hatte. Sowohl Kouera als 
auch Amkrane waren in Rif geboren, einer rmlichen Berggegend in 
Nordmarokko. 

Beide waren Berber und hatten keinesfalls vergessen, mit welcher 
Brutalitt der damalige Kronprinz und Armeechef und heutige Knig 
im Jahre 1958 einen Aufstandsversuch der dortigen Bevlkerung 
unterdrckt hatte. Es war die letzte von vielen Revolten gegen die 
neokolonialistische Zentralmacht, die von Rif ausgegangen war. Es 
hatte keiner sonderlichen berredungskunst bedurft, um die beiden fr 
die Widerstandsbewegung der "Freien Offiziere" zu gewinnen.

Bereits im April hatte Amkrane vom Plan der "Operation 
berfliegen" erfahren. Er hatte Oufkir dann mitgeteilt, wegen seiner 
schlimmer werdenden Nierenkrankheit knne er keinen F 5 fliegen. Als 
Stellvertreter hatte er den Kommandanten des Luftwaffensttzpunkts 
Kenitra, Major Kouera, vorgeschlagen. 





                                                     89
Am 15. August, also dem Tag vor dem Putsch, trafen sich alle drei bei 
Madame Lazrak, der Gattin eines ehemaligen Finanzministers. Oufkir 
hatte die letzten Einzelheiten des Plans enthllt und hinzugefgt, dessen 
Gelingen sei hundertfnfzig-prozentig sicher. Sollte trotzdem 
irgendetwas schiefgehen, so wrde sich Oufkir auf dem Flugplatz von 
Rabat-Sal befinden und selbst den Befehl ber die dortigen Truppen 
bernehmen.

Zwei andere auf der Luftbasis stationierte Militrs, Hauptmann Lhjad 
Larabi und Leutnant Hassan Midawi, wussten an jenem schicksalhaften 
Morgen des 16. August noch nicht, dass sie dazu auserkoren waren, die 
beiden anderen Eskortflugzeuge zu steuern. 

Aus Sicherheits-erwgungen und zur strikten Wahrung des Geheim-
nisses hatten Oukfir und ich beschlossen, dass nur die unmittelbar bei 
der Operation Beteiligten in den Plan eingeweiht werden sollten. Ausser 
Oufkir und mir kannten lediglich Amkrane und Kouera die "Operation 
berfliegen".

General Oufkir tat whrend der Nacht vom 15. auf den 16. August kein 
Auge zu. Er blieb bis zum Morgengrauen auf und fuhr dann, ohne 
jemandem ein Wort zu sagen, nach Temara, unmittelbar sdlich von 
Rabat. Gegen elf Uhr kehrte er in seine Villa in Souissi zurck. 

Er hatte zusammen mit Vizeluftwaffenkommandant Amkrane Oberst 
Lyoussi getroffen, den Oberbefehlshaber der Luftstreitkrfte. Oberst 
Lyoussi hatte sich dazu berreden lassen, drei F-5-Maschinen 
auszusenden, die den Knig bei seiner Heimkehr nach Marokko 
eskortieren sollten. 

Auf Knig Hassans Schloss nahe der Stadt Beauvais, acht Meilen 
nrdlich von Paris, traf man an jenem Morgen Vorbereitungen fr die 
Rckkehr nach Marokko. Der Monarch hatte im Rahmen eines 
Privatbesuchs drei Wochen auf jenem Schlosse zugebracht.





                                                     90
In seiner Gesellschaft befand sich unter anderem auch Oberst Ahmed 
Dlimi, Kommandant der kniglichen Adjutanten und ehemals hchster 
Polizeichef. Unter Einbeziehung der Hofschranzen, Konkubinen, 
Regierungsmitglieder und Leibwachen - letztere wurden von einem 
franzsischen Sldner, Kommissar Sassia, kommandiert - waren es 
rund hundert Personen, die nun, wo die Sommerferien zu Ende waren, 
mit dem Knig nach Marokko zurckfliegen sollten.

An jenem Tage stieg ich wie gewhnlich um sechs Uhr auf und nahm 
mein Frhstck zu mir. Den General sah ich am Morgen nicht. Nach 
dem Frhstck fuhr ich in meinem Fiat zur Verlegung. Auf dem 
Hintersitz lag meine grne Felduniform, die ich dann in der Verlegung 
anziehen wrde. Ich dachte daran, was der General gesagt hatte, als er 
mich um halb vier weckte. Er war gerade von Casablanca 
zurckgekommen, wo er mit Amkrane und Kouera in einer Bar auf der 
Avenue Hassan II. ein letztes Gesprch gefhrt hatte. 

"Nun liegt alles in Gottes Hnden", hatte der General gesagt. "Alles ist 
wohl vorbereitet, und die Lage sieht gut aus." Er wollte noch ein letztes 
Mal die Tonbandaufnahme unseres Kommuniqus hren, welches ich 
entworfen hatte und dass wir nach dem geglckten Staatsstreich am 
Rundfunk verlesen wollten.

Ich empfand seltsamerweise weder Nervositt noch Angst, sondern 
fhlte mich glcklich. Mein ganzes Leben lang hatte ich auf diesen Tag 
gewartet, an dem ich mich am Sturz des Tyrannenregiments in 
Marokko beteiligen wrde. Deshalb war ich von Begeisterung erfllt, 
aber usserlich ganz ruhig und khl.

Die Mglichkeit eines Scheiterns zog ich gar nicht erst in Betracht. Es 
schien sich von selbst zu verstehen, dass alles nach Plan verlaufen 
wrde. Die Aussicht, selbst dabei mitzuwirken, wie der Lauf der 
Geschichte in meinem eigenen Land verndert wurde, erfllte mich mit 
einem phantastischen Gefhl, und ich war dem Schicksal dankbar, dass 
es mir diese Rolle zuteil werden liess. Freudig nahm ich da alle Risiken 
auf mich, um mein Land von der Herrschaft der Schurken zu befreien, 
die es unterjocht hielten. 


                                               91
Whrend der Morgenstunden prfte ich nach, ber wieviel Munition 
meine aus 17 Panzerfahrzeugen des Typs EBR bestehende Einheit 
verfgte. Ich erteilte ferner meinem Adjutanten die Anweisung, 
Mannschaft, Material und Waffen zu inspizieren. Dabei bemhte ich 
mich, das Ganze wie eine reine Routineangelegenheit aussehen zu 
lassen. Bis zum Mittagessen mit Oufkir passierte dann nichts 
Besonderes mehr.

Als wir um zwei Uhr bei Tische sassen, einigten wir uns darauf, dass 
ich wie geplant zur Kaserne zurckkehren und mich dort mit meinen 
Fahrzeugen bereithalten sollte. Der General sollte zum Flugplatz in Sal 
ungefhr 15 km nrdlich von Rabat aufbrechen. Er sollte sich direkt 
zum Kontrollturm begeben und dort abwarten, bis der Funkkontakt mit 
der Boeing des Knigs hergestellt werden konnte. 

Sobald er die Nachricht erhielt, dass die erste Phase der Operation 
erfolgreich abgeschlossen war, sollte er mich in der Kaserne Moulay 
Ismail aufsuchen, die gleichfalls dem Panzerstab der Armee unterstand. 
Dort sollte der Auftakt zum Putsch erfolgen. Sobald Oufkir bei mir 
eingetroffen war, sollte ich das Kommando ber die Kaserne 
bernehmen und den Befehlshaber der Panzerstreitkrfte, Oberst 
Hatimi, verhaften, wenn dieser in die Kaserne kam. Seine Festnahme 
sollte keine Schwierigkeiten aufwerfen. 

Es gab noch andere "Freie Offiziere", die von anderen Stdten 
eintreffen wrden, um uns zu helfen, und ich wrde ihnen mitteilen, 
wer alles zu verhaften war. Angesichts der Stimmung in der Armee und 
im Volk rechneten wir damit, dass sich jedermann der Revolte 
anschliessen wrde, sobald irgendjemand den Anfang gemacht hatte. 
Unser Sttzpunkt sollte die auslsende Rolle spielen. War der Knig 
erst aus dem Wege gerumt, so war mit keinem ernsthaften Widerstand 
mehr zu rechnen. Oufkir war ja zumindest auf dem Papier 
Oberkommandierender smtlicher Streitkrfte, und er stand auf unserer 
Seite.





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Nach einem Jahr als Verteidigungsminister war Oufkir unter jungen 
Offizieren recht beliebt geworden. Ich sollte die fhrenden Offiziere in 
der Kaserne Moulay Ismail festnehmen und anschliessend den Befehl 
ber die anderen 40 Tanks und l'000 Mann sowie 20 "Freien Offiziere" 
bernehmen, die von anderen Einheiten zu uns stossen sollten. 
Unserem Plan zufolge sollte Oufkir den Alarmzustand fr alle 
Heereseinheiten einschliesslich den in der Hauptstadt stationierten 
ausrufen. 

Gleich nachdem ich nach dem Mittagessen wieder in die Kaserne 
zurckgekehrt war, trafen die ersten Anweisungen ein, und ich konnte 
nun den Befehl zur Ausrstung der Panzer mit Kampfmunition erteilen, 
ohne dass dies jemandem auffiel. Um 14'30 Uhr traf der Befehl vom 
Hauptquartier ein. Ehe Oufkir dieses verliess, um zum Flugplatz 
hinauszufahren, rief er den Panzerkommandanten Oberst Hatimi an 
und beorderte ihn zum Flugplatz, wo wir alle fhrenden 
Persnlichkeiten und Minister zur Begrssung des Knigs versammeln 
wollten, um sie dann allesamt zu verhaften, sobald der Knig selbst in 
unserer Gewalt war. 

Ich plauderte mit einigen Offizieren und scherzte mit ihnen ber den 
Skhirat-Putsch. Alles sollte einen ganz normalen, routinemssigen 
Eindruck hinterlassen, und doch empfand ich das nagende Gefhl, 
irgendetwas wrde schiefgehen. Ich war nicht besonders glcklich ber 
die Entscheidung, die drei Piloten loszuschicken. Wer konnte denn 
ausschliessen, dass der Knig whrend des Fluges durch Funkkontakt 
Wind von der ganzen Sache bekommen und dann den Befehl erteilen 
wrde, das Flugzeug solle anderswo landen? 

"Ich weiss eine bessere Lsung", sagte ich zu Oufkir, whrend wir beim 
Mittagsmahle sassen. "Wir lassen den Knig unbehindert auf dem 
Flughafen Rabat-Sal landen, den ich dann schon mit meiner 
Panzereinheit umstellt habe. Dann nehme ich ihn selbst auf dem 
Flughafen fest, zusammen mit allen Ministern und hohen Offizieren, 
die auf ihn warten. Wir sperren sie in eine Flugzeughalle ein, bis wir die 
Lage im Griff haben. Alle knnen die Verhaftung des Knigs 
miterleben, und dann werden sie begreifen, dass seine Macht 
gebrochen ist."

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Oufkir lehnte diesen Vorschlag ab. Falls die drei Piloten die Maschine 
des Knigs nicht zum Landen zwingen knnten, wrden sie sie eben 
abschiessen, meinte er. "Es besteht nicht die geringste Gefahr des 
Scheiterns. Unser Plan ist hundertfnfzigprozentrig sicher", sagte 
Oufkir. Dies waren die letzten Worte, die ich von ihm hrte, ehe ich 
zur Kaserne Moulay Ismail losfuhr. Ich sass in meinem Panzer und 
wartete ab 15'00 Uhr auf die erwartete Nachricht. 

Im Kontrollraum der Luftwaffenbasis von Kenitra stand zur gleichen 
Stunde der Vizeluftwaffenchef, Oberstleutnant Mohamed Amkrane, 
dem eine Gruppe von Offizieren unterstellt waren. Vom Kontrollturm 
aus konnten sie hren, was im Luftraum zwischen Kenitra und dem 
Mittelmeer ablief. Major Kouera und zwei andere junge Offiziere 
waren bereits losgeflogen, um die Boeing des Knigs bei ihrem 
Heimflug zu treffen.
























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Ein  misslungener  Staatsstreich

Am 16. August 1972, etwa um 16 Uhr, fliegt die private Boeing 727 
des Knigs, ein Zivilflugzeug, das ehemals der marokkanischen 
Luftfahrtgesellschaft "Royal Air Maroc" (RAM) gehrt hat, mit 100 
Passagieren - dem Monarchen und seinem Hof - an Bord von 
Frankreich via Barcelona ber die marokkanische Kste nahe der Stadt 
Tetouan. 

Der zivile Pilot, Mohamed Kabbaj, sieht pltzlich drei Jger des Typs 
Northrop 15 nahen. Die Maschinen bilden eine Schutzeskorte fr das 
knigliche Flugzeug. Hassan II sitzt am Schreibtisch und spielt mit dem 
franzsischen Sldner Sassia, seinem Leibwchter, Karten. Via Funk 
erteilt Major Kouera, der eine der drei Maschinen lenkt, Kabbaj den 
Befehl, auf dem Militrflugplatz von Kenitra zu landen, aber Kabbaj 
weigert sich, nachdem er beim Knig nachgefragt hat. 

Pltzlich attackieren die drei Jger die Boeing mit ihren 
Maschinengewehren. Der untere Teil der Boeing sowie einer ihrer 
Motoren werden beschdigt, doch kann sie ihren Flug fortsetzen. Der 
Knig steht eilends vom Schreibtisch auf und hastet ins Cockpit zu den 
Piloten. Er ergreift ein Funkmikrophon. 

In einer Mitteilung an die Piloten der angreifenden Flugzeuge gibt er 
sich als Bordfunker der Boeing aus. "Der Knig ist schwerverletzt und 
liegt im Sterben", sagt er und bittet um Erlaubnis, auf dem Flughafen 
Rabat-Sal landen zu drfen, um weiteren Schaden und weitere 
Verluste an Menschenleben zu verhten.

Spter sollte sich herausstellen, dass die Soldaten, welche die Jger 
aufmunitionierten, den falschen Munitionstyp gewhlt hatten. Anstelle 
von explosiven Raketen nahmen sie bungsmunition. Dazu kam, dass 
Koueras Maschinengewehr eine Ladehemmung hatte. In einem letzten, 
verzweifelten Versuch, die Boeing zum Landen zu zwingen, bemhte 
sich Kouera, sie mit seinem eigenen Flugzeug zu rammen, doch es 
gelang ihm nicht. Sein Jger wurde dabei schwer beschdigt, und er 
selbst wurde durch seinen Schleudersitz nach aussen befrdert, wonach 
sich sein Fallschirm ffnete. 

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Verletzt und mit einem Knochenbruch wurde er in der Nhe von Oulad 
Khalifa gleich von Polizisten aufgegriffen und in rasender Fahrt als 
Gefangener nach Rabat geschafft. Die beiden anderen Jagdflugzeuge 
kehrten auf den Luftwaffensttzpunkt Kenitra zurck, um 
Kriegsmunition zu laden.

Mit nur einem funktionstchtigen Motor landete die Maschine des 
Knigs in Rabat-Sal. Es war nun 16.10 Uhr. Hassan war sprachlos vor 
Schreck und vllig verwirrt. Er stieg aus, inspizierte eine Ehrengarde, 
die auf dem Flugplatz wartete, und zog sich dann ins Hauptgebude des 
Flugplatzes zurck, wo er ca. fnf Minuten blieb.

Etwa um 16.40 Uhr tauchten vier Jger auf und begannen das 
Flughafengebude mitsamt den Landebahnen zu beschiessen. Sie 
flogen eine Angriffswelle nach der anderen. Acht Menschen wurden 
gettet und weitere 47 verwundet, darunter vier Minister, die zur 
Empfangsdelegation fr den Monarchen gehrt hatten. Hassan, sein 
Bruder Prinz Moulay Abdallah und eine Gruppe Polizisten waren 
whrend der Luftangriffe in einen Hain neben dem Flugplatz 
geflchtet. Dann machten sich Abdallah und die Polizisten auf den Weg 
zur franzsischen Botschaft; der Knig selbst suchte Zuflucht in der 
libanesischen. 

Whrenddessen nahmen acht andere Flugzeuge vom Luftwaffen-
sttzpunkt Kenitra - dieser unterstand Oberst Amrkane - den 
Knigspalast in Rabat unter Beschuss. Um 16.45 Uhr tauchten acht 
Jger im Luftraum von Rabat auf und begannen den Knigspalast zu 
bombardieren. Die beiden Piloten, welche Kouera begleitet hatten und 
nach dem missglckten Angriff auf die Boeing nach Kenitra 
zurckgekehrt waren, um scharfe Munition zu laden, erteilten weiteren 
zehn Flugzeugen den Befehl, ihnen zu folgen, und versuchten die 
Boeing doch noch abzufangen. Doch diese war lngst gelandet. 
Deswegen versuchten sie nun, den Knig dort anzugreifen, wo sie ihn 
vermuteten: auf dem Flughafen oder im Palast.




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Nach dem Luftangriff auf den Knigspalast, und nachdem sie vom 
Scheitern der Operation erfahren hatten, verliessen Vizeluftwaffenchef 
Mohamed Amkrane und Leutnant Hassan Midawi, die beide an der 
Attacke auf Boeing und Palast beteiligt gewesen waren, den Flugplatz 
Kenitra in einem Hubschrauber, dessen dreikpfige Besatzung den 
Befehl erhalten hatte, nach Gibraltar zu fliegen. Die drei 
Besatzungsmitglieder erklrten dort den britischen Offizieren, die sie in 
Empfang nahmen, sie htten mit dem Putschversuch nichts zu schaffen 
und wollten sofort nach Marokko zurck. 

Amkrane und Midawi ersuchten um politisches Asyl in Gross-
britannien. Die marokkanische Regierung forderte hingegen ihre 
unverzgliche Auslieferung. Sie wurden in Gewahrsam gehalten, bis 
der Gouverneur von Gibraltar, Sir Varyl Begg, nach Rcksprache mit 
dem Aussenministerium in London, den Beschluss fasste, sie 
auszuliefern. Der Grund dafr lag darin, dass die Anwesenheit der 
beiden marokkanischen Offiziere in Gibraltar nach Auffassung der 
konservativen britischen Regierung "nicht im Interesse der 
Allgemeinheit lag". 

Alle fnf Marokkaner wurden in einem Flugzeug der kniglichen 
Luftwaffe sofort nach Eintreffen des Auslieferungsentscheids am 
Abend des 17. August zurckgeflogen. Amkrane und Midawi sollten 
dann ein paar Monate spter zusammen mit elf anderen Piloten an die 
Wand gestellt werden.

Nach seinem Eintreffen in Marokko wurde Amkrane in den Palast zum 
Knig gebracht. "Du bist ein wandelnder Leichnam", sagte Hassan. 
"Wusstest du, dass du nur noch l8 Monate zu leben hattest?" "Ich 
wusste wohl, dass ich wie alle Menschen eines Tages sterben muss, 
doch mein Todestag war mir nicht bekannt", erwiderte der Offizier. 
Auf die Frage, wer denn hinter dem Attentat stecke, entgegnete 
Amkrane, er habe seine Befehle von General Oufkir erhalten.






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Innenminister Mohamed Benhima sagte einige Tage nach dem Attentat, 
er und die brigen Minister, die sich zur Begrssung des Knigs auf 
dem Flugplatz eingefunden hatten, seien hchst verwundert gewesen, 
als General Oufkir sie ganz pltzlich verliess und sich in den 
Kontrollturm begab. Als der Knig gelandet war, verlangte er, Oufkir 
solle sich sogleich bei ihm melden, aber dieser war bereits auf dem Weg 
zu meiner Kaserne Moulay Ismail.

Ich sass in meinem Panzer auf dem Kasernenhof. Es war zwischen 16 
und 17 Uhr. Ich hatte eine Maschinenpistole und eine ganze Menge 
Handgranaten und war grimmig entschlossen, notfalls mit meiner 
Kompanie tagelang Widerstand zu leisten. Aber was war eigentlich 
geschehen?

So etwa um halb fnf sah ich pltzlich Oufkir, der zusammen mit 
einem Hauptmann in einem schwarzen Auto rasend schnell durch das 
Kasernentor herangefahren kam. Ich hatte keine Ahnung, was sich in 
den vergangenen Stunden zugetragen hatte. Die Operation, so nahm ich 
an, war geglckt, und Oufkir kam zu mir, damit wir unseren Plan 
weiterfhren konnten. Als Oufkir ausstieg, hrte ich, wie ihm jemand 
aus einem Bro in meiner Nhe etwas zurief und ihm mitteilte, der 
Knig wolle telefonisch mit ihm sprechen. Ich sah, wie Oufkir nervs in 
jenes Bro ging, wusste aber natrlich nicht, was er dem Knig sagte. 
Zwei Minuten spter sprang er hastig ins Auto und verliess das 
Kasernenareal, ohne auch nur ein Wort mit mir gewechselt zu haben.

Ich begriff nicht, was los war, und konnte nichts tun als abwarten; auf 
eigene Faust zu handeln, wagte ich nicht, da ein solches Vorgehen alles 
htte zerstren knnen. Rund eine Viertelstunde spter erblickte ich 
acht Flugzeuge, die den Palast mit Raketen attackierten.

Der Knigspalast von Rabat gilt in Marokko als Sinnbild der 
Korruption, Ausbeutung und Unterdrckung. Es war ein grossartiges 
Erlebnis, mit eigenen Augen sehen zu drfen, wie die Flieger dieses 
Symbol der Fulnis mit ihren Raketen beschossen. Gewiss entsprach 
dies nicht dem ursprnglichen Plan, doch ich glaubte, Oufkir habe dies 
spontan entschieden, ohne mich darber zu unterrichten.


                                                    98
Meine Offiziersfreunde, welche sich in der Kaserne aufhielten, kamen 
zu mir und fragten mich, was das alles zu bedeuten habe. "Sollen wir 
denn nichts tun, sollen wir bloss hier rumstehen und Maulaffen 
feilhalten?" fragten sie klagend. Aber ich wollte ihnen nichts verraten.

Spter erfuhr ich, was sich ereignet hatte. Als Oufkir im Kontrollturm 
des Flughafens Rabat-Sal war, erhielt er via Funk Bescheid von der 
kniglichen Maschine, dass Hassan tot sei. Gemss unserem Plan wollte 
er nun mich aufsuchen. Ich sollte den Befehl ber die Kaserne 
bernehmen und dann die Radiostation umzingeln. Als nchstes sollte 
ich unsere Verlautbarung am Radio verlesen, und Oufkir wrde seine 
Anweisungen an alle Heereseinheiten ergehen lassen. 

Doch whrend Oufkir vom Flughafen unterwegs zu meiner 15 
Kilometer entfernten Kaserne war, landete die Boeing. Als sie sich ber 
dem Rifgebirge in Nordmarokko befand, hatte sie von Kouera den 
Befehl bekommen, in Kenitra zu landen. Wie bereits berichtet, 
gehorchte der Pilot nicht, und Kouera versuchte die knigliche 
Maschine abzuschiessen. Er sagte per Funk zu den beiden anderen 
Piloten: "Ich opfere mein Leben fr mein Land und mein Volk."

Ihm war klar geworden, dass beim Aufmunitionieren der Jger ein 
verhngnisvoller Fehler unterlaufen war. Wohl hatte er angeordnet, die 
Flugzeuge mit explosiver Kampfmunition zu bestcken, doch als 
Kommandant tat er dies nicht selbst. Man kann nur vermuten, dass die 
gewhnlichen Soldaten, die den Befehl ausfhrten, einen Irrtum 
begangen hatten. Sie waren ja Analphabeten und irrten sich 
mglicherweise in der Munitionskiste, oder aber sie hatten den Befehl 
falsch verstanden und meinten, es handle sich um eine bung wie 
gewhnlich. 

Kouera pflegte nie zu kontrollieren, ob man seine Anweisungen auch 
wirklich befolgt hatte, und dies war ein fataler Fehler. Wre sein Jger 
mit explosiven Raketen und scharfer Munition bestckt gewesen, so 
htte eine einzige Rakete oder MG-Salve ausgereicht, um die Boeing 
abzuschiessen.



                                                    99
Nachdem er mit seinem Fallschirm abgesprungen war und es den 
beiden anderen Piloten ebensowenig geglckt war, die knigliche 
Maschine abzuschiessen, da sie ebenfalls die falsche Munition geladen 
hatten, kehrten diese auf den Luftwaffensttzpunkt zurck. Die 
Nachricht vom Putsch verbreitete sich dort wie ein Lauffeuer, und 
andere Piloten liessen die "Islamische Republik" hochleben. Zehn von 
ihnen stiegen mit ihren Flugzeugen hoch; sie waren es, die ich bei ihrem 
Angriff auf den Palast erblickte. Es handelte sich also um eine 
improvisierte Aktion, die mich und ganz gewiss auch Oufkir 
berraschte und verwirrte.

Whrend Oufkir wie gesagt unterwegs zu meiner Kaserne war, landete 
der Knig. Er und sein Bruder verliessen den Flughafen schon bald 
darauf. Der Monarch flchtete sich in die libanesische Botschaft, sein 
Bruder in die franzsische. Inzwischen griffen die Jger den Flughafen 
und den Palast an, denn man glaubte, Hassan habe dort Zuflucht 
gesucht. 

Als Oufkir in der Kaserne eintraf, klingelte dort eben das Telefon. Am 
Apparat war der quicklebendige Knig. Wie in drei Teufels Namen 
konnte er bloss wissen, dass sich Oufkir dort befand? Ob er es einfach 
erraten hatte? Meine Verlegung war die grsste und bedeutendste in 
Rabat. Es mochte ja Zufall sein, dass Oufkir eben eintraf, als der Knig 
anrief. 

Was mag da in Oufkirs Kopf vorgegangen sein? Niemand weiss es, und 
es ist mssig, darber zu spekulieren. Doch jedenfalls muss es ihm 
klargeworden sein, dass die erste Phase unseres Plans grndlich 
schiefgegangen war, so dass man nicht einfach zur zweiten bergehen 
konnte. Ob Oufkir darum kein Wort zu mir sagte, weil er nicht wollte, 
dass irgendjemand auf mich aufmerksam wurde? Ob er meinte, der 
Knig wisse nicht, dass er und ich die Drahtzieher des Putsches waren? 
Oder wollte er zuerst wissen, wo sich Hassan befand, und ihn als erstes 
erledigen? So mag es sich verhalten haben. Wie dem auch sei, 
jedenfalls fuhr Oufkir ins Hauptquartier der Armee, das gleich neben 
dem Palast liegt.


                                                  100
Als die Flugzeuge diesen angriffen, glaubte er mglicherweise, die 
Attacke gelte auch dem Hauptquartier. Deshalb nahm er zusammen mit 
anderen Offizieren in dessen Luftschutzkeller Zuflucht. Vielleicht 
dachte er auch, wir jungen Offiziere fhrten ohne sein Wissen einen 
parallelen Putsch durch, weil die Luftangriffe ja ohne seine 
Zustimmung erfolgten. 

Auch ich war, als ich die Jger den Palast beschiessen sah, glcklich 
und wtend zugleich, denn einen Augenblick lang stieg in mir der 
Verdacht auf, Oufkir habe das alles hinter meinem Rcken angeordnet. 
Wir misstrauten einander, wie schon Ababou und Madbouh 13 Monate 
zuvor beim Shkirat-Putsch einander misstraut hatten!

Jedenfalls herrschte totale Verwirrung. Ich blieb bei meiner 
Panzereinheit, um so gut wie mglich in Erfahrung zu bringen, was 
denn nun eigentlich geschehen war. Etwas Licht ins Dunkel brachte die 
Meldung, dass Major Kouera in die Hnde der Polizei gefallen war. 
Kouera war verletzt und hatte einen Knochenbruch am Bein 
davongetragen. Man brachte ihn sofort nach Rabat. 

Offiziell war Oufkir immer noch Armeechef; er tat so, als wisse er 
nicht, wer hinter dem Attentat stand. Aber Kouera wurde im Palast 
gefoltert und gestand, dass Oufkir der Urheber des Putschversuchs war. 
Nun tat der Knig seinerseits so, als sei ihm die Identitt des 
Putschfhrers unbekannt. Er setzte sich telefonisch mit Oufkir in 
Verbindung, natrlich ohne diesem mitzuteilen, wo er sich aufhielt, und 
ohne ihm zu verraten, dass Kouera in seiner Gewalt war und 
"gesungen" hatte. Hassan befahl Oufkir, die Putschisten zu verhaften.

Inzwischen war es zwischen l8 und 19 Uhr. Die Dinge entwickelten 
sich nun sehr schnell. Oufkir versuchte, Zeit zu gewinnen, indem er 
vorgab, auf der Suche nach den Offizieren zu sein, welche den Angriff 
durchgefhrt hatten. Er erfuhr, dass Amkrane zusammen mit den 
beiden anderen Offizieren, die gemeinsam mit Kouera die Boeing 
angegriffen hatten, per Hubschrauber nach Gibraltar geflohen waren, 
und folgerte daraus, Kouera msse tot sein. Er glaubte wohl - wie 
zunchst auch ich -, Kouera habe beim Absturz seines Flugzeugs den 
Tod gefunden. 
                                                 101
Ca. um 20 Uhr kam der Panzerchef, Oberst Hatimi, vom Palast zu 
meiner Kaserne. Er rief uns Offiziere zusammen und berichtete, 
Verrter htten die knigliche Maschine angegriffen, doch ein Teil von 
ihnen sitze bereits hinter Schloss und Riegel, und die Lage sei unter 
Kontrolle. Wahrscheinlich beorderte Hassan Oufkir zu diesem 
Zeitpunkt, sich im Shkirat-Palast einzufinden. Oufkir folgte dieser 
Anweisung. Warum in aller Welt tat er dies? Wollte er den Knig selbst 
umbringen? Oder wollte er sein Spiel weiterspielen?

Es war nun stockdunkel geworden. Ich erteilte meinen Soldaten 
Befehle. Niemand durfte sich unserer Panzereinheit nhern. Sie sollten 
niemandem gehorchen ausser mir. Ich versuchte, Oufkir telefonisch zu 
erreichen, doch er war weder zu Hause noch im Hauptquartier.

Zugleich tat ich mein Bestes, um mich via auslndische Sender zu 
informieren, wie die Dinge standen. In Marokko stehen Presse, Radio 
und Fernsehen im Solde der staatlich befohlenen Lge. Dies ist 
bekanntlich in allen Diktaturen so. Smtliche marokkanischen Medien 
unterstehen dem Knig. Will man relativ objektive Informationen ber 
die Lage im Land, so hrt man auslndische Sender wie BBC oder 
France Inter. Es kommt heute nicht selten vor, dass mich jemand von 
Rabat nach Stockholm anruft und fragt, ob in Marokko irgendetwas 
Neues passiert sei! Doch meistens melden auch auslndische Medien 
nur das, was ihnen in den "offiziellen" Nachrichten vorgekaut wird.

Um ein Uhr nachts hrte ich auf einem franzsischen Sender, in 
Marokko habe ein Putschversuch stattgefunden. Dieser sei, so der 
Sender, von Luftwaffenoffizieren gefhrt gewesen. General Oufkir 
habe Selbstmord begangen. Dies war fr mich ein gewaltiger Schock. 
Ich musste nun raschestens einen Entscheid fllen. Falls er wirklich 
Hand an sich gelegt hatte und der Knig nichts von meiner Rolle 
wusste, konnte ich ja weiterhin in der Armee Dienst tun, dachte ich mir. 
Das marokkanische Radio berichtete nichts ber die Geschehnisse.

Frh morgens verliess ich die Kaserne durch einen nur wenigen 
bekannten Ausgang an der Hinterseite. Durch ein der Kaserne 
benachbartes Krankenhaus begab ich mich zu meinem Wagen, der in 
einer nahen Garage parkiert war, und fuhr zu Oufkirs Wohnung. 

                                                   102
Wie blich stand eine Wache beim Eingang. "Ist der General daheim?" 
fragte ich. Zu meinem Schrecken entgegnete die Wache: "Welcher 
General?" "Oufkir", vesetzte ich. "Ja, sie haben seine Leiche letzte 
Nacht gebracht. Sie knnen rein, um sie sich anzusehen."

Ich betrat das Haus. Die erste Person, die ich erblickte, war Oufkirs 
Bruder, Moulay Hachem, der natrlich todtraurig war. Auch dem 
schwarzen Dienstmdchen Coco begegnete ich. Wortlos und weinend 
folgte sie mir ins "arabische Zimmer", wo Oufkir tot auf einem Bett lag. 
Er lag auf dem Rcken und war mit einem weissen Laken bedeckt. Als 
ich dieses hob, sah ich viel Blut. Eines seiner Augen war aus dem 
Sockel geschossen worden, und zwar, wie ich deutlich erkannte, von 
hinten. Ein schner Selbstmord! Die Leiche war von gut 50 Kugeln 
durchsiebt. Ein solches Kunststck hat noch nie ein Selbstmrder 
fertiggebracht.

Ich fragte Coco nach der Tasche des Generals. In dieser lag nmlich die 
Kassette mit unserem Kommuniqu und dem ganzen Text, den ich von 
Hand niedergeschrieben hatte. Dieses Beweisstck durfte natrlich 
nicht in falsche Hnde geraten. Aber Coco hatte die Tasche nicht 
gesehen. Ich fragte Oufkirs zwei Leibwachen, was sich zugetragen 
hatte. Sie erzhlten, sie seien zusammen mit ihm zum Palast gefahren, 
htten aber draussen warten mssen. Rund eine Stunde spter kam 
General Sefrioui, Fhrer der schwarzen kniglichen Garde, auf sie zu 
und wies sie an, heimzukehren. Der General komme spter, sagte er.

Eine Stunde, nachdem sie in der Villa des Generals in Souissi 
eingetroffen waren, kam ein Krankenwagen angefahren. In ihm sass 
unter anderem Hsouni, ein Folterspezialist der Polizei. Er hatte zu den 
Mrdern Ben Barkas gehrt. Nun brachte er Oufkirs Leiche.









                                                    103
Die  Flucht

Mir war nun klar, dass ich keine Minute zu verlieren hatte. Sie hatten ja 
die Kassette und wussten alles. Sie war nicht im Auto; ich hatte dort 
selbst gesucht. Sie befand sich, wie ich sicher wusste in der Tasche des 
Generals. In meinem Zimmer in der Kaserne gab es einige 
Geheimpapiere, die andere Offiziere, meine Freunde, kompromittieren 
konnten. 

Aus diesem Grunde fuhr ich zur Kaserne und betrat diese auf dem 
gleichen Wege, auf dem ich sie verlassen hatte. Gerade als ich im 
Begriff war, meine Paiere zu verbrennen, kreuzte der Panzerchef auf 
und teilte mir mit, der Bereitschaftsgrad sei gesenkt worden. Ich solle 
meine Leute anweisen, ihre Waffen abzugeben, und ihnen dann 48 
Stunden Urlaub genehmigen. 

Ich sagte meinem Adjutanten, meine Kompanie solle von niemandem 
Befehle entgegennehmen aussser von mir, und sie sollten auf meine 
Anweisungen warten. Dann verbrannte ich die Papiere im 
Waschbecken. Als nchstes erteilte ich meinem Adjutanten den Befehl, 
die Soldaten zu inspizieren und ihre Waffen einzusammeln. Ich msse 
mal auf die Toilette, werde aber gleich zur Inspektion zurck sein. Von 
der Toilette fhrte der Ausgang Richtung Krankenhaus. Dort stand ein 
Wachposten. Ich schnauzte ihn gehrig an und erteilte ihm eine 
Mohrenwsche wegen mangelnder Aufmerksamkeit. Er sollte glauben, 
ich sei auf Inspektionstour.

Sobald ich die Kaserne verlassen hatte, fuhr ich zu meiner 
franzsischen Freundin. Ich hatte kein Geld bei mir und musste mir 
deshalb einen kleinen Betrag von ihr ausleihen. Wir verabschiedeten 
uns, und dann fuhr ich mit meinem Wagen zu einer Garage ausserhalb 
der Stadt. Dort tauschte ich meine Uniform gegen Badehosen, Jeans 
und Pullover. Auch meine Pistole und alle Papiere, die Aufschluss ber 
meine Identitt vermittelten, liess ich zurck. 

Viel spter sollte ich erfahren, dass die Polizei meiner Freundin einen 
unwillkommenen Besuch abgestattet und dort tagelang bis an die Zhne 
bewaffnet auf mich gelauert hatte. Sie hofften wohl, ich wrde spter 
dort auftauchen. 
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Meine Freundin wurde festgenommen und verhrt, doch nach 
Intervention des franzsischen Botschafters liess man sie frei. Sie war 
nicht in meine Plne eingeweiht gewesen, und die Polizisten mussten sie 
laufen lassen. Vorderhand durfte sie aber das Land nicht verlassen. Sie 
glaubte lange Zeit, ich sei tot. Nachdem ich die Garage verlassen hatte, 
nahm ich ein Taxi und fuhr in ein Slumviertel namens Yakoub-el-
Mansour. Dies war die erste Etappe meiner Flucht.

Ich wanderte sdwrts dem Strand entlang, weg von der Hauptstadt. 
Der Strand war voll von gutgelaunten Badegsten. Sie kmmerten sich 
nicht im mindesten um die Geschehnisse des vergangenen Tages, 
sondern tollten im Sand herum und khlten sich in den Wellen. Nur mit 
Badehosen bekleidet, ging ich immer weiter nach Sden. In der Hand 
hielt ich meine Jeans und einen Pullover. Das war alles, was ich auf 
meiner Flucht bei mir hatte. Alles andere liess ich hinter mir zurck: 
meine Arbeit, meinen Lohn, meine Wohnung, mein Auto und meine 
grosse Bibliothek, nicht aber meine khnen Trume von einer 
menschenwrdigeren Zukunft und einer besseren Welt.

Doch vergass ich ob dieser Trume auch die praktischen Probleme 
nicht, denen ich mich nun gegenbersah. Den ganzen Tag lang ging ich 
dem Strand entlang und wich allen grossen Strassen so gut es ging aus. 
Polizei und Militr hatten bestimmt berall Strassensperren errichtet. 

Mein erster Gedanke war, nach Sden in die Sahara zu flchten. Dort 
konnte ich vielleicht bei den Beduinen leben, bis sich die Lage 
entspannt hatte. Ich erinnerte mich an die Beduinen aus der Sahara, die 
an meinem Heimatdorf vorbeiwanderten. Mein Vater anerbot ihnen, sie 
drften die von den in die Stdte abgewanderten Dorfbewohnern 
verlassenen Huser und cker ohne Bezahlung bernehmen. Die 
Beduinen lehnten dankend ab; ihr einziges Eigentum sei ihre Freiheit, 
und sie wollten nicht an ein Stck Erde und Beton gefesselt sein.

Ein genaues Ziel hatte ich also nicht. Nie im Leben war ich in einer 
solchen Situation gewesen, und ich hatte nie damit gerechnet, in eine 
solche zu geraten. Alles war so unerhrt rasch gegangen, und ich hatte 
keinen Gedanken an die Mglichkeit verschwendet, der Putsch knne 
scheitern und ich mit dem Leben davonkommen. Sieg oder Tod, das 
war die Alternative gewesen. 
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Mir war klar, dass ich mein Land vielleicht verlassen musste, und dies 
erschien mir so aussichtslos wie der Plan einer Reise zum Mond. Ich 
dachte an die vielen Offiziere, die nach der Skhirat-Revolte ins Ausland 
flchten wollten. Sie wurden allesamt festgenommen und hingerichtet.

Es war der 17. August. Ich setzte meine schier endlose Wanderung fort. 
Zwischen Rabat und Skhirat fhrt eine der grssten Strassen des 
Landes auf einer Brcke ber einen Fluss unmittelbar nrdlich von 
Skhirat. Ich ahnte, dass die Polizei bei der Brcke Kontrollen 
durchfhrte, und beschloss deshalb, den Fluss zwischen Brcke und 
Mndung zu durchschwimmen. Es gelang mir, obschon ich ein 
schlechter Schwimmer bin. Schliesslich ging es um Leben und Tod. Bei 
Skhirat war ich gezwungen, die Kste zu verlassen und den grossen 
Strassen entlang landeinwrts zu gehen.

Als ich im Begriffe war, die grosse Strasse zwischen Rabat und 
Casablanca zu berqueren, fiel mein Blick auf einen Mann, der am 
Strassenrand Trauben feilbot. Ich war sehr hungrig und machte halt, 
um ein paar Trauben zu kaufen. "Wohin fhrt denn dieser Weg?" 
fragte ich und zeigte landeinwrts. "Keine Ahnung; ich bin nicht von 
hier", erwiderte der Verkufer. Gerade in diesem Augenblick kam ein 
Mann auf einem Moped herangefahren, und der Verkufer meinte, ich 
solle doch den fragen.

"Was willst du wissen?" fragte der Mopedfahrer. "Ich kenne mich hier 
nicht aus. Gestern bin ich von Marrakesch nach Rabat gekommen, um 
einen Freund zu besuchen. Aber er war nicht dort, und darum dachte 
ich mir, am besten gehe ich nach Marrakesch zurck. Leider hab ich 
fast kein Geld. Ich fahre per Anhalter oder gehe notfalls zu Fuss."
"Hast du einen Ausweis?" fragte er in hochmtigem Ton. "Nein, den 
habe ich leider nicht mitgenommen. Ich wusste doch nicht, dass ich ihn 
brauchen wrde."

Der Mann war ein Polizist. Mir wurde himmelangst. Ich bin geliefert, 
dachte ich mir, versuchte aber, meine Angst so gut wie mglich zu 
verbergen. "Wo schlfst du denn heute nacht?" bohrte er. "Weiss ich's 
denn? Vielleicht ldt mich irgendeine gastfreundliche Seele zu sich ein."

                                                  106
"Du darfst im Knast schlafen", stellte er mir liebenswrdig in Aussicht 
und blickte mich scharf an. "Ich kann ja wohl irgendwo bernachten", 
erwiderte ich. "Ich habe wirklich keine Zeit mehr fr dich, 
Brschchen", sagte er ganz unerwartet. "Du kannst von Glck reden, 
dass ich Wichtigeres zu tun habe, als mich um Landstreicher wie dich 
zu kmmern. Wenn du auf dieser Strasse weitergehst, landest du so 
oder so im Bau. Dort an der Strassensperre nehmen sie solche Vgel 
wie dich nmlich bestimmt genauer unter die Lupe."

Wie in allen anderen Polizeistaaten verschafft der Polizistenberuf in 
Marokko hohe Autoritt. Die Polizei jagt den Menschen eine 
Heidenangst ein. Jeder windige Polizist spielt sich als kleiner Despot auf 
und betrachtet die gewhnlichen Sterblichen als eine Art Tiere. Der 
Traubenverkufer bekam es mit der Angst zu tun und schenkte dem 
Bullen die Hlfte seiner Frchte.

Ich machte mich eilends aus dem Staub und folgte der Strasse, auf die 
ich vorher gezeigt hatte. Nach einer Meile berkam mich abermals die 
Mdigkeit. Ich dachte mir, die Polizei habe sicher wie blich an den 
Ein- und Ausfahrten zu den Stdten und den grossen Wohnbezirken 
Wegsperren errichtet. Am besten versuchte ich wohl, per Anhalter 
weiterzukommen und vor der nchsten grsseren Stadt, Bouznika, 
auszusteigen. 

Ich ging zur Hauptstrasse und stoppte einen Wagen an, der sich als 
nichtregistriertes "Privattaxi" erwies. Der Chauffeur nannte den Fahr-
preis. "Einverstanden", meinte ich, "aber unter der Bedingung, dass du 
einen Kilometer vor Bouznika anhltst". "Warum denn das?" wollte er 
wissen. "Weil ich keinen Ausweis bei mir habe", erklrte ich. Etwa 
einen Kilometer vor der Stadt bat ich ihn, anzuhalten, aber er wollte 
nicht hren. Ich wiederholte meine Bitte, stiess jedoch auf taube Ohren. 
Er fuhr bis zu der von der Polizei errichteten Sperre. In der Schlange 
vor uns warteten vielleicht zehn Autos. Mein Chauffeur reihte sich 
nicht in die Schlange ein, sondern fuhr an dieser vorbei direkt zu den 
Polizisten. Deren Chef geriet in Rage und herrschte ihn an: "Mach 
bloss, dass du wegkommst, du Bldmann, das nchste Mal wartest du 
geflligst wie alle anderen." Der Chauffeur liess sich das nicht zweimal 
sagen. Ich begreife bis heute nicht, warum sie mich nicht kontrolliert 
haben. 
                                                    107
Ohne weiteren Kommentar brachte ich ihn dazu, ins Zentrum von 
Bouznika zu fahren und mich dort abzusetzen. Von dort aus ging ich 
sofort in Richtung eines Waldes weiter. Meine Sandalen zerfielen, und 
ich setzte meinen Weg barfuss fort. Meine Fsse schmerzten, aber ich 
gnnte mir keine Rast. Es wurde so dunkel, dass ich kaum noch die 
Hand vor den Augen sah, doch ich hrte das Rauschen des Atlantiks, 
denn ich war nun wieder nahe bei der Kste.

Ich gab mich allerlei Trumereien hin. Knnte ich doch wie ein Vogel 
wegfliegen! Jenseits des Atlantiks lockte die Freiheit! Wie sollte ich 
bloss von hier wegkommen? Nur eine unendliche Wasserde trennte 
mich von der Freiheit. Noch heute, nach so vielen Jahren, kehrt dieser 
Traum bisweilen wieder, und ich flchte vor der marokkanischen 
Polizei, die mir dicht auf den Fersen ist. Dieses Erlebnis hat dazu 
gefhrt, dass ich alle Grenzen zwischen Lndern und Vlkern 
verabscheue, und ich sehne den Tag herbei, wo diese Grenzen der 
Vergangenheit angehren. 

Das ist natrlich noch eine Utopie. Doch viele heute Wirklichkeit 
gewordene Menschenrechte waren frher Utopien. Als ich lange nach 
den hier geschilderten Ereignissen einmal vom schwedischen Dalarna 
nach Norwegen fuhr, ohne irgendwelchen Grenzpolizisten zu 
begegnen, war ich richtig glcklich. Ich trume von dem Tag, an dem 
die Grenzen zwischen den islamischen Lndern verschwinden. Europa 
ist auf diesem Wege bereits weit fortgeschritten. Alle Zivilisationen, 
Kulturen und Religionen sollten nach mehr Freiheit und weniger 
Verboten streben. Ich habe mich stets als Weltenbrger betrachtet und 
befrworte eine internationale Zusammenarbeit gegen jene Machthaber, 
die ihre Vlker knechten. Schliesslich arbeiten die Diktatoren auch ber 
die Grenzen zusammen, um den Freiheitswillen der Vlker in Schach 
zu halten.

Nach dem gescheiterten Skhirat-Putsch lieferte die algerische Polizei 
zwei Offiziere, denen die Flucht ber die algerische Grenze gelungen 
war, an Marokko aus. Und auch das ach so demokratische England 
sandte zwei Offiziere, die mit einem Hubschrauber nach Gibraltar 
geflohen waren, nach Marokko zurck. Sie wurden spter fsiliert, weil 
sie das Verbrechen begangen hatten, fr die Freiheit zu kmpfen.

                                                    108
Die Hunde bellten im Dunkel der Nacht. Ich war todmde und legte 
mich auf dem Strand zur Ruhe. Es war recht kalt, und der Sand war 
etwas feucht. Trotz des andauernden Hundegebells und des Brausens 
des Atlantiks schlief ich einige Stunden lang tief. Es war immer noch 
dunkel, als ich erwachte. Ich grbelte abermals ber meine Lage nach. 
Aus dieser Not kann mich nur Gott retten, dachte ich; ich stand auf, 
obgleich es immer noch finster war, verrichtete mein Morgengebet und 
flehte zu Gott um Hilfe. 

Schliesslich, so sagte ich mir, hatte ich als Moslem nur meine Pflicht 
erfllt, indem ich mich dem "Jihad" anschloss, ist dieser doch die 
grsste und bedeutendste Pflicht, die der Koran dem Glubigen 
auferlegt. Der islamische Kalender beginnt mit einer Flucht, der Flucht 
des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina, wo er Zuflucht 
vor seinen Widersachern suchte. 

Gottes Gesandte Jesus und Mohammed sind immer meine Vorbilder 
gewesen. Sie fhrten ihren Kampf gegen das Bse in einer Welt von 
Feinden, in der die Krfte der Finsternis die Oberhand hatten und die 
breite Masse gleichgltig und passiv war. Die Situation in den heutigen 
"islamischen" Staaten gleicht in mancher Hinsicht der "Jahilia", jener 
vom Propheten Mohammed bekmpften korrumpierten und 
dekadenten Gesellschaft, in der die Menschen Gtzen anbeteten. Das 
Wort "Jahilia" bedeutet "Ignoranz" oder "Obskurantismus".

Schon als Kind, spter als Student, Lehrer und schliesslich als Offizier 
hatte ich einen stetigen Kampf gefhrt. Dessen Ziel bestand nicht darin, 
Karriere zu machen und auf Kosten der Armen in die oberen 
Gesellschaftskreise aufzurcken, sondern darin, das System zu 
verndern - durch den Kampf gegen Tyrannei und Diktatur, fr 
Freiheit und Gerechtigkeit. Ich entdeckte, dass der Ausdruck 
"Gerechtigkeit" in Marokko eine leere Phrase war. Wer ein Gewissen 
hatte, konnte sich in einer Gesellschaft nicht glcklich fhlen, die von 
Strolchen, Narren und Galgenvgeln regiert wurde. Die Hunde, die ich 
im Dunkel bellen hrte, erinnerten mich an jene Hynen, die mein 
Land ausplnderten und nun hinter mir her waren.


                                                    109
Im Morgengrauen setzte ich meine Flucht nach Sden fort. Ungefhr 
um zehn Uhr kam ich nach Mohamedia, eine kleine Stadt an der Kste, 
nicht allzu weit von Casablanca entfernt. Ich sah wie ein Landstreicher 
aus. Meine Kleider waren feucht und verschmutzt. Ich begab mich ins 
Stadtzentrum, um eine Djebella (so heisst das marokkanische 
Nationalgewand) zu kaufen und um in einem schmierigen 
Fischrestaurant, das ich in einem Slum entdeckte, einen Imbiss zu mir 
zu nehmen. Die Leute sassen am Tisch dichtgedrngt nebeneinander, 
und ich hrte nun, dass man vom "Putsch" sprach. Aufgrund des 
Polizeiterrors sind die Menschen gezwungen, sich zu verstellen, denn 
sie frchten und misstrauen einander und wagen es nicht, ber "Politik" 
zu reden.

In meine Djebella gehllt, die mir das Aussehen eines jungen 
Bauernburschen auf dem Weg zum Markt verlieh, setzte ich meine 
Reise nach Casablanca fort. Es war Abend, als ich dort eintraf. Ich 
dachte an jenen Tag in meiner Kindheit zurck, als ich das erste Mal 
nach Casablanca kam: ohne die leisteste Ahnung, wo ich wohnen sollte, 
rechtlos und einer unbekannten Zukunft ins Gesicht blickend.

Ich ging nun zum Strand, um fr die erste Nacht ein Zelt zu mieten. In 
einem Hotel konnte ich unter keinen Umstnden bernachten, denn 
selbst die erbrmlichsten Kaschemmen standen unter Polizeikontrolle, 
und zudem hatte ich zuwenig Geld. Verwandte oder Freunde 
aufzusuchen war mich gleichfalls verwehrt, denn das Risiko war 
einfach zu gross; die Polizei hatte sicher schon herausgefunden, mit 
wem ich verwandt und bekannt war, und es war damit zu rechnen, dass 
sie diese Leute schrfstens berwachte. In Marokko will jedermann bei 
der Polizei und den Machthabern schn Wetter machen, aber 
Oppositionelle meidet man wie die Pest.

Als ich zum Strand kam, war es bereits recht spt. Die betreffende 
Stelle heisst Ain Diab. Ich legte mich einfach nahe beim Meer in den 
Sand. Dort konnte ich jederzeit verhaftet werden. Bis jetzt hatte ich 
Glck gehabt, aber ich wusste, dass mein Leben an einem verflucht 
dnnen Faden hing.



                                                     110
Einen langfristigen Plan zu entwickeln war sehr schwierig, und zwar 
vor allem deshalb, weil ich fast mittellos war. Einen Ausweis besass ich 
auch nicht. Ich musste buchstblich von Stunde zu Stunde 
improvisieren. Am nchsten Tag kaufte ich mir eine Percke, die vier 
Fnftel meiner Barschaft verschlang. Ich hatte nun nur noch eine 
minime Summe in der Tasche. 

Mit der Percke auf dem Kopf ging ich dem Strand entlang zu einer 
Stelle, wo mehrere Felsen beieinanderstehen. Die Stelle liegt sdlich 
von Casablanca und heisst, wie bereits erwhnt, Ain Diab. Tagsber 
kann man zu Fuss zu jenen Felsen gelangen, doch in der Nacht steigt 
das Wasser so, dass sie ein kleines Eiland bilden. Hier wrde ich nachts 
sicher sein, dachte ich. Inmitten der Felsen befand sich das Grab eines 
"Marabout", eines Heiligen. Man konnte auch Zelte mieten. Dort hatte 
man bestimmt seine Ruhe vor Polizisten und anderen lstigen 
Zeitgenossen, versuchte ich mich selbst zu beruhigen.

Der Schlafplatz im Zelt kostete eine sehr bescheidene Summe, nur ein 
Vierzigstel dessen, was ich fr die Percke bezahlt hatte. Ich schlief 
sogleich ein, doch wurde ich jh aus dem Schlaf gerissen - offenbar 
gingen da einige Leute von Zelt zu Zelt. Ich hrte, wie sie nach 
Ausweispapieren fragten. Sie hatten eine Taschenlampe. Was sollte ich 
nun bloss tun? Wenn ich das Zelt verliess, wrden sie mich sofort 
entdecken. Es blieb mir nichts anderes brig, als auf sie zu warten. Ich 
nahm mir vor, mich nicht widerstandslos zu ergeben. Ich wrde 
versuchen, einem der Gendarmen die Waffe zu entreissen. Wenn ich 
ihnen in die Fnge geriet, waren meine Tage gezhlt, und mein Tod 
wurde nach qualvoller Folter erfolgen. Die kriegen mich nicht lebend, 
schwor ich mir. 

Ich hrte, dass sie auf dem Weg zu meinem Zelt waren. Als sie 
hereintraten, tat ich so, als ob ich schliefe. Sie leuchteten mir mit der 
Taschenlampe ins Gesicht. Ich hatte die Percke auf dem Kopf. Wie 
durch ein Wunder lschten sie die Taschenlampe, schlossen den 
Zelteingang wieder und gingen zum nchsten Zelt, wo sie wiederum 
gebieterisch nach Ausweispapieren verlangten. Ich kann mir bis zum 
heutigen Tage nicht erklren, weswegen sie nicht nach meinen Papieren 
gefragt haben. Es war Gottes Wille, dachte ich. 

                                                     111
Am folgenden Tage kehrte ich ins Zentrum von Casablanca zurck. 
Zuallererst bentigte ich etwas Geld. Ich beabsichtigte einen 
Kameraden aufzusuchen; er hiess Mesfioui und war UNFP-Mitglied. 
Zusammen mit einem anderen Militanten, Omar Ben Jelloun, hatten 
wir derselben Parteisektion im Quartier Derb Ghalef angehrt. Mesfioui 
war schon zur Kolonialzeit ein bekannter Widerstandskmpfer 
gewesen. Nachdem ich Offizier geworden war, hatte ich die 
Verbindung mit ihm verloren. Wir hatten uns seither nur ein einziges 
Mal bei einer  Parteiveranstaltung getroffen, und zwar rein zufllig. Da 
ich ihn nur als Genossen in einer kleinen Parteisektion kannte, nahm ich 
an, dass die Behrden nichts von unserer Bekanntschaft wussten. Ich 
erinnerte mich, dass er im Viertel Maarif in Casablanca wohnte, wo ich 
einst als Kind gearbeitet hatte. 

Als ich ihn aufsuchte, trug ich meine Percke. Ich klingelte. Ein Kind 
ffnete die Tr. Ich sagte ihm, ich wolle Mesfioui besuchen. "Wer sind 
Sie?" fragte das Kind. "Mohamed Alaoui", entgegnete ich. Dies war 
der Name eines bekannten Journalisten der "oppositionellen" Zeitung 
Al-Moharir. Ich kannte ihn nicht persnlich, wusste aber, dass Mesfioui 
in Verbindung mit ihm stand und dass sein Name mir ntzlich sein 
konnte.

Mesfioui kannte mich nicht wieder. Er blickte mich verwundert an. 
Unaufgefordert trat ich ein, nahm die Percke ab und stellte mich als 
Ahmed vor. Dann erzhlte ich ihm alles. Er war sehr aufgeregt und 
verngstigt und sagte: "Du willst mich ins Verderben reissen. Du willst 
mich ihnen ans Messer liefern. Warum kommst du ausgerechnet zu 
mir?" fragte er erbittert. "Ich brauche deine Hilfe, ein wenig Geld oder 
einen guten Rat. Kannst du mir sagen, wie ich mich aus dieser Lage 
retten kann?" sagte ich. Er dachte eine Weile nach und sagte etwas 
ruhiger, aber immer noch in gereiztem Ton: "OK, kannst du in einer 
Stunde zurckkommen?" Ich kehrte nie wieder zu ihm zurck. 

Einige Monate spter erfuhr ich, dass der Knig ihn als seinen 
persnlichen Stellvertreter an irgendeinen Kongress in Beirut geschickt 
hatte. Vermutlich ging er, sobald ich sein Haus verlassen hatte, gleich 
zur Polizei und verriet mich dort. Meine Intuition hatte mich nicht im 
Stich gelassen.

                                                    112
Nun suchte ich einen anderen Bekannten auf, den ich allerdings nicht 
sehr oft getroffen hatte. Er war Anwalt, tief religis und 
grundanstndig. Politisch war er nicht aktiv. Er empfing mich sehr 
freundlich, hatte aber nur eine kleine Summe - 400 Dirham - bei sich. 
Ich sollte am folgenden Tag wiederkommen, sagte er, dann knne er 
mir mehr Geld geben. Ich nahm die 400 Dirham, wollte aber nicht 
wiederkommen.

Abermals ging ich zum Strand hinunter, aber nicht an die gleiche Stelle 
wie zuvor. Auch dort wurden Zelte vermietet. Doch der Wchter 
erklrte mir, man knne sie nur tagsber mieten, nicht fr die Nacht. 
Ich machte ihm weis, ich sei ein mausarmer Student aus Marrakesch 
und habe nicht genug Geld fr ein Hotel. Darauf meinte er, ich drfe in 
seinem eigenen Zelt bernachten, das nahe bei seinem Haus aufgestellt 
war. Ich willigte sofort ein. Er lud mich auch zum Abendessen ein. 

Whrend wir bei Tisch sassen, trat sein Bruder ein. Ich wurde diesem 
als Student aus Marrakesch vorgestellt, der hier auf Besuch sei. Die 
beiden Brder begannen ber den "Putschversuch" zu reden, der zu 
jener Zeit in aller Munde war. Der Bruder erwies sich als Mitglied der 
Geheimpolizei. Er erzhlte, die Gendarmen seien einem Offizier auf 
den Fersen, der am Putsch beteiligt gewesen und dann "desertiert" sei. 
"Es gibt in ganz Marokko keinen Bullen, der nicht nach dem 
Brschchen Ausschau hlt", lachte er.

Ich mischte mich nicht in ihr Gesprch ein, sondern gab ihnen zu 
verstehen, dass ich mich nicht fr Politik interessiere. Als ich mich 
erhob, um mich auf den Weg zu meinem Zelt zu machen, anerbot mir 
der Gastgeber, ich knne ein paar Tage bei ihm wohnen, wenn ich 
wolle. Platz gebe es genug. Ich nahm das Angebot ohne zu Zgern an. 
Bei einem Polizisten, oder dem Bruder eines Polizisten, zu wohnen, 
war der beste Schutz, den ich mir denken konnte. Niemand wrde da 
auf den Gedanken kommen, der geflchtete Offizier knnte letzten 
Endes ich sein. Mein Gastgeber war Junggeselle und arbeitete als 
Kriminalinspektor bei der Sicherheitspolizei. 




                                                     113
Ich blieb zwei Tage bei ihm. Es galt nur zu verhindern, dass mich 
jemand erkannte, wenn ich tagsber draussen in der Stadt war. Ich trug 
immer noch meine Percke und liess mir einen Bart wachsen. 
Nachdem ich mich von dem Polizisten verabschiedet hatte, suchte ich 
eine Gruppe von Jugendlichen auf, die ein paar Monate zuvor mit mir 
per Anhalter nach Rabat gefahren waren. Ich wusste, wo sie wohnten, 
und niemand war ber unsere Bekanntschaft unterrichtet.

Es handelte sich um zwei Jungen und drei Mdchen, die whrend der 
Sommerferien zusammen wohnten. Abends hatten sie jeweils 
zahlreiche Besucher. Sie lebten in einer Villa; ihre Eltern waren im 
Ausland. Alle nannten sich "Maoisten". Das war damals gross in Mode, 
so wie Jeans und lange Haare. An den Wnden hingen Bilder von Mao 
Tse Tung und Che Guevara. Was fr seltsame Maoisten diese jungen 
Leute doch waren! Sie nahmen Drogen und haschten fleissig. Die 
meisten waren verzrtelte Gren, und ihre Eltern hatten Geld wie Heu. 

Ich lehnte dankend ab, als sie mir Haschisch anboten. Als ich meine 
Gebete sprach, verhhnten sie mich. Sie nannten mich einen 
"Reaktionr". "Religion ist Opium fr das Volk", kommentierten sie 
meine Gebete altklug. Abends fhrten sie spiritistische Sitzungen durch 
und vesuchten Glser mittels Gedankenkraft zu heben. Sie hatten nichts 
anderes im Kopf als Hokuspokus, Hasch, Schnaps und Wein. Ob ich 
Mao kenne, wollten sie wissen. "Ja", antwortete ich. "Aber wenn sich 
der Chinesenmao mit Haschisch abgegeben htte, wre ihm seine 
Revolution nie geglckt."

Ich dachte lange ber den geistigen Zustand der marokkanischen 
Jugend nach. Als sich Mao und Lin Biao in China zerstritten, spalteten 
sich die Marxisten an der Universitt Rabat ber Nacht in Maoisten und 
Linbiaoisten auf. Kam es hingegen in Marokko zum Bruch zwischen 
Ben Barka und Ben Sedik, war aus China nichts von einem Zwist 
zwischen Benbarkaisten und Bensedikisten zu hren. Dieses Beispiel 
zeigt, wie wir in der Dritten Welt von importierten Ideologien abhngen 
und wie sehr es unseren Linken an Verankerung in unserer eigenen 
Realitt fehlt. 



                                                   114
Unsere linksgerichteten Jugendlichen waren stolz auf die Revolutionen 
Maos und Castros, doch sie selbst palaverten nur und gaben sich den 
Freuden des Haschisch hin. Sie waren ideale Objekte fr die 
ideologische Invasion aus dem Westen. Wenn unsere Universitten und 
Schulen solche Jugendlichen hervorbringen, ist es wohl besser, die 
Universitten und Schulen zu schliessen und eine radikale kulturelle 
und ideologische Revolution zu entfesseln. 

Ich bin wohlverstanden kein Feind der westlichen Kultur und 
Zivilisation. Doch ehe wir Muselmanen mit dieser friedlich koexistieren 
knnen, mssen wir uns auf unsere eigenen Wurzeln besinnen. Was wir 
von Westen bernehmen, ist nicht das Positive, sondern das Negative, 
nmlich Schund und Dekadenz. Wir produzieren nicht, sondern 
konsumieren lediglich. Wir sind nicht die Akteure der Geschichte, 
sondern deren Objekte. Weder kulturell noch politisch fhren wir eine 
eigene Existenz. 

Noch so viele Mao- und Che-Guevara-Bilder an den Wnden und noch 
so viele gelehrte Bcher knnen nichts daran ndern, dass die 
Aktivitten unserer Linken nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatten. Sie 
sassen vor ihren Mao- und Guevara-Portrts und bildeten sich ein, sie 
seien politisch ttig. Wenn sie diese Sturm-und-Drang-Phase glcklich 
hinter sich gebracht und sich die Hrner abgestossen haben, treten sie 
dann als Funktionre in den Dienst des kniglichen Palastes und 
werden bei den Regimeparteien zu "Volksfhrern".

Ich blieb drei Tage lang bei ihnen. Sie brachten mir bei, wie man neue 
Jeans so behandelte, dass sie alt und gebraucht aussahen. Dieses 
Kunststck erreichte man mit Hilfe von Bleichungsmitteln, 
Metallbrsten und Wasser. Sie waren steinreich, wollten aber gerne wie 
arme Schlucker wirken. Sie gehrten zu jenem vielleicht einem Prozent 
der Jugendlichen, denen alle Ausbildungsmglichkeiten offenstanden, 
und bereiteten sich auf ihre Aufgabe als revolutionre Fhrer ber uns 
elenden Reaktionre vor. Auf diese Weise bleibt die Macht nach der 
"Revolution" bei den gleichen Familien und gesellschaftlichen 
Schichten.



                                                    115
Ich verliess sie, um nicht die Aufmerksamkeit der Nachbarn auf mich 
zu ziehen. Doch mein kurzer Aufenhtalt bei ihnen erffnete mir einen 
Einblick in die Art und Weise, wie der Marxismus von konservativen 
Krften ausgenutzt wird, um die Macht unter anderen Parolen und 
unter neuer Flagge zu behalten.

Was dann geschah, darf und will ich nicht enthllen. Ich wohnte an 
vielen verschiedenen, ber das ganze Land verstreuten Orten, und zwar 
in sehr schweren Verhltnissen. Auch heute gilt es jene zu schtzen, die 
mir damals beigestanden sind, so dass ich keine Einzelheiten verraten 
darf. Sobald die Umstnde es zulassen, werde ich die Ereignisse jener 
Zeit schriftlich niederlegen.

Bis Mrz 1973 beteiligte ich mich an den Vorbereitungen fr 
verschiedene Guerillaaktionen im Atlasgebirge. Leute vom radikalen 
Flgel der UNFP hatten sich in kleinen Partisanengruppen zusammen-
gefunden, die berflle auf die Sttzpunkte der Sicherheitskrfte auf 
dem Lande durchfhrten. Die erste solche Aktion fand am 3. Mrz 
1973 statt, als die Widerstandskmpfer einige Polizeistationen im 
Mittleren Atlasgebirge angriffen. Das Unternehmen schlug fehl, und 20 
Partisanen kamen dabei um. Ich selbst war als ideologischer Berater 
und Instrukteur in Guerrillataktik ttig. Ich misstraute den UNFP-
Fhrern, weil diese Marxisten waren und leicht von der Polizei 
infiltriert werden konnten. Fr mich war jedes marxistisch-leninistische 
Regime in Marokko vollkommen unakzeptabel.

Unsere vlkische Ideologie, Kultur und Religion ist der Islam. Dieser 
gewhrleistet unsere kulturelle und politische Selbstndigkeit. Der 
Marxismus ist ein Teil der europischen jdisch-christlichen Denkweise 
und Ziviliation. Bei uns fhrt er nur zu Tragdien, wie etwa die 
tragischen Beispiele Afghanistans und des Sdjemen beweisen. Dort 
knnen sich die einheimischen Marxistenregime nur durch auslndische 
Mililtrhilfe an der Macht halten. Dass die erwhnten Guerrillaaktionen 
scheiterten, lag daran, dass die bewaffneten Widerstandsgruppierungen 
von "Marxisten" infiltriert waren, bei denen es sich in Tat und Wahrheit 
um Polizeispitzel handelte. 



                                                  116
Ich verbarg mich einige Zeit in den Bergen. Die Lage fr mich wurde 
immer gefhrlicher, weil mehrere andere Partisanen in Gefangenschaft 
geraten waren. Zudem wurden die politischen Gegenstze zwischen 
meinen Kampfgefhrten und mir selbst immer schroffer. Der 
Marxismus war nicht zu Lenins Zeiten in die arabische Welt 
eingedrungen, sondern erst sehr viel spter, zu einem Zeitpunkt, wo die 
UdSSR imperialistische Expansionspolitik betrieb. Er hatte also recht 
eigentlich kolonialen Charakter. Seine Apostel waren Missionaren mit 
ihren Bibeln vergleichbar. 

Die Marxisten analysieren nicht etwa die tatschlichen Probleme auf 
wissenschaftliche Weise, um Lsungen dafr zu erarbeiten, sondern sie 
kommen mit fertigen Lsungen und suchen dann angestrengt nach den 
dazu passenden Problemen. Im Sdjemen, in Oman und in der 
marokkanischen Sahara wittern sie einen "Klassenkampf", obschon dort 
nur arme Beduinen leben. 

Unsere Marxisten sind dumme Papageien. Es mag ja sein, dass der 
Marxismus in Europa einen organischen Bestandteil der jdisch-
christlichen Kultur und Philosophie darstellt, doch in der arabischen 
und ganz allgemein der islamischen Welt bilden die Marxisten lediglich 
einen Teil der kolonialen Invasionsarmee; sie sind, bildlich gesprochen, 
Soldaten und Missionare. Ohne sich dessen gewahr zu werden, sind sie 
Werkzeuge eines kulturellen, intellektuellen und philosophischen 
Imperialismus.

Ich trumte davon, nach Schweden zu fliehen. Nie gingen mir die 
Worte des Polizeichefs aus dem Sinn, der mich und andere Lehrer 
wegfuhr, als wir die Auszahlung unserer Lhne verlangten. "Meine 
Herren, bilden Sie sich denn eigentlich ein, wir seien hier in 
Schweden?" hatte er gehhnt. Seit jenem Tage dachte ich an 
Schweden; ich hatte einiges ber das Land gelesen und wollte nun 
dorthin flchten und um politisches Asyl bitten, bis sich die Zeiten 
besserten. Wenn man mich gefangennahm, wrde ich auch meine 
Freunde mit mir in den Abgrund reissen, die immer noch in der Armee 
dienten; ich wrde sie unter der Folter verraten. Auf Wegen, die ich 
nicht enthllen darf, glckte es mir, via Paris nach Schweden zu 
gelangen.

                                                  117
Das  Schicksal  General  Dlimis

Nach der Flucht aus Marokko teilte ich der Presse unterschiedliche 
Versionen darber mit, wie ich das Land verlassen konnte. Dies war ein 
gezielter Versuch, die Polizei irrezufhren und meine Helfer zu 
schtzen. Unter jenen gab es auch einige hochrangige Offiziere; 
General Dlimi war beispielsweise einer von ihnen. 

Wohl stand ich nicht in direktem Kontakt mit diesem, aber er gehrte 
zur Bewegung der "Freien Offiziere", meinen alten Freunden, die mit 
ihm ber meine Lage sprachen. Viele Offiziere hatten ja guten Grund, 
sich vor meiner Verhaftung zu frchten, und halfen mir nicht zuletzt in 
eigenem Interesse.

Im Dezember 1982 hielt sich der marokkanische General Ahmed Dlimi 
unter falscher Identitt in Stockholm auf. Wir sprachen ber die 
politischen Strmungen innerhalb des Heeres vor dem geplanten Putsch 
im Juli 1983. Im Februar des kommenden Jahres wollten wir uns in 
London wieder treffen; in jenem Monat wrde Dlimi in Begleitung des 
Monarchen dort auf Staatsbesuch sein.

Am 25. Januar 1983 verbreiteten Rundfunk und Fernsehen in Marokko 
folgendes offizielle Kommuniqu: "Verkehrsunfall in Marrakesch. Auf 
der Fahrt zu seiner Wohnung stiess Dlimi mit einem Lastwagen 
zusammen und fand den Tod." Hassan fand traurige Worte ber Dlimis 
Hinschied. In Wirklichkeit hatte er ihn umbringen lassen.

General Ahmed Dlimi arbeitete mir den "Freien Offizieren" zusammen, 
einer Bewegung, die als ersten Schritt der Revolution die Monarchie 
abschaffen wollte. Trger der Bewegung sind junge Offiziere, die 
politisch denken knnen und meist auf eine Vergangenheit als 
Parteimitglieder zurckblicken knnen. Als Gymnasiasten hatten wir bei 
den Krawallen und Revolten der sechziger Jahre unsere ersten 
Erfahrungen mit der Armee gemacht. In den siebziger Jahren 
infiltrierten wir diese dann. Dort spielten sich die wichtigsten politischen 
Kmpfe ab.



                                                   118
Dlimi war der Chef des Armeesicherheitsdienstes im Ausland und 
obendrein Oberkommandant der militrischen Zone Sd, wo die 
marokkanische Armee gegen die Polisario kmpfte. Er gehrte auch 
dem kniglichen "Militrrat" an. In der Pressepropaganda stand er nur 
um einige Stufen hinter dem Knig selbst zurck, und er war der 
bekannteste Soldat des Regimes.

Wie viele hhere Offiziere hatte sich Dlimi auf ein Doppelspiel 
eingelassen; er war knigstreu und zugleich ein immer heftigerer 
Widersacher des Gewaltherrschers. In seiner Position konnte er keine 
persnlichen Direktverbindungen mit den oppositionellen Offizieren 
pflegen. Aus diesem Grund fungierte ich als Verbindungsglied. 

Hchstwahrscheinlich wurde Dlimi berwacht. In Stockholm suchte er 
lediglich mich auf. Bei einem frheren Besuch in der schwedischen 
Hauptstadt, die er damals unter seinem eigenen Namen und mit seinem 
eigenen Pass besuchte, wohnte er u.a. im Grand Hotel. Trotz aller 
Vorsichtsmassnahmen sind wir vielleicht beschattet worden. 

Mitte Januar wurde eine Reihe hherer Offiziere festgenommen. Er 
ahnte, dass sein Doppelspiel vielleicht schon aufgedeckt war. Dem 
Knig wurde ein Dossier ber ihn vorgelegt. Vermutlich enthielt dieses 
auch Aufnahmen, welche unser Zusammentreffen in Stockholm 
bewiesen. Am 25. Januar wurde Dlimi anlsslich eines Besuchs im 
Palast mit dem Dossier konfrontiert. Nach Verhr und Folter starb er 
im kniglichen Palast. Der Autounfall wurde spter am Abend 
arrangiert.

Diese Informationen habe ich direkt aus Marokko. Die nchste 
Umgebung Hassans, wozu auch auslndische Geheimdienstleute 
gehren, kennen die Umstnde von Dlimis Tod sehr wohl. Die 
Mrchengeschichte vom Autounfall wurde aufgetischt, um die Tatsache 
zu vertuschen, dass es in der Armee und sogar unter den engsten 
Mitarbeitern Hassans grt.




                                                   119
Der "Le Monde"-Korrespondent in Rabat usserte seine Zweifel an der 
Autounfallgeschichte und wurde flugs des Landes verwiesen. Laut der 
offiziellen Version wurde Dlimis Auto vom Direktor eines Reisebros 
gelenkt. Der Direktor, ein Angehriger der Geheimpolizei, wurde 
danach vom Knig auf eine Pilgerfahrt nach Mekka geschickt und 
verschwand spter spurlos. 

Auch der Lastwagen und dessen Fahrer lsten sich in Luft auf. Dlimis 
Sarg wurde direkt vom Knigspalast zu einem besonderen Friedhof 
geschafft. In Marokko kursieren sogar Gerchte, die besagen, er sei 
immer noch am Leben und werde in einem der privaten Verliese 
Hassans des Zweiten gefangengehalten.

In arabischsprachigen Radioprogrammen, am franzsischen Fernsehen 
sowie in "Le Monde" vom 24. Februar 1983 enthllte ich die Wahrheit 
ber Dlimis "Unfall" und den geplanten Putsch vom Juli 1983.

Nach seinem heimlichen Besuch in Stockholm wollte Dlimi das 
Putschdatum vorverschieben, weil er den Verdacht hegte, der Knig 
plane umfassende Rochaden innerhalb der Armee. Hassan der Zweite 
ist kein Operettenknig. Er arbeitet aktiv im Generalstab mit und 
umgibt sich mit zahlreichen Sicherheitsdiensten: dem der Polizei, der 
Gendarmerie, der Armee sowie schliesslich dem hofeigenen 
Geheimdienst. Sie alle arbeiten engstens mit anderen Geheimdiensten 
zusammen. Marokko ist eine Einmanndiktatur, und der Monarch ist auf 
allerhchste Sicherheit erpicht. 

Nach Dlimis gewaltsamem Ableben wurden rund 15 Offiziere 
verhaftet, von denen drei hingerichtet wurden. Die Zensur verhindert, 
dass das Volk vom Ausmass des Terrors erfhrt. Ich hoffe nur, dass 
meine Enthllungen trotzdem irgendwie in mein Land gelangen. Frher 
oder spter wird dies nicht mehr zu verhindern sein. Die Wahrheit ist 
die Waffe der Opposition.






                                                     120
Der  Knig  ist  nackt !

Bis zu den Putschversuchen von 1971 und 1972 war der Knig weit 
mehr als ein gewhnlicher Sterblicher gewesen. Der Knig von 
Marokko, erst Mohamed V, dann Hassan II, war eine Institution, die 
mit der Geschichte und den Traditionen des Landes verknpft war. Die 
Monarchie wirkte fr den Normalbrger erhaben und unnahbar, 
doppelt faszinierend durch den Luxus und berfluss, mit dem sie sich 
umgab.

Aber innerhalb einiger Stunden am Nachmittag des 10. Juli 1971 war 
das Trugbild wie ein Spuk verflogen. Das ganze offizielle Marokko 
konnte mitansehen, wie sich der Halbgott auf dem Aborte zu 
verkriechen suchte und diesen mit erhobenen Hnden verliess, whrend 
ihn ein einfacher Soldat mit seiner Maschinenpistole vor sich hertrieb. 
Man sah auch, wie sich derselbe Knig an einer Mauer auf den Boden 
setzte, klein und unscheinbar inmitten einer aufgewhlten Menge, so 
dass jene, die ihn zu tten planten und ihn suchten, um seine Exekution 
zu filmen, ihn nicht wiedererkannten! Welch unaussprechliche 
Demtigung!

Die Schilderung jener denkwrdigen Ereignisse verbreitete sich in 
Windeseile ber ganz Marokko und hinterliess beim einfachen Volk 
einen gewaltigen Eindruck. Man konnte also in den Palast eindringen, 
den Knig erniedrigen und ihm stundenlang Todesangst einjagen! 
Einfache Soldaten hatten das fertiggebracht. Wohl berlebte Hassan, 
doch er stand gewissermassen splitternackt auf der Bhne.

Diese Demontage seines Ruhms nahm ihren Fortgang. Sie begann 
gleich nach dem gescheiterten Putsch; berall, in allen gesellschaftlichen 
Kreisen, wurde das Geschehen offen und mit spitzer Zunge 
kommentiert. Alles, wovon man wusste, aber nicht zu sprechen wagte - 
Skandale, Korruption, politische Stmpereien - wurde nun unverblmt 
errtert. Ganz besonders eingehend sprach man ber das Privatleben 
des Knigs, manchmal mitleidsvoll, manchmal hasserfllt, doch niemals 
mit Achtung. Fr viele war es vorbei mit der Verehrung seiner Person, 
die zeitweise fast religise Zge angenommen hatte. 


                                                    121
Die Geschehnisse eines einzigen Tages hatten das ganze System radikal 
in Frage gestellt. Wie sollte dieses noch lnger funktionieren? Es fusste 
auf dem Prinzip eines unfehlbaren Knigs, der selbst alles entschied 
und die Macht persnlich ausbte, wobei er Institutionen wie das 
Scheinparlament als Fassade vor sich herhielt. 

Dieses "Parlament" vertrat keine eigenstndigen politischen Krfte und 
war im Grunde so berflssig wie ein Kropf. Die Minister wurden von 
Hassan ausgewhlt, ausgetauscht und abgesetzt, und mit den hheren 
Staatsbeamten verhielt es sich genau gleich. Hinsichtlich der exekutiven 
und legislativen Macht gab es grundstzlich zwei Wege: den normalen 
administrativen, dr allerdings stets blockiert war, und einen parallelen 
Weg, der direkt vom Knig zu seinen "Vollstreckern" fhrte, die an den 
formell Verantwortlichen vorbei walteten und schalteten. 

Dasselbe galt in hohem Grad auch fr das Heer. Dieses hatte seinen 
Stab, seine Hierarchie und seine Rnge. Neben der klassischen 
Organisation hatte der Knig sein eigenes System der direkten 
Verbindungen zu den einzelnen Militrregionen aufgebaut. Der 
Stabschef war nur eine Art Marionette. Die wirklichen Befugnisse lagen 
bei Gerneral Madbouh, der sich beim Putsch als "Csarmrder" 
erweisen sollte.

Wenn es um alltgliche Belange wie den Einkauf von Kartoffeln und 
Benzin ging, war der Stab zustndig. Ging es aber um 
Verproviantierung in grossem Massstab, umfassende Manver oder 
Waffenkufe, so wandte man sich ber Madbouh direkt an Hassan. 
Offiziere, die bei ernsthaften Versumnissen bestraft wurden, erhielten 
ihre Strafe vom Knig persnlich.

So funktionierte das System auch auf allen anderen Gebieten. Und das 
System hing davon ab, dass vom Mann auf dem Thron eine 
Ausstrahlung, eine Aura ausging, dass er der "Fhrer der Glubigen" 
und zugleich ein moderner, aufgeklrter Herrscher war.




                                                  122
Daraus ergaben sich immer wieder verwirrende Situationen. So liess 
Hassan einmal bei einer Versammlung, an der er nicht selbst 
teilzunehmen geruhte, zur Erffnungsfeier eine Rede verlesen. Dabei 
griff er einen aus dem 16. Jahrhundert stammende Brauch auf. Der 
delegierte Minister sollte das Blatt mit der Rede zweimal kssen, als sei 
der Knig selbst anwesend. Gleichzeitig wurden zwei Kolonnen mit 
Palastlakaien vor der Rede in den Saal geschickt. Sie verneigten sich 
und riefen: "Mge Allah den Knig bewahren." Das ganze erhebende 
Schauspiel wurde zur Erbauung des Volkes am Fernsehen ausgestrahlt. 
Vielleicht wunderte sich das Volk doch ein wenig ber den Minister, 
der drei Bltter Papier mit Statistiken abksste.

Abgesehen von solchen denkwrdigen Anekdoten mchte ich einen 
kurzen Versuch unternehmen, zu zeigen, wie das System funktionierte. 
Sein Grundgedanke war eine Rckkehr zu traditionellen, 
nichtislamischen dekadenten Werten. 

Wie bereits frher erwhnt, ist die monarchistische Staatsform nmlich 
mit dem Islam unvereinbar. Die unislamischen dekadenten Werte 
wurden ins Regierungssystem eingegliedert, indem man ganz einfach zu 
dem marokkanischen Feudalsystem "Makhzen" zurckkehrte - dieses 
existierte schon lange vor der Kolonialzeit und passte zu einer feudalen 
Stammesgesellschaft - und diesem eine usserliche neue Form verlieh. 
Dieses "Makhzen"-System beruhte auf dem Grundsatz, dass die Diener 
des Sultans - Kaiden, Berberhuptlinge, Provinz-gouverneure - ihren 
Lohn "direkt vom Volk" erhielten. Auf eine moderne Gesellschaft 
bertragen kann dies nur zu Korruption in riesenhaftem Ausmass 
fhren.

Nach der Skhirat-Revolte brachen die Dmme. Ein hsslicher Skandal 
nach dem anderen flog auf. Wre es allerdings nur um Skandale 
gegangen, und mochten sie noch so riesig sein, so htte man die Wogen 
noch gltten knnen. Man hatte einige lautstark orchestrierte 
Schauprozesse gegen die Verantwortlichen gefhrt, und alles wre 
beim alten geblieben. Das Dramatische lag darin, dass die Korruption 
wie ein Krebsgeschwr wucherte und das gesamte System infizierte. 
Eine Hand wusch die andere. Allseits anerkannter Meister im 
Schmieren war der Knig selbst. Wie sollte sich das Land da 
entwickeln?
                                                  123
Der rmste Bauer wusste ganz genau, dass er ein Huhn als Geschenk 
mitbringen musste, wenn er ein wenig Saatgut leihen wollte. Jeder 
Arbeiter wusste, dass die "Steuer" fr einen Pass 500 Dirham betrug, 
die man dem zustndigen Brohengst im Innenministerium diskret auf 
den Tisch legte. Jeder Marokkaner wusste, dass der Knig selbst der 
grsste Produzent von Zitrusfrchten im Lande war. Jeder, dem eine 
gewisse Verantwortung oblag, musste einsehen, dass ein Budget "mit 
tausend Lchern in tausend Taschen" keinen funktionstchtigen 
ffentlichen Dienst aufrechterhalten konnte.

Die Korruption fhrte dazu, dass alles und jedes verflscht war. Keine 
offizielle Ziffer war glaubhaft. Kein Mensch wusste, in welchen trben 
Kanlen die Staatsgelder versickert waren - nein, man wusste es nur 
allzugut. Whrend 14 Millionen Bauern und Arbeiter ber 45% des 
nationalen Einkommens verfgten, teilten sich 800'000 Privilegierte die 
brigen 55%. Und die Kluft zwischen arm und reich wuchs bestndig.

"Die Skhirat-Ereignisse waren fr uns keine Bombe, sondern ein 
Wecker", sagten manche Marokkaner. "Wir wussten, dass 
Vernderungen dringend erforderlich waren. Das Problem lag nur 
darin, dass wir nicht wussten, wie und wann."Andere Marokkaner 
vernahmen die Nachricht von den beiden Putschversuchen 1971 und 
1972 mit unglubigem Erstaunen. 
















                                                   124
Warum  das  Militr ?

Gewiss schien die Monarchie in Marokko kaum stabiler als die in 
anderen arabischen Lndern, doch das berraschende lag darin, dass 
die Revolutionsversuche von einer Seite kamen, wo man sie eigentlich 
nicht erwartet htte. Es war allgemein bekannt, dass Mohamed V und 
nach ihm Hassan II angelegentlich darauf bedacht waren, die 
bewaffneten Streitkrfte unter ihrer persnlichen Kontrolle zu behalten. 
Folglich sorgten sie dafr, dass die Soldaten keinen Grund zum Klagen 
hatten. Natrlich wurde auch einiges getan, um die Loyalitt der 
Staatsbeamten zu sichern. Wenn von dieser Seite bse berraschungen 
fr den Thron zu erwarten waren, dann am ehesten von Leuten in 
untergeordneten und nicht von solchen in fhrenden Stellungen.

Die Revolutionen in gypten, dem Irak und Libyen wurden von 
Hauptleuten und nicht von Generlen angefhrt. Diese jungen 
Offiziere, welche aus dem einfachen Volk stammten und aufgrund ihrer 
bescheidenen Besoldung genau wussten, wie das Volk lebte, wurden 
durch eine mehr oder weniger ausgeprgte islamische Ideologie 
inspiriert. Welche Ideologie beflgelte nun die Generle und Obersten, 
die am 10, Juli 1971 sowie am 16. August 1972 den Versuch zum 
Sturz des Tyrannenregimes unternahmen? Schliesslich lebten diese 
hohen Offiziere unter dem herrschenden System in erheblichem Luxus!

Was trieb diese Mnner, die ja alles zu einem konfortablen Leben 
Ntige und noch viel mehr darber hinaus ihr eigen nannten, die aber 
tagtglich einen noch viel berschwnglicheren Luxus mitansehen 
konnten, zu ihren Taten? Sie wurden mit Ehrenbezeugungen frmlich 
berhuft, doch um diese zu erlangen, mussten sie vor den in der 
Hierarchie ber ihnen Stehenden kriechen und sich demtigen. Wurde 
diese stndige Selbsterniedrigung mit der Zeit zuviel? Wollten sie mehr 
als nur Reichtum und immer neue Orden, genau wie so viele Offiziere 
in anderen arabischen Lndern? Die Antwort auf diese Fragen steht 
vielleicht in den Verhrprotokollen der Verhafteten und spter 
Hingerichteten. Es mag noch eine Weile dauern, bis uns diese 
Protokolle zugnglich sind. 



                                                   125
Nochmals: Welches waren die Motive der Putschfhrer und ihrer 
Helfer? Unter letzteren verstehe ich jene, die zwar nicht aktiv am 
Putsch beteiligt waren, aber auch nichts unternahmen, um ihn zu 
vereiteln, und einfach Gewehr bei Fuss abwarteten, wodurch sie sich 
objektiv auf die Seite der Putschisten stellten. Nur dank diesen stillen 
Helfern konnte eine Kolonne von 1400 Soldaten den langen Weg von 
Ahermoumou ber Fes, Meknes und Rabat nach Skhirat zurcklegen, 
ohne dass der Knig auch nur das Allergeringste davon erfuhr.

Hinsichtlich der am Skhiratputsch beteiligten Soldaten wartete Hassan 
mit zwei einander widersprechenden Erklrungen auf. Einerseits 
behauptete er, sie seien unter Drogeneinfluss gestanden, andererseits 
sagte er, ihre Fhrer htten den Soldaten weisgemacht, der Knig 
werde von einer Rebellion bedroht, und ihre Aufgabe sei es, ihn zu 
befreien und zu schtzen.

Dass die Soldaten unter Drogeneinfluss standen, ist reichlich 
unglaubwrdig. Wer Drogen genommen hat, erkennt vielleicht eine 
drohende Gefahr nicht, kann aber schwerlich dazu veranlasst werden, 
entgegen seinen tiefsten berzeugungen zu handeln. Die Zeugen, 
welche die Drogenthese vertraten, mgen in guten Treuen so ausgesagt 
haben. Doch ihre Aussagen basieren ja nur auf dem Eindruck, den die 
rebellierenden Soldaten auf sie hinterliessen; diese wirkten unnatrlich 
aufgeregt. 

Man bedenke jedoch, dass starke Emotionen (Gewaltbereitschaft, Hass 
oder Schmerz) leicht zu einem Verhalten fhren knnen, das dem 
durch Narkotika bewirkten gleicht. Wer die hysterischen Ausbrche der 
Menschen bei Nassers Begrbnis miterlebt hat, konnte leicht dem 
Irrglauben verfallen, diese Menschen seien auch unter Drogen 
gestanden.

Noch unglaubwrdiger wirkt die zweite Theorie. Dieser zufolge 
glaubten die jungen Soldaten, die im Knigspalast anwesenden Leute 
seien Verschwrer gegen den Monarchen. Doch waren die Gste 
allesamt hohe Staatsbeamte, die Champagnerglser und Teller mit 
geruchertem Lachs in den Hnden hielten. 


                                                    126
Es mag ja sein, dass ein paar der an der Revolte beteiligten Soldaten 
arglistig hinters Licht gefhrt worden waren, aber dies galt ganz gewiss 
nicht fr jene, welche sich zur Rundfunkstation begaben, um dort die 
Republik auszurufen. Was diese Mnner zu ihrem Vorgehen bewog, 
wre interessant zu erfahren. Bei einem solchen Putsch sucht man die 
Drahtzieher natrlich zuerst bei der politischen Opposition. In diesem 
Fall verhielt es sich aber keinesfalls so, und Hassan gab ohne 
Umschweife zu, dass die Opposition mit den Putschvorbereitungen 
nicht das Geringste zu schaffen hatte, auch wenn er andeutete, es 
bestehe eine indirekte Verbindung zwischen der Kritik an seiner 
Regierung und dem Putschversuch.

Bekanntlich steht die Istiqlalpartei immer noch hinter dem 
monarchistischen System. Schwieriger ist der Standpunkt der 
marxistischen UNFP zu definieren. Diese ist offiziell natrlich fr die 
Monarchie (sonst knnte sie ja nicht legal existieren), doch unter den 
Parteimitgliedern herrscht die berzeugung vor, dass die Monarchie 
der sicherste Schutz fr eben jene feudalen Machthaber ist, die man 
entmachten will und zudem den grssten Stolperstein auf dem Weg 
zum angestrebten "sozialistischen" System darstellt. Dieses ist nach 
Auffassung der Partei die einzige Lsung fr die wirtschaftlichen und 
sozialen Probleme des Landes. Die anderen "legalen" Parteien sind 
lediglich Marionetten, die so tanzen, wie es dem Knig behagt; als 
Opposition von Hassans Gnaden spielen sie die Rolle von Hofnarren.

Diese schlecht organisierte, schwache, grossenteils ganz unglaub-
wrdige Opposition macht nur einen Bruchteil der wirklichen 
Regimegegner aus. Wer Kontakte zur Schuljugend und den Studenten 
pflegt, kann unmglich im unklaren darber denkt, was die junge 
Generation in ihrer grossen Mehrheit nicht nur ber das 
Regierungssystem, sondern auch ber den Knig selbst denkt. Doch 
was wollen die Jugendliche an die Stelle des alten Systems setzen? Hier 
ergibt sich natrlich kein einheitliches Bild. Manche sehen die Lsung 
im Islam, andere hoffen auf einen "arabischen Sozialismus". Doch alle 
sehen sie besorgt in die Zukunft, und alle verspren sie den 
schmerzlichen Kontrast zwischen dem herausfordernden Luxus der 
dnnen Oberschicht und der bitteren Armut der breiten Massen.


                                                    127
Die Kadetten, die hinter dem Putschversuch vom Juli 1971 standen, 
und die Rebellen des August 1972 scheinen keine klar erkennbare 
ideologische Grundlage gehabt zu haben. Ihre Sprecher hatten kein 
deutlich umrissenes Programm. Auch wenn sie sich des Begriffs 
"Sozialismus" bedienten, so handelte es sich dabei weitgehend um eine 
Worthlse - hatte sich nicht auch die Regierungspartei im ersten 
monarchistischen "Parlament" des Landes als "demokratisch-
sozialistische Partei" bezeichnet? Doch ohne starke berzeugungen 
setzt man nicht sein Leben aufs Spiel, wie es diese jungen Rebellen 
getan hatten.

Die Volksideologie, die so gut wie alle Marokkaner teilen, der Islam 
nmlich, ist von Natur aus revolutionr und fhrt dazu, dass der Begriff 
der Revolution in Marokko gefhlsmssig als positiv enmpfunden wird. 
Der Islam fordert die Glubigen dazu auf, sich dem Unrecht mit allen 
Mitteln zu widersetzen. 

In einem der Augenzeugenberichte ber die dramatischen Geschehnisse 
des 10. Juli 1971 taucht ein frappierendes Detail auf. Die Soldaten, 
welche den Gsten des Knigs einen unerwarteten und 
unwillkommenen Besuch abstatteten, nahmen berhaupt kein Geld an 
sich, sondern packten die Luxusgegenstnde, die sie vorfanden, 
Schmuck etwa und goldene Feuerzeuge, warfen sie auf den Boden und 
trampelten wtend darauf herum. Diese kleine, aber bezeichnende 
Episode muss man im Licht eines anderen, unvergleichlich grssere 
Dimensionen aufweisenden Phnomens betrachten, das wegen seiner 
Bedeutung Anlass zu Gesprchsstoff berall in der Welt, in Alger, 
Tunis, Paris und auch in Washington gibt. 

Man kann in Marokko keinen Tag verbringen, ohne mehrfach auf 
dieses Phnomen zu stossen, da sowohl Einheimische wie Auslnder es 
sogleich aufs Tapet bringen: die Korruption. Die Macht des Bakschisch 
verbreitet sich berall in der Gesellschaft, und die herrschende 
Unterwntwicklung bietet dafr natrlich einen idealen Nhrboden. In 
einem armen Land war Macht schon immer fr viele der sicherste Weg 
zum Reichtum.



                                                    128
Auf diesem Gebiet scheint Marokko nun wirklich alle Rekorde zu 
schlagen. Vielleicht mag es nicht den Weltrekord halten, doch jedenfalls 
gehrt ihm unbestrittenermassen der nordafrikanische und wohl auch 
arabische Rekord. In den ersten sechs Monaten des Jahres 1971 flog 
ein Riesenskandal nach dem anderen auf. Diese scheinen auch den 
USA, die ja konservative Diktaturen allgemein untersttzen, ein Dorn 
im Auge gewesen zu sein, denn die US-Regierung usserte den 
Wunsch nach Verschiebung eines offiziellen Staatsbesuchs, den Nixon 
Marokko abstatten wollte. Den unmittelbaren Anstoss dazu bot ein 
Korruptionsskandal, in den hochgestellte Marokkaner verwickelt waren. 
Diese waren derart einflussreich und dazu zahlreich, dass die Affre 
vertuscht wurde. Alle Spuren fhrten zum Knig, seiner Familie und 
seiner Umgebung.

Hassan II sagte, Madbouh sei "ein Privilegierter unter den 
Privilegierten". Doch wer hatte ihm diese Position denn verschafft, und 
nicht nur ihm, sondern auch allen anderen Anfhrern der 
Aufstandsversuche von 1971 und 1972? Keiner, der die Zustnde in 
meinem Land kennt, ist im Unwissenden darber, dass die ganze 
Privilegien- und Vetternwirtschaft auf der Zustimmung des Monarchen 
beruht. Man erhlt - trotz gewisser spektakulrer Massnahmen gegen 
ein paar besonders korrumpierte Individuen - den Eindruck, es handle 
sich hier um eine Regierungsstrategie, die darauf abzielt, die fhrende 
Schicht ans Regime zu fesseln und jene Schlsselpersonen - vor allem 
junge - zu neutralisieren, welche sich sonst leicht mit der Opposition 
verbinden knnten.

Gar manche blitzgescheite marokkanische Student, der whrend seiner 
Studienjahre in Paris oder Stockholm feuerspeiender Maoist oder 
Trotzkist war, war nach seiner Rckkehr einer wohlbezahlten Stelle als 
hoher Beamter mit Villa in Souissi (dem Vornehmenviertel von Rabat) 
und Bankkonto in der Schweiz ganz und gar nicht abgeneigt. Dies ist 
eine Tatsache, an der es nichts zu rtteln gibt. Und wie sollten den 
hochgestellte Gewerkschaftsfunktionre, die "Fhrer der 
Arbeiterklasse", eine Revolution entfachen knnen, wenn sie selbst in 
Autos herumfahren, die sie vom Hofe geschenkt bekommen haben? 
Auch daran gibt es nichts zu rtteln.


                                                   129
Gehen wir zu einigen anderen Eigenheiten des Systems ber. 
Prominente Marokko-Experten, die vor den Rebellionen von 1971 und 
1972 von mir vernommen hatten, dass ich nicht an die langfristigen 
Erfolgsaussichten des System glaubte, erwiderten, diese Politik habe 
schliesslich jahrhundertelang funktioniert; auch knftig wrden die 
Marokkaner eben Macht mit Reichtum gleichsetzen, und jene, die 
Emprung ber die Korruption usserten, wrden keine Sekunde 
zgern, selbst ihre Schfchen ins trockene zu bringen, sobald sich ihnen 
die Gelegenheit dazu bot. Auf dieser berzeugung basiert auch 
Hassans ganze politische Strategie.

Vom historischen Standpunkt aus ist diese Argumentation mit 
ernsthaften Mngeln behaftet. Zunchst bersieht man da die 
tiefverwurzelten islamischen Traditionen, welche die Abkehr vom 
irdischen Luxus lehren; immer und immer wieder sind im Lauf der 
Geschichte islamische Reformatoren aufgestanden und haben gegen die 
Reichen und die Mchtigen - bei diesen handelte es sich um die 
gleichen Leute! - gepredigt. Oft ist es ihnen gelungen, die darbenden 
Massen zu einem revolutionren Kreuzzug mitzureissen.

 In der muselmanischen Geschichte fehlt es nicht an Eiferern vom 
Schlage Savanarolas. Diese Reformatoren und Bussprediger wurden 
immer zahlreicher, weil ihre Arbeit stets wieder von vorne begonnen 
werden musste: die neuen Herren erlagen den gleichen Versuchungen 
wie ihre Vorgnger. In Marokko kamen diese Reformatoren (die 
Almoraviden und Almohaden sowie im 20. Jahrhundert El-Hilba und 
andere) meist aus den drren und armen Saharagebieten des sdlichen 
Landesteils. Heutzutage findet man diese Mnner aus dem Sden - 
Araber und Berber, die Rasse spielt in diesem Zusammenhang keine 
Rolle - an den Toren der Stdte, wo sie ihre Zelte aufgeschlagen haben. 
Sie machen ein Drittel der Slumbevlkerung am Rande der grossen 
Stdte aus.

Die Verkennung des dem Islam innewohnenden revolutionren 
Impulses ist also der erste Fehler, den die "Marokko-Spezialisten" sowie 
Knig Hassan begehen. Der zweite liegt darin, dass sie die 
bahbrechenden Vernderungen nicht bercksichtigen, die sich in 
unseren Tagen in Marokko abspielen.

                                                   130
Es gibt keine "chinesische Mauer" mehr, welche die alten Diktaturen 
schtzt. Die wunderbare Mrchengeschichte vom armen Schlucker, der 
es bis zum Sultan brachte, war in frheren Zeiten in der Vorstellung der 
Allgemeinheit der einzige Weg zur berwindung der Armut. Heute 
weiss man selbst in der elendesten Bruchbaracke in den Slums, dass es 
andere Mglichkeiten gibt und dass andere Vlker uns den Weg 
gewiesen haben. 

Frher hiess es von einem Reichen, er verdanke seinen Reichtum Gott. 
Heute spricht man ganz anders ber die Geldscke; man nimmt kein 
Blatt mehr vor den Mund und schimpft sie Diebe. Wie knnten denn 
arme Studenten etwas anderes als Hass auf jene empfinden, die in 
unrechtmssig erworbenem Luxus schwelgen, wenn sie selbst weder 
begrndete Aussichten auf eine Staatsbeamtenstelle haben (70% der 
Staatsangestellten sind unter 40!) noch sich grosse Hoffnungen auf eine 
Anstellung im privaten Sektor machen knnen (auch in den 
wirtschaftlich guten Jahren wurden jhrlich bloss 100'000 bis l10'000 
neue Arbeitspltze geschaffen; dabei htten es doppelt so viele sein 
mssen, nur um mit der raschen Bevlkerungszunahme Schritt zu 
halten). 

Im Mrz 1965 rebellierten in Casablanca die Slumbewohner gegen die 
Unterdrckung. Einem Augenzeugen zufolge wurde der Aufruhr 
dermassen brutal niedergeschlagen, dass sich die Bevlkerung der 
Ansicht jenes Zeugen nach "lange, lange nicht mehr erheben wrden". 
Die Arbeitslosigkeit unter Universittsabsolventen und die Rebellion der 
Gebildeten stellen eine weitere, weniger leicht zu erkennende, aber 
doch an Explosivitt zunehmende Gefahr fr das Regime dar. Aus 
diesem Grund nehmen die meisten Revolutionen in der Dritten Welt 
nicht in den Vorstdten ihren Anfang wie im Europa des letzten 
Jahrhunderts, sondern in den Kasernen.

An den unzusammenhngend anmutenden Ereignissen an jenem 
dramatischen 10. Juli fiel noch etwas auf: jene Gewaltttigkeit 
gegenber Auslndern, die fr Marokko vllig untypisch ist, denn der 
Marokkaner ist, was man ihm auch sonst vorwerfen mag, 
ungewhnlich gastfreundlich. 


                                                   131
Wenn es in frheren Jahren zu Gewaltausbrchen gegen Fremde 
gekommen war - z.B. 1907, 1912, und 1953-1955 - dann im Rahmen 
des Unabhngigkeitskampfes. Wurden nun in Skhirat auslndische 
Gste - Botschafter, rzte, Geschftsleute usw. - attackiert und, wie es 
in einigen Fllen vorkam, mit Maschinenpistolen niedergemht, so lsst 
sich dies natrlich nicht entschuldigen, aber doch mit den starken 
Gefhlen der Putschisten erklren.

Um diese Dinge begreifen zu knnen, mssen wir uns den 
Hintergrnden etwas nher zuwenden. Politische Unabhngigkeit zieht 
keinesfalls automatisch wirtschaftliche Unabhngigkeit nach sich, 
namentlich wenn der moderne Industriesektor, der den Schlssel zur 
Entwicklung eines Landes bildet, immer noch in den Hnden der 
ehemaligen Kolonialmacht liegt, welche diese Industrie geschaffen hat. 

In den "sozialistischen Lndern" wurde das Problem durch Verstaat-
lichungen "gelst". In Marokko, das sich fr den "liberalen" Weg 
entschieden hatte, htte eine auf echte konomische Selbstndigkeit 
abzielende Politik gebieterisch erheischt, dass das einheimische 
Brgertum den Besitz der fremden Kapitalisten bernahm. Doch 
Tatsache ist, dass unsere Bourgeoisie dies entweder nicht wollte oder 
nicht konnte. Die nicht sonderlich zahlreichen Grosskaufleute aus Fes 
("Fassi" genannt) entwickelten sich keinesfalls zu modernen 
kapitalistischen Unternehmern, wie es ihren europischen Vorgngern 
im 19. Jahrhundert allgemein geglckt war. Langfristig geplanten 
Investitionen im Industriesektor zogen sie kurzfristige Projekte und 
Spekulationen vor. Oder aber sie entschieden sich fr "sichere" 
Investitionen in Land, Immobilien, Gold und Schmuck. 

Somit konnte das auslndische Kapital die Industrialisierung mit all 
ihren Risiken und Gewinnen selbst in die Hand nehmen. Als Folge 
musste der "liberale" Staat selbst notgedrungenermassen mit eigenem 
Kapital neue Industrieprojekte finanzieren, die sonst ausschliesslich von 
fremden Kapitalisten bernommen worden wren. Als man die BNDI 
(Banque Nationale der Dveloppement Industriel) schuf, die, wie aus 
ihrem Namen hervorgeht, mit der Frderung der industriellen 
Entwicklung beauftragt ist, wurde das erforderliche Kapital vom Staat 
sowie von auslndischen Financiers zur Verfgung gestellt. 

                                                    132
10% der Aktion sollten nach Plan einheimischen Kapitalisten angeboten 
werden. Doch diese zeigten dermassen geringes Interesse, dass die 
auslndischen Financiers auch diese 10% bernehmen mussten.

Die "Marokkanisierung" des Dienstsektors (oder Tertirsektors) 
entspricht voll und ganz den Wnschen des einheimischen Brgertums. 
Whrend der Staat und die auslndischen Interessenten fr die 
Industrialisierung besorgt sind, entwicklet sich der Dienstsektor im 
Windschatten der Industrie und heimst fette Gewinne ein (in der 
Reklamebranche kann man leichter und schneller zu Geld kommen als 
beispielsweise in der Gusseisenindustrie).

Die Angestellten machen beim Tanz um das goldene Kalb auch eifrig 
mit. Viele von ihnen kamen aus brgerlichen Familien oder hatten sich 
in solche eingeheiratet. Andere kapierten, dass ein Hochschulabschluss 
sich als "Sesam ffne dich" zur staatlichen Schatzkammer entpuppen 
konnte. Im Frankreich des Brgerknigs Louis Philippe waren die 
Brger von Natur aus sehr sparsam und vermieden es sorgsam, ihren 
Besitz zur Schau zu stellen. Hingegen ussert sich bei den 
marokkanischen Neureichen der den Beduinen eigene Hang zur 
Prahlerei - alles oder nichts - sehr deutlich. In manchen Kreisen der 
Hauptstadt Rabat schmt man sich, Besucher zu empfangen, wenn man 
nicht wenigstens mit einem Swimmingpool im Garten seiner Villa 
prunken kann.

Wer nun vom "Knigsfest" ausgeschlossen blieb, konnte wohl 
Neidgefhle gegen die dort eingeladenen, von unerhrtem Luxus 
umgebenen Gste nur schwer unterdrcken. Es musste fr ihn 
ausgesprochen schwierig sein, keinen Groll gegen all jene zu 
empfinden, mochten sie nun Einheimische oder Auslnder sein, die in 
einem nicht nur fr die breiten Massen, sondern auch fr das 
Kleinbrgertum ganz unerreichbaren Komfort lebten. Wer ber eine 
gewisse Ausbildung verfgte und intelligent genug war, um nach den 
Ursachen der herrschenden Umstnde zu suchen, kam zwangslufig 
zum Schluss, dass die im Dienstsektor zu Reichtum gelangten 
Marokkaner ihr Geld damit gescheffelt hatten, dass sie die 
auslndischen Kapitalisten, welche den Industriesektor verwalteten, als 
Lakaien bedienten. 
                                                  133
Diese These wird in linksgewirkten marokkanischen Zeitschriften oft 
vertreten. Deren intellektuell geschulte Redakteure haben ihren Marx 
grndlich gelesen und geisseln das Brgertum, den Sttzpfeiler des 
Regimes, als willfhriges Werkzeug des "westlichen Kapitalismus". 
Doch seinen Gepflogenheiten getreu kauft sich das Regime die 
Loyalitt dieser Intellektuellen, und zwar fr ein Linsengericht.

Die Kadetten in Ahermoumou hatten Marx nicht gelesen, und auch 
progressive Zeitschriften gehrten nicht zu ihrer Bettlektre. Doch 
wussten sie, dass das Brgertum und die Nutzniesser der Korruption 
ihre Gewinne ausser Landes geschafft hatten, wo sie in den Safes 
westlicher Banken ruhten. Sie hatten noch keine scharf umrissene 
Ideologie, sondern empfanden lediglich dumpfe Emprung und 
moralischen Zorn. Zusammen mit der aus dem Islam geschpften 
Inspiration erwiesen sich diese Gefhle als hinreichend, um das Regime 
an den Rand des Abgrunds zu fhren und so seine Verletzlichkeit 
offenzulegen.

Ein in Marokko ansssiger Franzose berichtete, er sei gerade bei 
einheimischen Freunden gewesen, als sich die Kunde vom Skhirat-
Putsch verbreitete. Jede Stunde trafen neue Nachrichten ein. Zuerst 
griff allgemeine Freude um sich, dann Verlegenheit, als sich jedermann 
beeilte, seine Loyalitt dem Knig gegenber zu beteuern.

Mit einem Regime geht es unweigerlich abwrts, wenn es den psycho-
sozialen Zgen seines Volkes nicht mehr Rechnung zu tragen vermag. 
Dies gilt keinesfalls nur fr Monarchien, sondern auch fr manche 
Republiken. Im 20, Jahrhundert lsst sich ein Land einfach nicht mehr 
so steuern wie in frheren Zeiten, mgen diese in der Tradition noch so 
lebendig sein. Ein marokkanischer "Royalist" usserte sich zu Hassan II 
wie folgt: "Er will ein aufgeklrter, moderner Monarch sein und 
gleichzeitig das Land auf die selbe Art regieren wir Moulay Ismail 
(Sultan von 1672 bis 1727). Dies ist ein Ding der Unmglichkeit."

Die marokkanische "Regierung" besteht nicht aus Ministern im heutigen 
Sinne, sondern aus Sklaven eines Herrschers von Gottes Gnaden, 
dessen Wille Gesetz ist. Absolute persnliche Macht fhrt natrlich seit 
jeher zu grossen Gefahren und Nachteilen. 

                                                   134
Ob sie in unserer heutigen, immer komplizierter werdenden Welt 
berhaupt noch mglich ist, wage ich zu bezweifeln. Wer alleine 
herrscht, ist dazu verdammt, immer einsamer zu werden, bis er 
schliesslich zum hilflosen Gefangenen seiner eigenen Eisamkeit wird. 
"Er hrt niemandem mehr zu. Man darf ihm die Wahrheit nicht mehr 
sagen." So klagte einer der engsten Berater Hassans, und solche Worte 
hrt man in den Gngen des Knigspalastes immer wieder - natrlich 
nur in gedmpftem Ton. Aber was soll man noch tun, wenn Korruption 
zur Regierungs- und Staatsform geworden ist?

Manche Fhrer kompensieren die Einsamkeit der absoluten Macht 
durch ihre charismatische Ausstrahlung, welche sie auf gewissermassen 
magische Art mit den breiten Massen verbindet. Wenn es den 
franzsischen Knigen an Genialitt fehlte, konnten sie diese durch die 
Salbung zum Monarchen von Gottes Gnaden wettmachen. Die 
"alawitischen" Sultane konnten sich auf "Baraka", d.h. den gttlichen 
Segen, berufen. Doch solcherlei Dinge wirken heute immer weniger. 
Gibt es im heutigen Marokko noch eine Verbindung zwischen dem 
Knig und seinem Volk? Kaum. Deshalb betrachten immer mehr 
Brger das Regime als illegitim.

Wer die Ereignisse vom 10. Juli 1971 sowie vom 16. August 1972 von 
nahe verfolgte, den musste die fast totale Passivitt der Bevlkerung 
frappieren. Keine Menschenmassen strmten sich zusammen, um fr 
oder gegen den Knig zu demonstrieren. Es machte den Eindruck, als 
spiele sich all das in einer fremden Welt ab, unendlich fern von den 
gewhnlichen Sterblichen, die weder Lust noch berhaupt die 
Mglichkeit hatten, dabei mitzuwirken. 

Wohl stimmt es, dass das Tempo, mit dem sich die Geschehnisse 
berstrzten, dem Volk kaum Zeit zum Reagieren liess. Doch die 
Erleichterung darber, dass der Knig mit heiler Haut davongekommen 
und dass der Putsch gescheitert war, htte bei den knigstreuen 
Schichten der Bevlkerung eigentlich zu Freude-ausbrchen fhren 
mssen. Solche blieben indes gnzlich aus. 




                                                    135
Das Fehlen jedweder spontanen Reaktionen stellt einen weiteren 
Beweis fr die furchtbare Einsamkeit dar, in dem die Inhaber der 
absoluten Macht in Wirklichkeit leben. Viel leichter als Freude ber das 
Misslingen des Putsches liess sich noch Enttuschung darber 
erkennen.

Noch ein weiterer Aspekt des Putschversuchs verdient Beachtung, auch 
wenn er sich nicht so leicht deuten lsst. Es ist dies die 
berproportionale Rolle, welche die Berber dabei gespielt haben. Dass 
die bewaffneten Streitkrfte des Knigs sich zum grossen Teil aus 
Berbern zusammensetzen, ist allgemein bekannt. Berber finden sich 
nicht bloss in unteren, sondern auch in fhrenden Positionen. Die 
meisten Generle, die am 13. Juli 1971 an die Wand gestellt wurden, 
waren Berber. Dafr gibt es plausible Erklrungen: die Begeisterung fr 
das Waffenhandwerk und fr Kriegerruhm ist bei der an ein hartes 
Dasein gewohnten Bergbevlkerung seit jeher besonders stark gewesen, 
und die meisten Bergbewohner gehren Berberstmmen an. 

Allerdings wre es ganz irrefhrend, die Rebellion als Aufstand der 
Berber gegen die Araber zu deuten. Hingegen trifft es zu, dass sich 
Hassan derselben Strategie bediente wie weiland die Kolonialherren: er 
wollte sich auf die Berber sttzen, die er als zuverlssiger betrachtete, 
da sie mehr an ihren Traditionen hingen und weniger von den 
Segnungen der Moderne beleckt waren. Der Mythos vom "edlen 
Wilden", in diesem Fall dem "guten Berber", ist zhlebig. Wer auf die 
Berber baut, um eine rckstndige Gesellschaftsform zu verteidigen, 
riskiert allerdings eine bse Ernchterung. Sicher sind die Berber treu, 
aber sie lieben auch ihre Freiheit und legen grssten Wert auf 
Gerechtigkeit. Fr sie ist Hassan ein gottloser Mensch. 

Die Berber sind sich selten in ihrer Geschichte einig gewesen. Sie sind 
in zahlreiche Stmme und Klans aufgesplittert, die sich bisweilen 
bekmpfen. Die in Skhirat gefallenen Adjutanten des Knigs waren 
auch grsstenteils Berber. Madbouh und die obersten Anfhrer der 
Revolte waren Berber, und zwar solche aus dem Rifgebiet. Dort erhob 
sich das Volk im Jahre 1958. Der Aufstand wurde von den kniglichen 
Streitkrften, die unter dem Kommando des Prinzen Moulay Hassan 
standen, mit unerbittlicher Brutalitt niedergeschlagen.

                                                     136
Ob die schmerzhafte Erinnerung an jenes Blutbad bei den Fhrern der 
Rebellion mitgewirkt hat? Ich weiss es nicht. Hingegen lsst sich mit 
Sicherheit sagen, dass die selbstbewussten Bergstmme ihre Generle, 
auf die sie so stolz waren und ihre Hoffnung setzten, gewiss nicht 
vergessen werden. Sie werden nicht vergessen, wie ihre von Kugeln 
durchsiebten Leichen vom Pbel geschndet wurden. Die Rache ist ein 
Berbergericht, das kalt genossen werden muss! lautet ein franzsisches 
Sprichwort.

Bei ihrer Erhebung anno 1958 skandierten die Menschen im Rifgebiet: 
"Wir haben genug davon, von den Leuten aus Fes beherrscht zu 
werden." Hier ist zu erwhnen, dass es sich bei den Kapitalisten aus Fes 
teilweise um zum Islam bergetretene Juden handelt. Gewiss sind diese 
in der Machtelite stark bervertreten und besitzen einen ganz 
unverhltnismssig grossen Teil des Volksvermgens. Doch wenn die 
Rebellen Sprche gegen die "Leute von Fes" skandierten, dann 
verwendeten sie den Ausdruck eher in bertragenem Sinn. Sie meinten 
damit ganz allgemein die korrupte Stadt mit ihrer Anhufung von 
schrillem Luxus und Reichtum, die zugleich die Begehrlichkeit der 
Plnderer, den Hass der Armen und den Abscheu der Puritaner 
hervorruft. 

All diese Faktoren spielten dann spter bei der Skhirat-Revolte mit. Die 
Berber, welche kriegerischer, rmer und puritanischer sind als die 
brige Landbevlkerung, bilden vielleicht die Speerspitze der 
marokkanischen Bauernarmee, die sich im Verlauf der Jahrhunderte 
immer wieder gegen den Luxus und die Tyrannei der Stdte erhoben 
hat und der es immer klarer ist, dass ihre Armut kein ihnen von Gott 
auferlegtes, unabnderliches Los ist. Hier besttigen nchterne 
Statistiken die instinktiven Ahnungen des einfachen Volkes, zeigen sie 
doch, dass der gestiegene Lebensstandard der Stadtbevlkerung, oder 
zumindest eines Teils davon, auf Kosten der Landbevlkerung erfolgt 
ist.

Um den Ursprung einer politischen Bewegung zu verstehen, kann es 
oft hilfreich sein, zu untersuchen, wie sie sich spter entwickelt. Im Fall 
einer im Keim erstickten Bewegung wie der hier geschilderten steht uns 
diese Mglichkeit natrlich nicht offen. 

                                                 137
Trotzdem kann man sich mit Fug und Recht fragen, wohin der Putsch 
gefhrt htte, wre ihm Erfolg beschieden gewesen. Manche haben 
Parallelen zu den Ereignissen in Griechenland gezogen, die 1967 zu 
einer siebenjhrigen Obristenherrschaft fhrten. Nher lge wohl der 
Vergleich mit einem Regime nasseristischer Ausrichtung. Wre die 
Kugel, welche Madbouh traf, einige Zentimeter weiter links oder rechts 
gelandet, so wrde Marokko heute vielleicht von einer Gruppe 
islamistisch-nasseristischer Offiziere regiert.

Wer annimmt, die beiden Putschversuche von 1971 und 1972 seien 
blosse Palastrevolutionen gewesen, der tuscht sich; sie hatten ganz 
andere Wurzeln. Geblieben sind die Probleme, welche fast alle Lnder 
der sogenannten Dritten Welt in ihrem Wrgegriff halten und an deren 
Lsung sich Marokko nicht ernstlich wagt.

Jahrhundertlange lebte Marokkos Volk in Armut, bisweilen in nacktem 
Elend. Doch wuchs die Bevlkerung wegen der niedrigen Lebens-
erwartung nicht merklich. Heute nimmt die Einwohnerzahl des Landes 
pro Jahr um 3,2% zu, was bedeutet, dass sie sich alle 20 Jahre 
verdoppelt. Und all diese Menschen, die grossenteils keine Aussicht auf 
ein menschenwrdiges Dasein haben, drfen zur Schule gehen und 
knnen Radio hren, denn es gibt in jedem Zelt und jeder Baracke 
einen Transistor. Die Zeit der Resignation ist vorbei.

Dass am 10. Juli 1971 und am 16. August 1972 in ihren Grundfesten 
erschtterte System war das alte, feudale Makhzen-System, das sich 
lngst berlebt hat - durch 45 Jahre Kolonialherrschaft und 30 Jahre 
Pseudo-Selbstndigkeit neokolonialistischer Prgung, whrend deren 
die Reichtmer des Landes im Interesse der Machthaber und deren 
Handlanger ausgebeutet wurden.

Die Prinzipien der wirtschaftlichen Entwicklung sind gleichzeitig hoch-
kompliziert und grundeinfach. Um mehr zu produzieren, muss man 
investieren. Um zu investieren, muss man sparen. Um zu sparen, muss 
man weniger konsumieren, als man produziert, das heisst, man muss 
verzichten knnen. Jahrhundertelang war nur die breite Masse zum 
Verzichten bereit. 


                                                   138
Heute macht die Masse das immer weniger mit, zumal sie sieht, wie 
eine parasitre Minderheit schamlos in ergaunertem Reichtum und 
Luxus schwelgt. Vielleicht ist es eine Illusion anzunehmen, dass die 
Brde des Verzichts gleichmssig auf alle Schultern verteilt werden 
kann; so etwas wie absolute Gerechtigkeit gibt es nicht. Doch kann man 
wenigstens verlangen, dass die Ungerechtigkeiten nicht allzu schreiend 
sind und dass die Armen, die den grssten Teil der Last auf sich 
nehmen, fr ihre Opfer einen angemessenen Lohn erhalten.

Das alles mag ja selbstverstndlich klingen, aber um diese selbst-
verstndlichen Forderungen durchzusetzen, ist eine Revolution von-
nten. Kann diese nicht mit friedlichen Mitteln und in geordneter Form 
verwirklicht werden (und es gibt solche Revolutionen; ein gutes Beispiel 
dafr bietet Schweden), dann nimmt sie blutige und gewaltsame 
Formen an, und dann sind es wiederum die kleinen Leute, die am 
meisten zu leiden haben. 

Aber das marokkanische Volk hat keine Wahl. Es geht um das Wohl 
und Wehe eines ganzen Landes. Entweder die Revolution glckt, und 
die verrottete Monarchie wird beseitigt, oder die Revolutionre sterben 
als freie islamische Menschen. Im Koran steht, wo Knige regierten, da 
breite sich Korruption aus und verwandle freie Menschen in Sklaven. 
Der Islam war von Anfang an eine revolutionre Ideologie und 
Bewegung, die sich gegen die Tyrannei sowie gegen die erbliche 
Monarchie richtete.

Das Tor zur Zukunft steht offen. Der 10. Juli 1971 und der 16. August 
1972 waren Warnsignale fr die Herrschenden. Hassan II und seine 
Kettenhunde werden den Lauf der Geschichte nicht aufhalten knnen. 
Das Schicksal des Schahs von Persien sollte unserem Despoten zur 
Warnung gereichen, und nicht nur ihm, sondern allen Marokkanern 
und Auslndern, die von seinem Schandregime profitieren.

Dass die Armee in der innenpolitischen Entwicklung eines Landes eine 
Rolle spielt, ist kein auf die sogenannte Dritte Welt begrenztes 
Phnomen. Als ich nach Schweden gekommen war, beschftigte ich 
mich ein wenig mit der Geschichte meiner neuen Heimat.


                                                  139
Ich erfuhr, dass eine Gruppe schwedischer Offiziere unter der Fhrung 
von General Adlercreutz am l3. Mrz l809 einen Staatsstreich gegen 
Knig Gustaf Adolf durchfhrte, weil dieser innen- und aussen-
politische Misswirtschaft betrieb. 

Er wurde im Stockholmer Schloss von den Offizieren verhaftet, und 
dieser Staatsstreich fhrte am 10. Mai desselben Jahres zur Absetzung 
des Monarchen. Die darauf erfolgten politischen Reformen bilden die 
Grundlage der heutigen schwedischen Verfassung und Demokratie.






























                                                   140
Die  islamische  Welt

Die arabische Welt, der ich entstamme, hat vor allem gemeinsame 
kulturelle Wurzeln und schpft aus einem gemeinsamen Erbe, einer 
sehr tiefgrndigen Geisteswelt, die auf der islamischen Religion fusst. 
Doch ist die vom Islam gespielte Rolle keinesfalls rein religiser Art; der 
Islam ist ein historischer Faktor, der auf kulturellem und ideologischem 
Gebiet ganz entscheidend zur Entstehung einer "arabisch-islamischen" 
Nationalitt beigetragen hat.

Zu dieser "arabisch-islamischen Nationalitt", auch "arabische Welt" 
genannt, gehrt:
l) Wer eine Variante der arabischen Sprache spricht und diese 
gleichzeitig als seine "natrliche" Sprache betrachtet; dies kann auch fr 
Leute gelten, die gar nicht arabisch knnen, wie zum Beispiel viele 
Berber.
2) Wer als sein Erbe die Geschichte und die kulturellen Merkmale des 
Volkes betrachtet, das sich selbst als das arabische bezeichnet und von 
anderen so genannt wird. Zu diesen kulturellen Merkmalen gehrt seit 
dem 7. Jahrhundert in allererster Linie die muselmanische Religion, die 
gewissermassen die Seele des Arabertums darstellt.
3) Wer seine arabische Identitt zurckfordert und sich deren bewusst 
ist.

Die islamisch-arabische Welt setzt sich aus den Vlkern jener Lnder 
zusammen, deren Verfassung ihre Zugehrigkeit zu dieser Welt 
festlegen oder die Mitgliedstaaten der Arabischen Liga sind und deren 
Vertrge unterzeichnet haben. Kern der islamischen Nation (wir 
Moslems verwenden diesen Begriff stets im Singular, auch wenn ein 
Nichtmoslem eher den Plural benutzen wrde) ist die muselmanische 
Religion, die gleichzeitig die entscheidende Inspirationsquelle fr ihre 
politische Ideologie bildet. Ganz ungeachtet der knstlichen Grenzen 
bilden alle arabischen Lnder einen ideologischen und politischen Block 
mit einer gemeinsamen arabisch-muselmanischen Zivilisation.





                                                  141
In der arabischen Welt wird der Islam als gttliche Offenbarung ber 
den Menschen, die Welt und Gott und als kstlicher Schatz betrachtet, 
der allen Arabern gemeinsam ist. Sogar christliche Araber anerkennen 
ihn als solchen und huldigen dem Propheten Mohammed als dem 
Einiger der Araber und deren geistigem Erwecker. Der Islam lsst sich 
als sekulre Religion einstufen, wenn das Wort "sekulr" bedeutet, dass 
sich die Massen ihrer Verantwortung fr ihre Geschichte bewusst 
werden. Immer und immer wieder wird im Koran betont, wie wichtig 
es ist, in der Volksgemeinschaft Verantwortungsbewusstsein zu 
wecken.

Die allgemeine Tendenz des arabisch-muselmanischen Nationalismus 
ist revolutionr, weil er defensiv wie offensiv gegen widrige ussere 
Umstnde und gegen die koloniale Vorherrschaft kmpfen muss, sei 
diese nur kapitalistischer oder kommunistischer Natur. So werden die 
Strmungen, die aus de Sehnsucht der Massen entstehen und welche 
die Grundlage einer vlkischen politischen Ideologie bilden, 
aufgefangen und kanalisiert und im Sinne des Islam verfeinert und 
ausgearbeitet. Dieser prgt die Worte und Taten der Herrschenden.

Die heutigen arabischen Staaten lassen sich nicht als Nationalstaaten 
bezeichnen. Es gibt nur eine islamische Nation, die "Umma". Laut der 
heutigen arabischen und islamischen Ideologie wre der einzige 
vollstndig legitime Nationalstaat derjenige, der die Gesamtheit der 
islamischen Nation umfasst. Die Loyalitt des rechtglubigen Musel-
manen gilt viel eher dem Idealstaat, der noch zu schaffen ist, als dem 
real existierenden Staat. 

Dem Koran zufolge ist ein Moslem nur dann zur Treue dem Staat 
gegenber verpflichtet, wenn dieser eine auf echten islamischen 
Grundstzen beruhende, legitime politische Organisation ist, die keine 
Grenzen zwischen Muslimen anerkennt. Anderenfalls herrscht 
Unterdrckung ("zulm"), die Aufruhr, d.h. Revolution, rechtfertigt. Die 
vom religisen Bekenntnis ausgehende Kraft lsst den provisorischen, 
im Grunde illegitimen Charakter der zurzeit hoffnungslos zersplitterten 
islamischen und arabischen Staaten in noch grellerem Lichte erscheinen 
und schwcht die Loyalitt der Glubigen diesen gegenber. 

                                                  142
Alle heutzutage in der arabischen Welt herrschenden Regime sind 
illegitim, versuchen sich aber mit allerlei heuchlerischen Mitteln den 
Anschein islamischer Legitimitt zu geben.

Ausserdem kann man gegenwrtig, und dies ist ein hochinteressantes 
Phnomen, zwei Dinge beobachten, die zwar seit jeher existiert haben, 
jedoch unter den obwaltenden Umstnden besondere Bedeutung 
erlangen. Zunchst ist die usserst grosse politische und soziale Vitalitt 
des Islam zu beobachten, und dann lsst sich erkennen, wie zielstrebig 
dieser in neuster Zeit seinen Wiedereintritt in die Geschichte probt - als 
Subjekt und nicht als Objekt. Dabei verzichtet der Islam darauf, sich 
angestrengt ein modernistisches Gesicht zu geben, und er hlt es auch 
fr ganz unntig, sich mit fremden Denkweisen entlehnten 
intellektuellen Begrndungen zu rechtfertigen. Seine Rechtfertigung 
liegt in sich selbst, in seinen eigenen heiligen Texten.

Professor Jacques Berque hebt hervor: "Der Islam kann nur Trger 
einer Utopie sein, der Utopie von der Wiederherstellung der Eintracht 
zwischen Mensch und Welt... Meiner Auffassung nach liegt die Macht 
der islamischen und arabischen Welt nicht in ihrem l, sondern in der 
Strke ihrer Identitt, oder, wenn man so will, in der Strke ihrer 
Authentizitt. Will man wirklich begreifen, was gegenwrtig in der 
islamischen Welt abluft, so muss man alle der Sozialwissenschaft 
entlehnten Kategorien abstreifen, welche uns dazu zwingen, in 
politischen oder materialistischen Begriffen zu denken. Hingegen muss 
man die fundamentale Dimension des Imaginren wieder zu Ehren 
kommen lassen, und da sich der Islam in vollem Umbruch befindet, 
darf man keinesfalls aus den Augen verlieren, dass es sich in erster 
Linie um eine kulturelle Revolution handelt."

Die "Modernitt", ob sie sich nun mit stlichen oder mit westlichen 
Federn schmckt, hat sich als blosse Nachffung entpuppt, als 
charakteristische Form kultureller, intellektueller und wirtschaftlicher 
Abhngigkeit, nicht zu verteidigen und ungemein trgerisch. Man kann 
die muselmanische Revolution ganz unmglich verstehen, wenn man 
den Islam, welcher deren Seele und Volksideologie ist, nicht vorher 
studiert und begriffen hat.

                                                 143
Im Westen vermischen viele die Begriffe Moslem und Araber; so wird 
der Iran gelegentlich als "arabischer Staat" bezeichnet, was natrlich 
Unsinn ist. Man braucht keinesfalls Araber zu sein, um Moslem zu 
sein. Die islamische Nation ("Umma"), die sich ab dem 7. Jahrhundert 
herauskristallisiert hat, fusst in erster Linie auf der arabischen Kultur, 
die wiederum auf dem Islam beruht.

Die relativ wenigen ethnischen Araber, welche anfangs an der 
Verbreitung des Islam beteiligt waren, gingen bald in den neuen lokalen 
Gesellschaften auf. Was man heute als "arabische Welt" bezeichnet, ist 
eine Schpfung des Islam und nicht eines arabischen Kolonialismus. 
Die arabische Welt umfasst jene islamischen Staaten, in denen das 
Arabische Nationalsprache ist. Die anderen islamischen Staaten, von 
der Trkei bis Pakistan, vom Iran bis hin nach Indonesien, haben ihre 
eigenen Sprachen.

Die ca. 200 Millionen Araber, die in den Staaten von Marokko bis zum 
Irak leben, bilden in der eine Milliarde Menschen umfassenden 
islamischen Welt nur eine Minderheit. Da Arabisch die Sprache des 
Koran ist (man verrichtet seine Gebete in dieser Sprache), ist es fr 
jeden Muselmanen eine heilige Sprache. Der Koran als heilige Schrift 
wird im Gegensatz zur Bibel nicht bersetzt. Die dennoch existierenden 
Koranbersetzungen gelten nicht als heilige Texte, sondern lediglich als 
Deutungen.

Jeder Moslem muss den Koran auf arabisch lesen und rezitieren. Es 
handelt sich um den vllig unvernderten, im 7. Jahrhundert der 
westlichen Zeitrechnung niedergeschriebenen Originaltext. Natrlich 
braucht man nicht Arabisch zu knnen, um Moslem zu sein. Meine 
Mutter beispielsweise kann kein Arabisch. Sie hat nur einige Verse aus 
dem Koran auswendig gelernt, die ausreichen, um ihre Gebete zu 
sprechen.







                                               144
In  Schweden

Am 25. August 1973 flog ich von Paris mit einem falschen Pass nach 
Stockholm. Ich war gnzlich unvorbereitet auf das, was mich in 
Schweden erwartete. Dem falschen Pass zufolge hiess ich Idrissi. Ich 
hatte die Photographie des wirklichen Inhabers selbst entfernt und 
meine eigene hineingeklebt. 

An Bord der Maschine sass ich neben einem jungen Schweden. Er 
hiess Hkan Fredn und hatte in Frankreich Urlaub gemacht. Ich stellte 
mich als "Idrissi aus Algerien" vor. Hkan arbeitete als Ingenieur im 
Universittskrankenhaus von Uppsala. Den Namen der Stadt hrte ich 
damals zum ersten Mal. Als Hkan vernahm, dass ich weder rauchte 
noch trank, bat er mich, fr ihn eine Extraration zollfreie Waren 
mitzunehmen. So verlief mein erster Kontakt mit einem Schweden. 

Am Flughafen kam ich ohne Scherereien durch die Pass- und 
Zollkontrolle. Hkan anerbot mir, bei ihm in Uppsala zu bernachten 
und am nchsten Tag nach Stockholm weiterzufahren. Ich hatte ihm 
erklrt, ich wolle eine Woche als Tourist in der Hauptstadt seines 
Landes verbringen. Er wohnte in einem abbruchreifen Haus ohne 
warmes Wasser und Kche. Die Toilette lag draussen auf dem Hof. 
Dabei war er doch Ingenieur! Er wohnte so billig wie mglich, um 
mehr Geld frs Reisen zu haben.

Am folgenden Tag nahm ich den Zug nach Stockholm. Ich hatte Hkan 
versprochen, ihn vor meiner Abreise anzurufen. Vor dem Hauptbahn-
hof fragte ich einige Leute, ob sie ein billiges Hotel kannten, wo ich 
einige Nchte bleiben konnte. Ich wollte mich eben an eine junge Dame 
wenden, doch stattdessen richtete ein etwa 50 Jahre alter Herr das Wort 
an mich und erkundigte sich, ob ich Hilfe bentige. Wir nahmen den 
Bus zur Studentenunterkunft Domus. Ich bekam ein Zimmer, allerdings 
ohne Bett- und Kissenberzug. Der Mann, der mir bei der 
Zimmersuche behilflich gewesen war, anerbot sich auch, mir solche zu 
beschaffen, aber ich machte ihm klar, dass ich ohne weiteres auf der 
blossen Matratze schlafen konnte. 



                                                   145
Spter am Abend kehrte er zurck, doch wollte ich ihm die Tr nicht 
ffnen. Wohl erkannte ich seine Stimme, doch war ich in hchstem 
Grade argwhnisch, denn schliesslich befand ich mich immer noch auf 
der Flucht. So ging er denn fort, doch erst, nachdem er mir Bettlaken 
sowie einen Kopfkissenbezug durch die Briefffnung gestopft hatte. Da 
ich, von meinem falschen Pass abgesehen, keinerlei Papiere hatte, die 
meine Identitt besttigten, getraute ich mich nicht, zur Polizei zu gehen 
und mich anzumelden. Auch frchtete ich, verhaftet zu werden, da ich 
mit einem Pass eingereist war, der nicht mir gehrte. Wie sollte ich es 
bloss anstellen, um in Schweden bleiben zu drfen?

Es galt unbedingt jemanden zu finden, der mir einen ersten Kontakt mit 
der Polizei ermglichte. Whrend der ersten Tage verriet ich 
niemandem, wer ich war. Nach einer halben Woche machte ich die 
Bekanntschaft eines schwedischen Juristen namens Lennart Aspegren, 
der fr die Schwedische Flchtlingshilfe arbeitete und auch bei 
Amnesty International ttig war. Ihm und einem anderen aktiven 
Mitglied der beiden Organisationen, einem Griechen namens Poniridis 
(er wurde spter griechischer Botschafter in Schweden!) enthllte ich 
meinen Hintergrund und offenbarte ihnen, dass ich als politischer 
Flchtling im Lande bleiben wollte. Beide waren sich nicht im klaren 
darber, wie die Polizei auf meinen falschen Pass reagieren wrde.

Poniridis schlug vor, wir sollten doch zusammen mit Lennart Aspegren 
die Polizeistation in Kungsholmen aufsuchen, wo ich einen Asylantrag 
einreichen sollte. Es bestand allerdings das Risiko, dass die Polizisten 
mich verhaften und ausweisen wrden. Mit dieser Mglichkeit hatte ich 
gerechnet. Deswegen nahm ich ein paar Englischlehrbcher mit. Falls 
ich hinter schwedische Gardinen wanderte, wrde ich wenigstens etwas 
zum Studieren haben.

Am letzten Tag meiner ersten Woche in Schweden, es war ein Freitag, 
begab ich mich zusammen mit Poniridis zu der besagten Polizeistation. 
Ich trug meinen kleinen roten Koffer bei mir, der Kleider und Bcher 
enthielt. Wir mussten uns bei einer ausgesprochen attraktiven Dame 
melden, die Kerstin hiess und als Kriminalinspekteurin arbeitete. 
Natrlich war ich nervs und verngstigt. 


                                                   146
Poniridis erklrte auf schwedisch, was er ber mich wusste, doch sie 
unterbrach ihn bald und stellte ihre Fragen direkt auf franzsisch an 
mich. Ich blieb alleine in ihrem Bro zurck. Sie war sehr freundlich 
und leutselig. Als sie erfuhr, dass ich mit einem falschen Pass 
gekommen war, wollte sie den Grund wissen. Nachdem ich ihr meine 
Geschichte erzhlt hatte, beglckwnschte sie mich spontan dazu, dass 
es mir gelungen war, lebend aus Marokko zu entrinnen. Sie wollte auch 
wissen, ob ich lieber in einem Hotel oder bei einer Familie wohnen 
wollte, whrend ich auf die offizielle Polizeibefragung wartete. Aus 
verschiedenen Grnden whlte ich die zweite Mglichkeit. 

Nach einigen Gesprchen auf einem Sozialamt nahm sie Kontakt mit 
einer Familie auf, welche sdlich von Stockholm in Axelsberg wohnte. 
Sie sorgte auch dafr, dass ich Geld bekam, und bat mich, am 
folgenden Tag mit ein paar neuen Photos zurckzukommen, so dass ich 
einen Auslnderausweis erhalten konnte. Auf dem Sozialamt bekam ich 
die Adresse der Familie, bei der ich vorderhand wohnen sollte, sowie 
Geld fr Kleider samt einer Monatskarte fr die U-Bahn.

Familie Hedell in Axelsberg bestand aus Mutter Ann-Sofie, Tochter 
Cecilia, Sohn Niklas und fnf Hunden. Ich bekam ein eigenes Zimmer 
und durfte Kche wie Badezimmer benutzen, wann immer ich wollte. 
Alle waren mir gegebber ungemein freundlich. Ann-Sofie konnte 
Franzsisch (ich sprach damals kaum Englisch) und dolmetschte fr 
mich.

Ich rief meine Freunde Lennart Aspegren und Poniridis an und erzhlte 
ihnen, wie sich die Dinge entwickelt hatten und dass ich bald zu einer 
offiziellen Befragung bei der Polizei antanzen musste. Durch die Polizei 
erfuhren die Medien von meiner Flucht aus Marokko und meinem 
jetzigen Aufenthalt in Schweden. Die meisten Leute, die ich in 
Marokko gekannt hatte, hielten mich fr mausetot, und die Kunde von 
meiner geglckten Flucht in den Norden Europas berraschte manche 
nicht wenig.





                                                   147
Die franzsische Nachrichtenagentur AFP brachte die Nachricht als 
erste. Der Leiter dieser Agentur in Stockholm. Georges Herbouse, war 
ein frherer franzsischer Offizier, der in Marokko stationiert gewesen 
war und nach seiner Pensionierung Journalist wurde. Er war gut ber 
die Verhltnisse in meinem Land unterrichtet und wusste sehr wohl, 
wer ich war, ohne dass wir uns frher je begegnet waren.

Kaum hatten die franzsischen Medien, die sich brennend fr die Lage 
in Marokko interessieren, via ein AFP-Telegramm erfahren, wo ich 
mich befand, entfesselten sie eine hektische journalistische Aktivitt. 
Die Nachricht von meinem Auftauchen in Stockholm prangte in 
grossen Lettern in den franzsischen Tages- und Wochenzeitungen. 
Auch der franzsische Rundfunk und das franzsische Fernsehen samt 
Radio Luxemburg vermeldeten die Nachricht. Reporter von Paris-
Match, L'Express, Le Nouvel Observateur, Le Monde und RTL (Radio 
Tlvision de Luxemburg) suchten mich in der schwedischen Kapitale 
auf, um mich zu interviewen. Kurzum, meine gelungene Flucht 
bewirkte einen Riesenwirbel. Sogar marokkanische Zeitungen druckten 
das AFP-Interview auf der Titelseite.

So erfuhren meine Eltern, Geschwister und Freunde in Marokko, dass 
ich noch unter den Lebenden weilte. Auch meine franzsische 
Freundin bekam die Nachricht zu Gesicht. Sie befand sich gerade in 
einem Laden in der Stadt Beauvais, als sie eine Ausgabe von Paris-
Match durchbltterte. Als sie Bilder von mir erblickte und von meinem 
Schicksal las, wurde sie mitten im Geschft ohnmchtig.

Whrend der ersten Zeit in Schweden lernte ich auch einen Mann 
kennen, der zu einem meiner besten Freunde werden sollte. Er hiess 
Stanislaw Romanow und war ein politischer Flchtling aus Polen. So 
traf ich, ein Asylant aus einem proamerikanischen und kapitalistischen 
Diktaturstaat, einen Asylanten aus einer prosowjetischen und 
kommunistischen Diktatur. Er konnte mir anfangs sehr viel helfen, denn 
er war ein paar Jahre frher nach Schweden gekommen und 
beherrschte die Landessprache.




                                                   148
Im September 1973 wurde ich auch vom schwedischen Fernsehen 
interviewt. Der Reporter war Lars-Ola Borglid. Meine ersten 
Erfahrungen fhrten dazu, dass ich einen hervorragenden Eindruck von 
diesem Land und seinen Menschen erhielt. Die Gesellschaftsform, das 
Land, die Schweden, die Natur - das alles sagte mir ungemein zu. Ganz 
besonders imponierte mir das politische System mit all seinen 
Menschen- und Freiheitsrechten, die auch wirklich in der Praxis 
existieren und nicht nur hohle Schlagworte sind.

Wre ich, der ich von Freiheit und Demokratie trumte, nach Algerien 
geflchtet, oder in einen kommunistischen Staat wie Polen, Russland 
oder Kuba, so wre ich sicher recht bald masslos enttuscht gewesen - 
so enttuscht, dass ich vielleicht den Verdacht geschpft htte, die 
Ideale, fr die ich mich in Marokko so eingesetzt hatte, seien bloss eitle, 
unmglich zu verwirklichende Trumereien. Die Realitt htte mich 
ernchtert. Doch nun war ich durch eine glckliche Fgung in 
Schweden gelandet, und hier erlebte ich, dass meine Trume sehr wohl 
zu verwirklichen waren. 

Hier gab es ja tatschlich Menschenrechte und Meinungsfreiheit, 
Pluralismus und Toleranz, und, was das wichtigste von allem war, auch 
politische und wirtschaftliche Demokratie und Gleichheit. Manche 
urislamischen Grundstze wie Menschenwrde, Freiheit und Gerecht-
igkeit, sind in Schweden ungleich besser verwirklicht als in einem sich 
islamisch nennenden Staat wie Marokko.

Sogar vom Paradies, wie es im Koran geschildert wird und wie ich es 
mir in meiner Phantasie ausgemalt hatte, erhielt ich eine Vision, als ich 
an einem schnen Sptsommertag in Schweden angelangte und die 
prachtvolle Natur sah. Als ich den Skrgarden zum ersten Mal zu 
Gesicht bekam, stellte ich mir das Paradies noch schner vor als zuvor. 
Trotz der uneingeschrnkten Bewunderung, die ich fr Schweden 
hegte, kreisten meine Gedanken immerfort um die Menschen in 
Marokko, wo meine Wurzeln lagen. Mein grundlegender Traum war 
stets, das dortige System zu verndern. so dass die Menschen auf eine 
lebenswerte Zukunft hoffen drfen. Ich wollte dort eine demokratische 
Revolution verwirklichen, so dass auch wir Marokkaner Menschen-
rechte bekamen, wie sie in Schweden als selbstverstndlich gelten. 

                                                  149
Da meine Wurzeln in Marokko liegen und meine Zukunftshoffnungen 
mit jenem Land verknpft sind, betrachte ich meine Zeit in Schweden 
bis zum heutigen Tag als Provisorium. Ich war nicht als Einwanderer 
gekommen, um fr immer hier zu bleiben, und hatte mich keineswegs 
auf einen dauerhaften Aufenthalt in diesem Lande eingestellt. Ich 
rechnete immer mit einem raschen Umschwung in Marokko, so dass 
ich heimkehren konnte.

Nach mehrwchigem Warten wurde ich zur Polizei beordert, wo eine 
eingehende Befragung stattfand. Es war dies mein zweiter Kontakt mit 
der schwedischen Polizei. Welch ein himmelweiter Unterschied zur 
Polizei in Marokko! Dort heisst es, ein Polizist sei wie ein Skorpion, der 
alles sticht, was ihm zu nahe kommt. Ein Polizist unterscheidet nicht 
zwischen Freund und Feind; sein Stachel bedroht alle. Die Foltergerte, 
welche in Marokko beim Verhr politischer Gefangener fleissig 
gebraucht werden, hngen in Schweden nur noch in Museen fr 
mittelalterliche Geschichte. 

Als ich es das erste Mal mit der schwedischen Polizei zu tun hatte, 
versprte ich noch die Furcht, die mich in Marokko immer 
berkommen hatte, wenn ich vor einem Polizisten stand. Doch diese 
Furcht verlor ich sehr rasch, und schon bald hatte ich vollstndiges 
Vertrauen in die schwedische Polizei.

Beim ersten eigentlichen Verhr unter der Leitung zweier junger 
Polizisten erschien es mir, als stellten sie nur jene Fragen, welche auf 
dem Formular vermerkt waren, denn sie machten einen eher 
gleichgltigen Eindruck. Sie arbeiteten mit Hilfe einer Dolmetscherin, 
einer Juristin, die diese Arbeit als Nebenjob verrichtete. Sie war sehr 
spontan und offenherzig. Auf ihrem Kleid trug sie ein Abzeichen der 
Konservativen Partei und betonte immer wieder, dass sie eine 
Konservative war. Dies hinderte sie freilich nicht daran, starke 
Sympathie fr meine Sache zu empfinden. Whrend wir auf die 
Polizisten warteten, zeigte sie auf zwei andere anwesende Uniformierte 
und sagte: "Der da ist ein Konservativer, und der andere ist ein Sozi." 
Das Wort Sozi hrte ich zum ersten Male, und ich erfuhr, dass damit 
ein Sozialdemokrat gemeint war. 

                                                   150
Als sie vernahm, dass ich mich an den Anwalt Hans-Gran Franck 
gewandt hatte, rgerte sie sich masslos. "Warum zum Teufel bist du zu 
einem Kommunisten gegangen? Das war wirklich keine gute Idee. Er 
verteidigt amerikanische Vietnam-Deserteure!" brach sie aus. Nach der 
Befragung usserte sie sich hochzufrieden ber das, was ich in 
Marokko getan hatte. "Wir brauchen solche wackeren Burschen wie 
dich, um den Olof Palme loszuwerden", ermunterte sie mich.

Ich erzhlte ihr meine ganze Geschichte. Leider liessen ihre 
Dolmetscherfhigkeiten zu wnschen brig, und sie beging grobe 
Schnitzer. Als ich ihr zum Beispiel ber den Kommandanten Saad 
berichtete, der "fantassin" (Infanterist) war, bersetzte sie das Wort mit 
"phantastisch". Aus meinem Vater, dem Scheich, machte sie einen 
Prinzen! Nachdem ich auf ihre oft fehlerhafte bersetzung hingewiesen 
hatte, bernahm ein ehemaliger Botschafter die Dolmetscherrolle. Bei 
der Befragung waren zwei hohe Angehrige der Sicherheitspolizei 
anwesend. Nun stellte man mir die Fragen nicht mehr nach dem 
Formular, sondern passte sie meinem konkreten Fall an.

Ich bekam eine Aufenthaltserlaubnis. Sie wurde am 12. Dezember 
1973 rechtskrftig. Da ich mein Geburtsdatum nicht kenne, aber fr 
meine Personalnummer unbedingt eines brauchte, whlte ich den 12. 
Dezember, das Datum meiner Wiedergeburt. Wie durch ein Wunder 
hatte ich mein Land lebend verlassen knnen und besass nun eine neue 
Heimat.

Ans Aufgeben hatte ich ja nie gedacht, nicht einmal in den 
schwrzesten Augenblicken nach dem gescheiterten Putsch und 
whrend der Flucht. Nie htte ich erwogen, meinen Kampf fr 
Demokratie und Menschenrechte aufzugeben. Auch wenn der 
Staatsstreich gelungen wre und wir danach mit der Revolution ernst 
gemacht htten, wre es mir eingefallen, die Hnde in den Schoss zu 
legen. 

Der Mensch bleibt ja Mensch und wirft seine Fehler und Gebrechen 
nicht mit einem politischen Kurswechsel ab. Machtmissbrauch, soziale 
Ungerechtigkeiten und vulgrer Egoismus wren natrlich auch in einer 
revolutionren Gesellschaft nicht ausgestorben. 

                                                   151
Der Kampf, den wir gegen Tyrannei und Machtmissbrauch, gegen 
Unterdrckung und Unrecht fhren, wird niemals zu Ende sein. Der 
Kampf fr die Freiheit ist nie endgltig gewonnen. Er muss 
weitergefhrt werden, solange es Menschen gibt. Je schreiender die 
Ungerechtigkeiten und je grsser die Herausforderungen waren, desto 
strker war mein Wille, weiterzufechten. Auch in Schweden, wo die 
Menschenrechte in so hohem Masse verwirklicht sind, kmpfen 
Menschen weiter fr eine Verbesserung des Systems.

Ich bin weiterhin der berzeugung, dass tiefgreifende Vernderungen 
und eine demokratische Revolution in Marokko nur eine Frage der Zeit 
sind. Die Revolution kommt, ob mit mir oder ohne mich. Ich betrachte 
es immer noch als meine Pflicht und mein Recht, den Kampf fr die 
Befreiung meines Vaterlandes von der Gewaltherrschaft und fr seine 
bessere Zukunft weiterzufhren. Ich will meine Freunde nicht verraten, 
die in diesem Kampf gefallen sind. 

Dieses Gelbde habe ich im Gedenken an meine fnfzehn Offiziers-
kameraden abgelegt, die nach dem zweiten Putschversuch im Kugel-
hagel der Erschiessungskommandos gestorben sind, aber auch im 
Gedenken an die ber tausend Menschen, welche aufgrund ihrer 
Beteiligung am ersten Putschversuch immer noch unter menschen-
unwrdigen Verhltnissen im Kerker schmachten. Nie werde ich ihr 
Andenken schnden, indem ich meinen Idealen untreu werde!















                                                  152

        Ahmed  Rami



















   Ein  Leben
     fr  Freiheit


                                Eine  Selbstbiographie


                      Deutsche  bersetzung:  Jrgen  Graf

Ein  spannendes
Lebensschicksal !


Nicht viele Menschen unserer Zeit drften ein so 
ereignisreiches Leben hinter sich haben wie der nunmehr in 
Schweden ansssige Marokkaner Ahmed Rami, der Sohn 
eines berberischen Stammeshuptlings und spter 
ausgebildeter Offizier in der marokkanischen Armee.

Zusammen mit anderen Gegnern des korrupten Regimes 
ihres Landes hat er sich der junge Panzeroffizier Anfang 
der siebziger Jahre zweimal an khnen Staatsstreichen 
beteiligt, um den diktatorischen und depravierten Knig 
abzusetzen, beidemal ohne Glck. Bei der letzteren 
Gelegenheit schwebte er in grsster Lebensgefahr, bis es 
ihm schliesslich gelang, sich als Flchtling in Sicherheit zu 
bringen.

Ahmed gehrt zu den wenigen intelligenten, mutigen 
Menschen, die bereit sind, alles fr die Ideale der Freiheit 
und Gerechtigkeit zu geben. Seine Lebensgeschichte ist 
nicht nur ungewhnlich spannend, sondern auch sehr 
aufschlussreich in bezug auf die drngenden geistigen und 
sozialen Probleme unserer Zeit!


















		Gib mir Gleichmut, 
		die Dinge zu akzeptieren,
		die ich nicht ndern kann!
	
		Gib mir Mut, 
		die Dinge zu ndern,
		die ich ndern kann!
	
		Gib mir Weisheit, das eine 
		vom anderen zu unterscheiden!















                                                       5


























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